Meine Klimabiografie

Meine Klimabiografie

Als Initiator dieser Web-Plattform möchte ich deutlich machen, dass es darum geht, immer wieder neu anzufangen. Das tue ich am Besten anhand meiner persönlichen Klima-Biografie. Lesen…

Als ich 12 Jahre alt war, kaufte sich mein Vater einen Mercedes S-Klasse und darin saß ich dann, stolz wie Oskar, fühlte mich erhaben über den Rest der Menschheit, über alle die anderen mit ihren Kleinwägen. Es es wäre mir zu dieser Zeit niemals in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, ob das irgendwelche Auswirkungen auf „die Umwelt“ haben könnte.

Mit 15 war mein sehnlichster Traum ein Mofa, dass ich dann auch bekommen und so auffrisiert habe, dass es am Schluss 45 km/h fahren konnte, ungefähr so laut war wie ein Düsenjäger im Tiefflug und Sprit verbraucht hat, wie ein Kleinwagen Aber ich war stolz und begeistert und liebte den Geruch ölverschmierter Motoren.

Mit 16 konnte ich mir dann endlich ein Moped leisten, eine Enduro Honda MB 50. Damit sind wir in eine alte Lehmgrube gefahren und haben mit Begeisterung „Gelände fahren“ gespielt – so gut es eben mit den wenigen PS möglich war.

Dann kam ich mit 17 zur katholischen Jugend. Ein sehr kluger, etwas älterer junger Mann, sagte zu mir: „irgendwie kommt mir das mit dem Gelände fahren so vor, wie ein Wetttrinken in der Wüste. Das Öl geht zur Neige, aber wir fahren jetzt noch mal aus Spaß spazieren. Das ist, als wenn man sagen würde, ‚wir haben jetzt nur noch Wasser für drei Tage, jetzt machen wir mal ein Wetttrinken‘. „

Für mich war das derartig einleuchtend und klar, dass ich daraufhin mein Moped verkauft habe. Als ich 18 wurde, war für mich eigentlich auch klar: „irgendwann werden alle Leute sehen, dass es so nicht weitergeht, mit dem Verkehr, mit der Verschwendung von Erdöl als Rohstoff…“ und auch der Klimawandel war mittlerweile eine für mich bekannte Größe. Also habe ich darauf verzichtet, einen Führerschein zu machen, was übrigens jahrelang viel Anlass zu Kritik gegeben hat, da ich ja schließlich doch immer wieder als Beifahrer im Auto saß, in einer Welt, die zu 80% auf´s Autofahren ausgelegt war und ist.

Zunächst arbeitete ich als Krankenpfleger und konnte so auch einigermaßen ohne Führerschein über die Runden kommen. Aber dann studierte ich und wurde – kaum zu glauben – Unternehmensberater. Dafür machte ich mit 30 zuerst mal meinen Führerschein, weil ich sonst den Job nicht bekommen hätte. Und dann: wurde ich Vielflieger bei der Lufthansa, durfte in der schönen Business Lounge sitzen und bin jede Woche mindestens zweimal geflogen – innerdeutsch! Auch wenn ich mir heute noch so sehr in den ein bestimmtes Körperteil treten könnte, dass ich all das (mit)gemacht habe, so war es eben.

Inzwischen bin ich 25 Jahre älter, immer noch Unternehmensberater und versuche, so gut es geht, klimaschonend zu reisen, indem ich die Bahn nutze. Aber auch mir passieren immer wieder Ausrutscher, sprich innerdeutsche Flüge, die wir zukünftig noch strikter vermeiden und ggf. per atmosfair „kompensieren“ werden.

Ein schwieriger Punkt ist die Tatsache, dass mein Vater auf einem anderen Kontinent lebt und wenn ich ihn sehen will – er ist inzwischen zu alt, um selbst zu reisen – dann muss ich hinfliegen. Daher sitze ich alle zwei Jahre im Flugzeug und lege insgesamt 20.000 Meilen im Langstreckenflieger zurück. Mittlerweile kompensiere ich diese Fliege via atmosfair, aber das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Viel besser wäre es, dieses CO2 gar nicht erst in die Luft zu pusten. Das ist auch ein typisches Beispiel für eine Güterabwägung, denn ich kann mir nicht vorstellen, meinen Vater überhaupt nicht mehr zu besuchen.

Nachdem ich 30 Jahre lang politisch quasi im Koma war, habe ich beschlossen, aus meiner verborgenen Wut über das Verpassen von Chancen, über das achtlose Dahingeben der Lebensgrundlagen meiner Kinder und über die strukturelle Ungerechtigkeit beim Umgang mit den Ressourcen unserer Welt, diese Webseite zu starten. Ich werde diese Arbeit weiterführen, solange wir dazu die Möglichkeit bleibt.

Während ich an dieser Webseite arbeite, muss ich leider permanent erkennen, wie viel ungenutzte Möglichkeiten, sich nachhaltiger zu verhalten, ich bislang nicht genutzt habe. Das das hat natürlich auch einen starken Impact auf meine alltägliche Lebensgestaltung, die sukzessive nachhaltiger wird. Für mich bedeutet das eine immer konsequentere vegane Ernährung, Radfahren statt Auto, Vermeidung langer Reisen in den Urlaub, eher warm anziehen, als stark heizen und so weiter.

An der Klima-Hypothek, die ich in meinem Leben angehäuft habe und nie bezahlen kann, lässt sich kaum etwas ändern und ich wünschte, ich hätte schon früher mein Verhalten korrigiert. Auch wenn es in meinem Alltagsleben noch tausend Sachen zu verbessern gibt: zumindest die Richtung ist klar und jeden Tag finde ich etwas, was ich geschickter gestalten kann. Dabei habe ich nicht das Gefühl, groß Verzicht üben zu müssen, denn meist zeigt sich, das die nachhaltigere Verhaltensoption durchaus auch eine angenehme sein kann.

Nach meiner Erfahrung braucht eine grundlegende Verhaltensänderung auch eine spirituelle Basis. Bei mir ist das eine einfache Meditationspraxis und Achtsamkeitsübung. Ich orientiere mich an den buddhistischen Lehren, die schon vor 2500 Jahren klargemacht haben, das innerer Friede nicht im Außen zu finden ist und schon gar nicht in irgendeiner Form von Konsum. Und dieser innere Friede ist mir inzwischen wichtiger, als kurzfristiger Spaß (der natürlich dennoch sein darf).

Wenn Du auch etwas über Deine Erfahrungen berichten möchtest, schreib mir doch, ich würde mich freuen – und wenn Du magst, Deinen Beitrag veröffentlichen.