Was ist Gerechtigkeit?

Was ist Gerechtigkeit?

Wie würde eine gerechte Gesellschaft aussehen?

Stell Dir einmal vor, Du könntest Dir vor deiner Geburt aussuchen, in welche Gesellschaft du geboren werden willst. Du wüsstest aber nicht,

  • wie intelligent Du sein wirst;
  • an welchem Ort Du geboren wirst;
  • wie gebildet, wie reich, wie liebevoll, Deine Eltern sind und welcher Religion sie angehören;
  • was deine Hautfarbe ist;
  • ob Du Mann oder Frau sein wirst; ob Du heterosexuell, homosexuell oder transsexuell sein wirst;
  • wie attraktiv Dein genetisches Aussehen sein wird, ob Du behindert bist oder nicht;
  • und so weiter…

Wie würden die Regeln der Gesellschaft aussehen, die du wählen würdest?

Dieses Gedankenexperiment wurde von John Rawls erdacht und ist unter dem Stichwort THE VEIL OF IGNORANCE bekannt geworden.

Wikipedia erklärt das so: Die Vertragspartner befinden sich in einem hypothetischen „Urzustand“ (original position), der durch einen „Schleier des Nichtwissens“ (veil of ignorance) gekennzeichnet ist. In dieser angenommenen Situation wird über die Gerechtigkeitsprinzipien entschieden, die der realen Gesellschaftsordnung zugrunde liegen sollen. Die Entscheidungsträger wissen aber im Urzustand selbst nicht, an welcher Stelle dieser zu bestimmenden Ordnung sie sich befinden werden. Durch diese neutrale, anonymisierte Entscheidungssituation soll sichergestellt werden, dass die gewählten Gerechtigkeitsprinzipien in einem fairen Verfahren zustande kommen.

Ausgehend von diesem Gedankenexperiment argumentiert Rawls für zwei Grundsätze der Gerechtigkeit.

„1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.

2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, daß (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.“

Vorschaubild zum Video „POLITICAL THEORY - John Rawls“

POLITICAL THEORY – John Rawls

YouTube · The School of Life

Ich glaube, eines ist ziemlich sicher: Die wenigsten würden eine Gesellschaft wählen wollen, die z.B. dadurch gekennzeichnet ist,

  • dass Wenige über den größten Teil des Vermögens verfügen und auf diese Weise einen weit überproportionalen Einfluss auf politische Entscheidungen haben,
  • dass die Bildung der Eltern eine der wichtigsten Determinanten für die Bildungslaufbahn der Kinder ist,
  • dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten, als Männer,
  • dass Du als Migrant*in Feindseligkeiten ausgesetzt bist,

… wie die unsere oder eine Gesellschaft die z.B. dadurch gekennzeichnet ist,

  • dass Du als Mitglied der armen Bevölkerungsschicht (90%) kaum Chancen auf eine weiterführende Bildung hast,
  • dass der größte Teil des Landes einigen wenigen Großgrundbesitzern gehört,
  • dass die Regierung korrupt und despotisch ist,
  • dass das Land arm und hoch verschuldet ist und sich daher dem Diktat der reichen Länder unterwerfen muss

… wie es in den meisten Länder des globalen Südens der Fall ist.

Welche Regeln hätte die Gesellschaft, die Du Dir aussuchen würdest, wenn Du nicht wüsstest, mit welchen Voraussetzungen und in welche Situation hinein Du geboren wirst?

Gerechtigkeit weiter gedacht: Rawls, Sen, Nussbaum, Singer und Pogge

Rawls’ Schleier des Nichtwissens ist ein guter Anfang. Aber Rawls dachte vor allem an eine einzelne Gesellschaft. Andere Philosophen/innen haben gefragt: Was heißt Gerechtigkeit für die ganze Welt? Hier die wichtigsten Antworten – es sind philosophische Positionen, keine gesicherten Fakten.

  • Rawls selbst wollte sein Unterschiedsprinzip (Ungleichheit nur, wenn sie den Schwächsten nützt) nicht auf die Welt übertragen. In seinem späteren Buch „Das Recht der Völker“ fehlt es. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
  • Amartya Sen fragt nicht zuerst, wie viel Geld jemand hat, sondern was ein Mensch tatsächlich tun und sein kann. Diese „Verwirklichungschancen“ (capabilities) sind der Maßstab. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
  • Der Grund: Geld und Güter allein reichen nicht. Ein Mensch im Rollstuhl braucht zum Beispiel mehr, um genauso mobil zu sein. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
  • Martha Nussbaum geht einen Schritt weiter. Sie nennt eine feste Liste von zehn zentralen Fähigkeiten, die jeder Staat allen Menschen sichern soll. Sen dagegen lehnt eine feste Liste ab. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
  • Peter Singer (1972): Wenn wir etwas Schlimmes verhindern können, ohne etwas vergleichbar Wichtiges zu opfern, sollen wir es tun. Sein Bild: Wer ein Kind im flachen Teich ertrinken lässt, handelt unmoralisch – egal, ob es nah oder fern ist. (Wikipedia)
  • Thomas Pogge argumentiert anders: Es geht nicht nur um Hilfe. Die reichen Länder gestalten eine Weltordnung, die den Armen schadet. Damit verletzen sie die Pflicht, anderen nicht zu schaden. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Was heißt das für uns? Ob Hilfspflicht (Singer) oder Pflicht, nicht zu schaden (Pogge): Beide Wege führen zu demselben Ergebnis – wir im reichen Norden tragen Verantwortung für faire Regeln weltweit.

Klimagerechtigkeit und Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Stell Dir den Schleier des Nichtwissens noch einmal vor – diesmal weißt Du nicht einmal, in welchem Jahrhundert Du geboren wirst. Genau diese Frage beschäftigt inzwischen die höchsten Gerichte.

  • Wer hat die Klimakrise verursacht? Eine Studie in „The Lancet Planetary Health“ (2020) rechnet: Der globale Norden ist für 92 Prozent der Emissionen verantwortlich, die über einem fairen Anteil lagen. Die USA allein für 40 Prozent. (Hickel)
  • Die meisten Länder des globalen Südens, auch Indien und China, lagen nach dieser Rechnung bis 2015 innerhalb ihres fairen Anteils. (Hickel)
  • Das Bundesverfassungsgericht entschied am 24. März 2021: Das damalige Klimaschutzgesetz war teilweise verfassungswidrig, weil Regeln für die Zeit nach 2030 fehlten. (Bundesverfassungsgericht)
  • Der Kern: Wer heute zu viel CO2 ausstößt, schiebt die Last auf die Jungen. Das schränkt deren Freiheit später ein – schon das verletzt Grundrechte. (Bundesverfassungsgericht)
  • Der Bundestag besserte nach: Seit dem 31. August 2021 gilt das Ziel, bis 2045 treibhausgasneutral zu sein und bis 2030 mindestens 65 Prozent weniger auszustoßen. (Bundesregierung)
  • Am 23. Juli 2025 legte der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag sein Gutachten vor: Staaten haben Pflichten zum Klimaschutz – aus den Klimaverträgen, aus den Menschenrechten und aus dem Gewohnheitsrecht. (Legal Tribune Online)
  • Wer diese Pflichten verletzt, begeht laut IGH eine völkerrechtswidrige Handlung. Sogar Subventionen für Kohle, Öl und Gas können darunter fallen. (IISD)

Was heißt das für uns? Klimagerechtigkeit ist keine bloße Moralfrage mehr – sie wird zum Rechtsanspruch. Wer am wenigsten zur Krise beigetragen hat, darf nicht am meisten darunter leiden.

Warum Rawls seinen Schleier nicht auf die ganze Welt angewendet hat

In „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) denkt Rawls an eine einzelne Gesellschaft. Für die Beziehungen zwischen Staaten schrieb er später „Das Recht der Völker“ (1999). Dort verlangt er zwar Menschenrechte und eine Pflicht, belasteten Gesellschaften zu helfen. Das Unterschiedsprinzip – Ungleichheit nur, wenn sie den Schwächsten nützt – überträgt er aber nicht auf die Welt.

Viele seiner Schüler/innen widersprechen. Kosmopolitische Denker/innen wie Thomas Pogge sagen: Wenn der Geburtsort genauso zufällig ist wie Hautfarbe oder Geschlecht, dann muss der Schleier des Nichtwissens auch den Geburtsort verdecken. Genau darum geht es bei diesem Gedankenexperiment: Du weißt nicht, „an welchem Ort Du geboren wirst“. Das ist eine philosophische Position, keine gesicherte Tatsache – aber eine sehr einflussreiche.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy

Verwirklichungschancen: Sen und Nussbaum im Vergleich

Der Capability-Ansatz unterscheidet zwei Dinge: Verwirklichungschancen (was Du tun und sein könntest, wenn Du willst) und Funktionen (was Du tatsächlich tust und bist). Gerecht ist eine Gesellschaft, wenn alle Menschen echte Chancen haben – nicht nur gleich viel Geld. Denn ein Mensch mit Behinderung, eine schwangere Frau oder ein Kind brauchen unterschiedlich viel, um dieselben Möglichkeiten zu haben.

Amartya Sen will bewusst keine feste Liste: Welche Chancen zählen, sollen Gesellschaften in öffentlicher Debatte klären. Martha Nussbaum dagegen nennt eine feste Liste von zehn „zentralen menschlichen Fähigkeiten“, die nach ihrer Ansicht in jeder Verfassung allen Menschen garantiert werden sollen.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy

Helfen oder nicht schaden? Singer und Pogge im Streit

Peter Singer schrieb 1972 in „Famine, Affluence, and Morality“: Wenn wir etwas Schlimmes verhindern können, ohne etwas vergleichbar Wichtiges zu opfern, sind wir moralisch dazu verpflichtet. Wer ein Kind im flachen Teich ertrinken lässt, obwohl er es retten könnte, handelt unmoralisch – und nach Singer ändert die Entfernung daran nichts. Daraus folgt eine starke Pflicht, gegen Armut in der Welt zu helfen.

Thomas Pogge setzt anders an. Für ihn ist Armut nicht nur ein Unglück, bei dem wir helfen sollten. Die reichen Staaten gestalten Regeln für Handel, Kredite und Rohstoffe, die die Armen benachteiligen. Damit verletzen sie die Pflicht, anderen nicht zu schaden. Die Folge: Es braucht vor allem andere Regeln, nicht nur mehr Hilfe. Beides sind philosophische Positionen.

Quellen: Wikipedia · Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts genau erklärt

Junge Menschen, unterstützt von Umweltverbänden, hatten gegen das Klimaschutzgesetz von 2019 geklagt. Das Gericht entschied am 24. März 2021 (Az. 1 BvR 2656/18 u. a.): Das Gesetz legte nur bis 2030 fest, wie viel CO2 ausgestoßen werden darf. Danach bleibt immer weniger übrig. Wer heute zu viel verbraucht, zwingt die Jungen später zu sehr harten Einschnitten.

Das Gericht nannte das eine „eingriffsähnliche Vorwirkung“: Schon heute werden die Freiheitsrechte von morgen gefährdet. Der Gesetzgeber musste bis Ende 2022 nachbessern und tat es schon 2021: Klimaneutralität bis 2045, minus 65 Prozent bis 2030. Damit ist Generationengerechtigkeit in Deutschland zu einem einklagbaren Maßstab geworden.

Quellen: Bundesverfassungsgericht · Bundesregierung