Ohne eine Neuausrichtung des globalen Wirtschaftssystems sind die Probleme nicht zu lösen
Das Zusammenwirken von ungeregeltem globalen Kapitalismus, den dadurch gestützten illegitimen und demokratiegefährdenden Machtstrukturen und die daraus folgende Ungleichheit für die Zukunft des menschlichen (Zusammen)Lebens fatal. Hier geht es darum, die Fakten zu analysieren und Wege zu einem nachhaltigen, ökologisch verträglichen und am Gemeinwohl orientierten Wirtschaften zu finden.
Das weltweite kapitalistische Wirtschaftssystem führt zur Ausbeutung und immer extremerer Ungleichheit. Diese Ungleichheit ist global zwischen den Ländern ebenso erkennbar wie innerhalb einzelner Staaten. Dort, wo Ungleichheit zu großer Armut und Chancenlosigkeit führt, steigt der Migrationsdruck. Ungleichheit hat negative Einflüsse auf nahezu alle Aspekte des (Zusammen)Lebens. Die Macht von Konzernen ist nicht mehr demokratisch kontrollierbar. Die Konzerne (Shareholder-getrieben und quartalsgesteuert) sind wiederum daran interessiert, die gegenwärtige Form des Wirtschaftens zu erhalten und nehmen dazu erheblichen, nicht-legitimierten Einfluss auf die Gesellschaften.
In einem bemerkenswerten Essay („Immer mehr Wachstum wird unser Leben zerstören“ veröffentlicht in Zeit Online, 14.6.19) beschreibt Martin Kolmar, Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, die wichtigsten Aspekte für einen Systemwandel. Dabei nennt er exakt die Themen, die in unserem WebProjekt als die maßgeblichen Wurzeln der Probleme und damit zugleich Ansatzpunkte für Lösungen behandelt werden.
- Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zwischen Ländern habe seit 1980 zwar abgenommen, doch innerhalb vieler Staaten habe sie zugenommen. Jede Demokratie sei aber auf ein Mindestmaß an ökonomischer Gleichheit angewiesen. „Setzt sich die Konzentration von Reichtum fort, verwandeln sich demokratische Staaten in De-facto-Oligarchien, in denen Demokratie nur noch die äußere Hülle ist für eine nach innen von einer ökonomisch mächtigen Elite bestimmten Gesellschaft.“ (vgl. unsere Seite zum Thema „Ungleichheit überwinden„
- Die Globalisierung zu einer Machtverschiebung vom Staat hin zu internationalen Konzernen geführt. Große Unternehmen könnten sich immer mehr der Besteuerung und Regulierung entziehen – und die Staaten unterbieten sich dementsprechend gegenseitig bei Steuersätzen und Regulierungsstandards, um die Konzerne im Land zu halten. (Vgl. unsere Seite zum Thema „Nicht legitmierte Macht begrenzen„)
- Die Digitalisierung führt dazu, dass sich die Macht vom Bürger noch weiter zu den Konzernen verschiebt. „Code is Law“ (Zitat: Lawrence Lessig) (vgl. unser Kapitel zu „Künstliche Intelligenz und Robotik – eine neue Dimension von (wirtschaftlicher) Macht“
- Der digitale Strukturwandel wird in erheblichem Umfang zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. (Vgl. Kapitel „Was ist Industrie 4.0?“)
- Die ökologische Zerstörung schreitet auf Kipppunkte zu: vgl. unsere Seiten zu Klimawandel und Artensterben. Es droht ein Zusammenbruch der Ökosysteme – die wir aber zum Überleben brauchen. Dabei wächst die Bevölkerung weltweit. (vgl. Kapitel „Überbevölkerung – neue Prognosen„.
Was Kolmar vorschlägt, ist ein Green New Deal. der letztlich nur in internationaler Zusammenarbeit zu verwirklichen ist.
Die Schuldenkrise des globalen Südens – und was in Sevilla beschlossen wurde
Die neuesten Zahlen der UN zeigen: Das Problem ist größer geworden.
- Die Staatsschulden weltweit sind 2025 auf 111 Billionen US-Dollar gestiegen. (UNCTAD)
- Entwicklungsländer zahlten 2025 netto 995 Milliarden Dollar Zinsen auf ihre Staatsschulden. (UNCTAD)
- 3,7 Milliarden Menschen leben in Ländern, die mehr für Zinsen ausgeben als für Bildung oder Gesundheit – 1,2 Milliarden mehr als 2010. Betroffen sind 51 Entwicklungsländer. (UNCTAD)
- Ein vom Vatikan angestoßener Expertenbericht unter Leitung von Joseph Stiglitz (Jubilee Report, Juni 2025) warnt: Überschuldete Länder sparen an Schulen, Gesundheit und Klimaschutz. (Boston University Global Development Policy Cent)
- Im Sommer 2025 trafen sich die Staaten in Sevilla zur 4. UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung. Das Ziel: eine Finanzierungslücke von jährlich 4 Billionen Dollar zu schließen. Die USA stiegen aus den Verhandlungen aus. (UN News)
- Entwicklungsorganisationen wie Eurodad kritisieren: Das Ergebnis bleibt weit hinter dem zurück, was die Schulden- und Klimakrise erfordert (Bewertung eines Netzwerks zivilgesellschaftlicher Organisationen). (Eurodad)
- Ein konkretes Ergebnis: Im April 2026 gründeten Schuldnerländer eine eigene „Borrowers’ Platform“, um sich gegenüber Gläubigern abzustimmen. Die Idee stammt aus der Sevilla-Verpflichtung. (Daily FT)
Was heißt das für uns? Ohne faire Regeln für Schulden bleibt Entwicklung ein Versprechen. Initiativen wie das Bündnis erlassjahr.de setzen sich seit Jahren für ein faires Entschuldungsverfahren ein.
Wie steht es um die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs)?
2015 hat sich die Welt 17 Ziele für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung gegeben – bis 2030. Weniger als fünf Jahre vor dem Ende ziehen die UN Bilanz.
- Es gibt echte Erfolge: Erstmals hat mehr als die Hälfte der Menschheit eine soziale Absicherung. (UN)
- Aber nur 36 Prozent der 139 messbaren Unterziele sind auf Kurs oder kommen mäßig voran. 49 Prozent bewegen sich zu langsam, 15 Prozent sind sogar hinter den Stand von 2015 zurückgefallen. (UN)
- Noch immer lebt jeder zehnte Mensch in extremer Armut. 2,3 Milliarden Menschen sind von Ernährungsunsicherheit betroffen. (UN)
- Kriege nehmen zu: 118 Millionen Menschen sind auf der Flucht. (UN)
- Gleichzeitig kürzen reiche Länder: Die öffentliche Entwicklungshilfe ist 2025 um den Rekordwert von 23 Prozent gesunken. (UN)
- Der unabhängige Sustainable Development Report 2026 (SDSN) rechnet strenger: Nur 16 Prozent der Unterziele werden bis 2030 voraussichtlich erreicht. Finnland, Schweden und Dänemark liegen vorn. (UN Sustainable Development Solutions Network)
Was heißt das für uns? Die Ziele sind richtig, aber das Tempo reicht nicht. Entscheidend ist Geld – und damit faire Regeln für Schulden, Steuern und Handel.
Sicher und gerecht: die Donut-Ökonomie und die Grenzen des Planeten
Kolmar fordert ein Wirtschaften, das ökologisch verträglich und gerecht ist. Ein Bild dafür hat die britische Ökonomin Kate Raworth entworfen: den „Donut“. Die Wissenschaft liefert inzwischen die Messwerte dazu.
- Der innere Ring des Donuts ist das soziale Fundament: Niemand soll beim Lebensnotwendigen zu kurz kommen. (Doughnut Economics Action Lab)
- Der äußere Ring ist die ökologische Decke: Wir dürfen die Lebensgrundlagen der Erde nicht zerstören. Dazwischen liegt der Raum, der sicher und gerecht ist. (Doughnut Economics Action Lab)
- Eine Studie in „Nature Sustainability“ (2022) prüfte über 140 Länder. Ergebnis: Kein Land deckt die Grundbedürfnisse seiner Menschen mit einem Ressourcenverbrauch, der für alle Menschen der Welt tragbar wäre. (Fanning, O’Neill, Hickel & Roux)
- Laut Planetary Health Check sind sieben von neun planetaren Grenzen überschritten. 2025 kam die Versauerung der Meere neu dazu; der Bericht vom September 2026 bestätigt das Bild. (Stockholm Resilience Centre)
- Die Earth Commission hat 2023 in „Nature“ Grenzen berechnet, die auch Menschen vor Schaden schützen. Ergebnis: Sieben von acht dieser „sicheren und gerechten“ Grenzen sind schon überschritten. (Rockström et al.)
- Bemerkenswert: Beim Klima ist die Gerechtigkeitsgrenze strenger als die reine Sicherheitsgrenze. Schon weniger Erwärmung schadet vielen Menschen schwer. (Rockström et al.)
Was heißt das für uns? Der globale Süden muss im Donut nach oben wachsen dürfen – der reiche Norden muss seinen Verbrauch senken. Das ist der Kern globaler Fairness.
Das Klima-Gutachten des Internationalen Gerichtshofs: Was es bedeutet – und was nicht
Die UN-Generalversammlung hatte den IGH um ein Gutachten gebeten. Am 23. Juli 2025 antwortete das Gericht: Staaten haben Pflichten zum Klimaschutz. Sie ergeben sich aus den Klimaverträgen, den Menschenrechten und dem Gewohnheitsrecht. Der IGH bekräftigte das 1,5-Grad-Ziel. Verstöße sind völkerrechtswidrig – auch die Förderung oder Subventionierung fossiler Brennstoffe kann darunter fallen.
Wichtig sind die Grenzen: Das Gutachten ist nicht rechtsverbindlich. Ob ein Staat Schadenersatz zahlen muss, ist im Einzelfall zu klären. Wie streng die Pflichten sind, hängt auch von den Fähigkeiten eines Staates ab – wer mehr Möglichkeiten hat, muss mehr tun. Für die Klimagerechtigkeit ist das ein großer Schritt: Kleine, verletzliche Staaten haben jetzt ein starkes Argument vor Gerichten weltweit.
Quellen: Legal Tribune Online · IISD
Warum Zinsen Entwicklung bremsen – das Beispiel Afrika
Arme Länder zahlen für Kredite oft viel höhere Zinsen als reiche. Steigen die Zinsen weltweit, frisst der Schuldendienst einen immer größeren Teil des Staatshaushalts. Das Geld fehlt dann für Schulen, Kliniken oder Anpassung an den Klimawandel. Die UNCTAD stellt fest: Zinszahlungen wachsen schneller als die wichtigsten Ausgaben für Entwicklung.
In Afrika ist das besonders deutlich: 2010 lebten 24 Prozent der Menschen in Ländern, die mehr für Zinsen als für Bildung oder Gesundheit ausgaben. 2023 waren es 65 Prozent. Der Jubilee Report von 2025 fordert deshalb tiefe und dauerhafte Reformen der internationalen Finanzarchitektur – etwa Schuldenerlasse und andere Regeln bei Internationalem Währungsfonds und Weltbank.
Quellen: UNCTAD · Boston University GDP Center
Die Sevilla-Verpflichtung: Was beschlossen wurde und was fehlt
Die 4. UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung (FfD4) fand vom 30. Juni bis 3. Juli 2025 in Sevilla statt. Das Abschlussdokument „Compromiso de Sevilla“ wurde schon im Juni in New York ausgehandelt – ohne die USA, die ausgestiegen waren. Es soll die jährliche Finanzierungslücke von rund 4 Billionen Dollar schließen helfen.
Zivilgesellschaftliche Netzwerke wie Eurodad sehen Licht und Schatten (Position): Ein zwischenstaatlicher Prozess zu Schulden bleibt, wurde aber stark verwässert – er soll nur noch Empfehlungen geben. Positiv sehen sie neue Zusagen für gerechtere Steuersysteme, mehr Transparenz und eine faire Besteuerung von Konzernen und Superreichen. Die UN bewerten Sevilla im SDG-Bericht 2026 als zentralen Hebel, um die Finanzierungslücke zu schließen.
Eine UN-Steuerkonvention: Stand der Verhandlungen (November 2026)
Kolmar beschreibt, wie Staaten sich bei Steuern gegenseitig unterbieten. Bisher wurden die internationalen Steuerregeln vor allem in der OECD gemacht, dem Club der reichen Länder. Seit August 2025 verhandeln die Vereinten Nationen über eine Rahmenkonvention zur internationalen Steuerzusammenarbeit. Dazu kommen zwei erste Zusatzprotokolle: zur Besteuerung grenzüberschreitender Dienstleistungen (etwa digitale Dienste) und zur Lösung von Steuerstreitigkeiten.
Die fünfte Runde fand vom 3. bis 13. August 2026 in New York statt, die sechste vom 30. November bis 10. Dezember 2026 in Nairobi. 2027 soll die Konvention der UN-Generalversammlung vorgelegt werden. Die USA haben sich im Februar 2025 zurückgezogen und angekündigt, das Ergebnis abzulehnen.
Quellen: EY Tax News · Tax Justice Network · International Tax Review