Ein Brief an die Wütenden
Du bist wütend. Ja. So ist es. Du bist wütend auf andere. Die eigentlich kein Recht haben, hier zu sein und auch noch Unterstützung bekommen. Oder? Ist das wirklich der Grund für Deine Wut? Ich glaube, Dein Ärger und Deine Wut sind ein Instrument, das Dir zeigen kann, was Du wirklich brauchst. Denn wer nicht bekommt, was er wirklich braucht, wird irgendwann ärgerlich und schließlich wütend.
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Du bist wütend. Ja. So ist es. Du bist wütend auf andere. Die eigentlich kein Recht haben, hier zu sein und auch noch Unterstützung bekommen. Oder? Ist das wirklich der Grund für Deine Wut? Ich glaube, Dein Ärger und Deine Wut sind ein Instrument, das Dir zeigen kann, was Du wirklich brauchst. Denn wer nicht bekommt, was er wirklich braucht, wird irgendwann ärgerlich und schließlich wütend.
Fangen wir bei dem an, was Dich jeden Tag ärgert. Vielleicht ist es das: Du strengst Dich an, mallochst vielleicht, musst manchmal buckeln, Dich irgendeinem blöden Chef unterordnen. Du musst so viel leisten und bekommst nicht, was Du brauchst. Und dann die ganzen arroganten reichen, studierten Arschlöcher. Viele von denen sind schon als Reiche auf die Welt gekommen. Die haben die Bildung hinten und vorne reingesteckt bekommen. Die reden mit Fremdwörtern, die Du nicht verstehst und die Dich deshalb ankotzt. Du hast es satt, Dich anderen unterlegen zu fühlen, Du willst nicht mehr, dass andere auf Dich insgeheim runterschauen. Und ich, der diesen Brief schreibt, bin in Deinen Augen vielleicht auch einer von den Säcken, die meinen, sie wüssten schon alles besser und die auf Deine Meinung keinen Wert legen.
Du hasst es, dass andere so viel mehr haben als Du und dass Du gar keine Chance hast, das auch zu bekommen, auch gesehen zuwerden, für das, was Du tolles hast – so wie die ganzen Leute, die dicke SUVs fahren und große Häuser haben.
Du fühlst Dich unbedeutend, unwichtig – aber Du möchtestbedeutsam sein.
Du siehst keinen Sinn in Deiner Arbeit – aber Du möchtestetwas sinnvolles machen, was Deine Identität stärkt.
Du fühlst Dich unverstanden – und möchtestverstanden werden. Du möchtest, dass man Dir zuhört und Deine Meinung etwas zählt.
Du hast den Eindruck, dass Du gar nicht gesehen wirst, in dem, was Du bist und kannst und leistest – und möchtestAnerkennung für das, wie Du bist und was Du kannst.
Du erlebst vielleicht, wie Dein Arbeitsplatz gefährdet ist, weil man die Produktion ins billige Ausland verlagert oder billige Arbeitskräfte aus billigeren Ländern Deinen Lohn drücken. Du kannst gar nichts machen, um Deinen Arbeitsplatz zu erhalten – das entscheiden andere, auf die Du keinen Einfluss hast. Du fühlst Dich dem gegenüber hilflos und denkst, dass es die Billigarbeiter sind, die Dir den Job nehmen. Du möchtest nicht durch Billigarbeiter ersetzt werden, sondern als ArbeiterWertschätzung bekommen. Du möchtest erleben, dass Du für Dein Unternehmen wichtig und unersetzbar bist. Du möchtest Sicherheit haben, dass Du auch in Zukunft gebraucht und fair bezahlt wirst.
Du erlebst, dass politisches Handeln nichts mit Deinen Problemen, Vorstellungen und Überzeugungen zu tun hat und möchtest Einfluss nehmen können, weil Du Dich als bedeutsam undwirksamerfahren willst.
Du möchtest eine kulturelle und soziale Identität, möchtest sagen können: die soziale Gemeinschaft, der ich angehöre, ist wirklich super. Aber wo ist diese Gemeinschaft, wo ist wirkliche kulturelle Identität? Du bist als Deutscher geboren und Deutsche haben in der Nazi-Zeit so viel Leid verursacht, dass es schwer ist, stolz auf eine deutsche Identität zu sein. Bei den Muslimen siehst Du das anders: Du hast vielleicht den Eindruck, dass viele Muslime total überzeugt sind, die „richtige“ Religion zu haben und halten sich als „Gläubige“ für etwas besseres gegenüber den Ungläubigen, während Du keine Religion mehr hast, von der Du überzeugt bist. Du sehnst Dich danach,etwas zu haben, womit Du Dich identifizieren und worauf Du stolz sein kannst(und da bleibt oft nur der Fußballclub, dessen Fan Du bist). Aber scheiß drauf, Du WILLST stolz sein können – und das, was Dir niemand nehmen kann, ist, das Du Deutscher bist.
Und jetzt kommen da Leute, die bekommen einfach Sachen, für die Du täglich kämpfen und arbeiten musst. Die bekommen Aufmerksamkeit und Mitgefühl, die Du nicht bekommst. Und es sind so viele, dass es Dich bedroht. Das ist doch ein Fass ohne Boden. Du glaubst, dass die Dir den Arbeitsplatz wegnehmen. Du glaubst, dass die Dir Deine Identität nehmen, weil es bald kein Deutschland der Deutschen mehr gibt. Die sind anders. Und Du kannst spüren, wie sich die Wut darüber, dass Du so oft nicht bekommst, was Du brauchst, auf diese Leute richtet. Du denkst vielleicht, Du bist besser als die, weil Du ein Recht hast, hier zu sein, weil Deine kulturelle Identität hierher gehört – und deren Kultur nicht; weil Du etwas leistest – und die nicht.
Aber glaubst Du wirklich, dass es Deine Wut auch nur im geringsten ändern würde, wenn es hier weniger Migranten gäbe? Glaubst Du das wirklich? Würdest Du dadurch auch nur ein bisschen mehr von dem bekommen, was Du brauchst und wonach Du Dich sehnst?
Was wäre aber, wenn
Dein Chef endlich sehen würde, was Du leistest und Dir dafür Anerkennung geben würde?
Wenn Deutschland nicht voll von arroganten Bildungsbürgern und Reichen wäre, die auf weniger schulgebildete und Arbeiter insgeheim runterschauen? Wenn hier jeder echte Wertschätzung bekommen würde, der sich im Rahmen seiner Möglichkeiten ehrlich bemüht?
Wenn das, was Du wirklich brauchst, für die politischen Entscheidungsträger eine wichtige Rolle spielen würde?
Wenn Du wüsstest, dass Du bedeutsam bist – so bedeutsam, dass Deine Einstellung und Dein Handeln mit beeinflusst, wie die Welt ist und sein wird?
Würde das einen Unterschied machen? Was wäre dann mit Deiner Wut?
Ich glaube, dass Du wichtig bist und dass Deine Einstellung und Dein Handeln bedeutsam sind. Ob Du Deiner Wut blind folgst, oder die Wut nutzt, damit sie Dir die Augen öffnet für das, was Du wirklich brauchst, das ist Deine Entscheidung.
Danke, dass Du diesen Brief gelesen hast, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen. Ich würde gerne wissen, wie Du diese Dinge siehst und erlebst. Ich würde mich über eine Antwort von Dir freuen.
Herzliche Grüße, Gottfried