Ungleichheit schadet allen

Ungleichheit schadet allen

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Das Ausmaß der Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen, Vermögen und politischer Einflussnahme durch wirtschaftliche Macht ist durch nichts legitimierbar. Dazu einige Überlegungen:

Wir sind mit nichts auf die Welt gekommen. Unsere Gene (die zusammen mit den Umweltfaktoren unsere Intelligenz, unseren Willen, unseren Charakter formen), unsere Eltern, unsere Bildungsangebote, die Zeit, in die wir hineingeboren und der Ort, an dem wir aufgewachsen sind: das alles ist uns geschenkt. Es gibt kein unabhängiges, vorbestehendes Ich, das sich irgendwelche Verdienste zurechnen könnte.

Die genannten Bedingungen führen dazu, dass die Chancen von Menschen, ein gutes Einkommen und Vermögen zu erlangen, extrem unterschiedlich sind. Niemand kann 1000 mal mehr leisten, als der Durchschnitt seiner Mitmenschen. Das Ausmaß der Ungleichheit auf der Welt kann durch das Leistungsprinzip nicht gerechtfertigt werden.

Wie der Vortrag von Richard Wilkinson zeigt, wirkt sich Ungleichheit in allen Lebensbereichen negativ auf die Gesellschaften aus. Deshalb ist es sinnvoll, Wege zu suchen und zu beschreiten, um Ungleichheit zu überwinden. Das hat nichts mit „Kommunismus“ zu tun. Ob links oder rechts: die Evidenz zeigt ganz klar, dass Ungleichheit für den allergrößten Teil der Menschheit ein nicht legitimierbarer Nachteil ist.

Vorschaubild zum Video „Richard Wilkinson: How economic inequality harms societies“

Richard Wilkinson: How economic inequality harms societies

TED · Richard Wilkinson · 2011 · 17 Min.

Wie Ungleichheit schadet – The Consequences of Inequality – ein Augen öffnender Vortrag von Richard Wilkinson (mit TED-Video)!

Wie Ungleichheit Gesellschaften schadet (Richard Wilkinson, TED 2011): Der britische Epidemiologe zeigt mit Daten aus reichen Ländern, dass dort, wo die Einkommen ungleicher verteilt sind, die Lebenserwartung niedriger ist und psychische Krankheiten, Gewalt, Teenager-Schwangerschaften und Gefängnisstrafen häufiger sind – und zwar nicht nur bei den Armen. Entscheidend ist nicht, wie reich ein Land insgesamt ist, sondern wie groß die Abstände sind. Vortrag mit Abschrift bei TED

Ungerechtigkeit und Neid

Ob man es nun mag, oder nicht mag, ob man es richtig findet, oder nicht: eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung wird bei den allermeisten Betroffenen negative Gefühle nach sich ziehen. Wenn die Urheber der Ungleichbehandlung, diejenigen, die die Kränkung verursacht haben, nicht adressierbar oder gar angreifbar sind, besteht die große Gefahr, dass die negativen Emotionen sich ein anderes Ventil suchen. Und oft sind dann Schwächere das Ziel der aus der Ungleichbehandlung man wird also mit einem großen Maß an negativen Emotionen in der Gesellschaft umgehen müssen, wenn man ein Maß an Ungleichheit zulässt, dass sich durch nichts mehr rechtfertigen lässt.

Interessanterweise sind es gerade die Profiteure der Ungleichheit, die versuchen zum quasi moralischen Gegenschlag auszuholen, indem dann von einer Neiddebatte gesprochen wird. Und dieser Neid wird als etwas niedriges, primitives, moralisch abzulehnendes hingestellt. So einfach ist es aber nicht: es besteht ja auch durchaus ein moralischer Imperativ, Formen der Ungleichheit zu rechtfertigen. Was aber meinen wir mit Neid? Von Neid spricht man vor allem dann, wenn ein legitime (wenn auch vielleicht unverdiente) Besserstellung eines anderen negative Gefühle auslöst: „Meine Schwester ist so hübsch und ich nicht“. Im Falle extremer Ungleichheit an Einkommen, Ressourcennutzung, Macht etc. stellt sich durchaus die Frage, ob diese Ungleichheit auch gerecht(fertigt) ist. Angesichts der bestehenden Chancenungleichheiten, der Kultur des Erbens oder der seltsamen Dynamik des Kapitalmarkts kann man heute nicht davon sprechen, dass Ungleichheit mit Leistung korreliert. Und schon gar nicht mit gesellschaftlichem Nutzen (wie die Situation der Pflegeberufe zeigt). Ungleichheit ist oftmals auch Ungerechtigkeit. Und darauf reagieren wir hoch emotional. Der aufkommende „Neid“ ist also durchaus ein Signal dafür, das Dinge im sozialen Kontext ganz erheblich schief liegen. Die zwei folgenden Videos aus der Primatenforschung zeigen auf der einen Seite die heftige Reaktion auf unfaire Behandlung und auf der anderen Seite die in uns angelegten prosozialen Motive.

Was hat die AfD mit Ungleichheit zu tun? Versuch eines Perspektivenwechsels

Als Autor dieser Seiten ertappe ich mich selbst immer wieder bei einem Denken, das polarisiert. Da bin ich – und da sind die anderen, allen voran „die AfD-Wähler*innen. Deshalb habe ich bei mir geforscht und dabei erkannt, dass es eine ganze Reihe von Beweggründen gibt, die einen Menschen dazu bringen können, die AfD zu wählen – und hier vermeide ich den Begriff „AfD-Wähler*in“, denn dies ist ja keine Eigenschaft, sondern ein Verhalten (und kann jederzeit geändert werden). (mehr lesen…)

Zunächst liegt es auf der Hand, dass es seitens der Politik eine permanente Fehlleitung von Aufmerksamkeiten gibt. So hat Seehofer es geschafft, ein Jahr lang die Flüchtlingsdebatte so zu führen, als ob darin das größte Problem für den Erhalt der Lebensgrundlagen in der Bundesrepublik Deutschland läge. Kein Wort vom Klimawandel, von sozialer Ungleichheit, von Wohnungsnot, kein Wortvon Bildung und Gerechtigkeit.

Dass viele Menschen, einschließlich der medial tätigen, darauf hereingefallen sind, mag ein vorübergehendes „Glück“ für Seehofer gewesen sein, unserer Gesellschaft hat es sicherlich geschadet. Ich glaube aber, dass die Wurzeln des AfD-Wählens tiefer liegen. Dabei erlaube ich mir als „Wessi“ einen Blick in die östlichen Bundesländer.

Ich habe es selbst (als Wessi) miterleben müssen, wie das Volkseigentum der DDR zu Spottpreisen an Investoren verscherbelt wurde, anstatt sich mit dem Gedanken zu tragen, kollektive Ansätze für der wirtschaftlichen Entwicklung zu versuchen, die das Vermögen (nein, es war nicht alles nur Schrott) bei den Bürgern belassen hätten.

Miterlebt habe ich auch (wiederum aus Wessi-Sicht), wie scharenweise westliche Experten in die neuen Bundesländer exportiert wurden, sodass Menschen dort sehr häufig mit Chefs aus den alten Bundesländern konfrontiert waren. Angesichts der Führungskultur in vielen Unternehmen, mag dies kein Vergnügen gewesen sein.

Viele Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, haben diese nicht nur als Unrechtsstaat erfahren. Sie haben gegenseitige Hilfsbereitschaft, Kooperation, kollektives Denken und ein hohes Maß an Improvisationsfähigkeit erfahren. Sie haben eher nicht erlebt, dass Menschen nach Modeaccessoires und Marken eingeschätzt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass es viele zur Weißglut bringt, wenn sie merken, wie sämtliche Aspekte der Lebenswelt in der ehemaligen DDR in Bausch und Bogen als minderwertig abgestempelt werden .

Die sollte nicht als Anfall von Ostalgie verstanden werden, sondern als Versuch, einen differenzierten Blick auf konkrete Lebenswelten zu werfen, so unvollkommen dieser auch sein mag.

Eine weitere Erfahrung ist die der zunehmenden Ungleichheit beim Einkommens und Vermögen der Deutschen. Immer mehr Menschen erleben, dass sie sich kaum ihre Wohnung leisten können, gleichzeitig aber in ihrer Umgebung ständig Leuten begegnen, die entweder erster Klasse oder einen dicken SUV fahren, in großen Häusern wohnen und auch sonst in jeder Hinsicht zeigen: Wir haben so viel Geld, du bist uns wurst, dich sehen wir doch gar nicht.

Daneben erkennen die Menschen, dass der Bildungsabschluss eine ganz erhebliche Rolle für das persönliche Ansehen in der Gesellschaft darstellt. Dieser Einfluss ist so extrem, dass man sich lieber mit Leuten im eigenen Bildungssegment umgibt, um nicht ständig diesem sozialen Gefälle ausgesetzt sein zu müssen. Umso mehr schmerzt es, dass gerade in Deutschland die Bildungsabschlüsse und der soziale Status der Eltern, einer der Haupt-Prädiktoren für den Bildungsabschluss der Kinder sind.

Dies bedeutet, dass sich auch unter den Menschen, die keinen akademischen Bildungsabschluss haben, sehr viele befinden, die ohne weiteres in der Lage (gewesen) wären, einen solchen zu machen, wenn man sie auch nur ein bisschen gefördert hätte. Umgekehrt gibt es viele, die vielleicht an einem solchen Abschluss gescheitert wären, hätten sie nicht ein ganz besonders hohes Maß an Förderung durch Privatunterricht etc. erhalten. Diese Menschen treffen nun aufeinander, und es mag sich mancher fragen, ob hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Ohne akademischen Abschluss landet man sehr leicht in einem Job, der wenig Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung ermöglicht, wenig spannende Herausforderungen bietet und die Frage nach dem beruflichen Sinn offen lässt. Je weniger man beruflich gefordert ist, desto mehr mag man dazu neigen, wahllos Fernsehen zu konsumieren und sich in den Filterblasen von Facebook, Google und Co fangen zu lassen. Und wieder: man umgibt sich eher mit seinesgleichen, weil man nicht ständig dem sozialen Gefälle ausgesetzt sein will. Niemand will, dass man auf ihn/sie herunterschaut.

Modelle für alternative Lebensweisen und Wirtschaftsformen, ja selbst diese Webseite, kommen auf in akademischer Sprache daher. Insofern sind wir hier selbst, samt aller guten Absichten, mit unserer Webseite ein Rädchen, dass die Probleme weiter treibt, statt sie zu lösen – zumindest was die Überwindung der Gräben zwischen den verschiedenen Schichten in der Bundesrepublik angeht.

Diese kurze Auflistung hat natürlich nicht zum Ziel, eine soziologische Analyse zu ersetzen. Sie soll aber ein Zeichen dafür sein, wie wichtig es ist, die Perspektive seiner Mitmenschen einzunehmen, um zu verstehen, was sie zu ihrem Verhalten und zu ihrer Haltung bewegt – und von hier aus den Dialog zu suchen und die eigenen Annahmen zu überprüfen.

Denn wir alle teilen im Wesentlichen die gleichen Bedürfnisse. Unser emotionales Erleben und unser Handeln sind letztlich dadurch bestimmt, inwieweit unsere Bedürfnisse befriedigt werden.

Ungleichheit und Populismus: eine neue Studie

Forschende der Humboldt-Universität Berlin (Heike Klüver, Johannes Giesecke, Lukas Stoetzer) haben Daten von rund 40.000 Menschen aus 20 europäischen Ländern ausgewertet. Ergebnis: Wer die eigene Gesellschaft als sehr ungleich wahrnimmt, unterstützt mit 2,7 Prozentpunkten höherer Wahrscheinlichkeit eine populistische Partei.

In einem Experiment mit je rund 3.000 Menschen aus Deutschland, Dänemark und Italien bekamen Teilnehmende echte Zahlen zur Vermögensverteilung gezeigt. Das verstärkte ihre populistischen Einstellungen – ihre Wahlabsicht änderte sich aber nicht direkt. Die Studie erschien im European Journal of Political Research (2026).

Quellen: Forschung & Lehre

„Die Reichen“ – Offenbarung eines Vor-Urteils

Am schwersten fällt mir diese Übung des Perspektivenwechsels bei der Gruppe der Reichen, was sicher schon jede*r bemerkt hat, der/die auf dieser Webseite unterwegs war. Reichtum macht als Begriff ja nur dann Sinn, wenn er sein Gegenteil hat, nämlich Nicht-Reichtum oder sogar Armut. Wenn alle das gleiche hätten, würde niemand auf die Idee kommen, sich reich zu nennen (auch wenn das vielleicht Grad des Wohlstands her gerechtfertigt wäre). „Die Reichen“ – gibt es nicht. „Die Reichen“ sind keine homogene Gruppe, sie sind weder ethnisch noch weltanschaulich in irgendeiner Weise verbunden (zumindest nicht auf einer der primären Ebene – auf Dauer macht Reichtum ähnlich, wie wir gleich sehen werden). Was macht es so schwer, sich einzufühlen?

Wenn ich mich in jemanden einfühle, der gekränkt, enttäuscht, verletzt oder auch auf „unschuldige Weise glücklich“ ist, dann empfinde ich etwas, was man als Mitgefühl bezeichnen kann. Wenn ich versuche, mich in jemanden einfühlen, der inmitten einer selbstgefälligen Wohlstandshabitus unterwegs ist, dann entsteht weniger Mitgefühl, als vielmehr eine Art von Ärger, je nach Perspektive vielleicht auch Neid .
Wie komme ich aber auf die Idee, dass ein solcher „selbstgefälligen Wohlstandshabitus“ (Achtung Abwertung!) die vorherrschende Verfassung reicher Menschen wäre? Weil ich oft beobachtet habe, wie schnell Reiche ihre Position und ihren Wohlstand als eigenes Verdienst ansehen. Sie ignorieren dabei völlig, dass Ihnen alles, was sie sind und haben, gegeben (geschenkt!) ist: von den Eltern, über die Gene, über die Zeit, in die sie hinein geboren wurden, bis hin zu dem Land, in dem sie aufwachsen durften.
Zum Zweiten vergessen Reiche, dass sie nur deshalb reich sein können, weil andere ärmer sind. Würde nämlich jede Anstrengung und Arbeit fair und gleich bewertet, könnte es schlichtweg nicht sein, dass das Zimmermädchen im Hotel nur einen winzigen Bruchteil dessen verdient, was der Hotelgast als Einkommen einnimmt.
Reiche gehen davon aus, dass ihnen ihr Reichtum ZUSTEHT.
In diesem Zusammenhang gibt es ein spannendes Experiment aus der Sozialpsychologie (der genaue Beleg folgt noch): Man hat Versuchspersonen gebeten, miteinander ein Gesellschaftsspiel zu spielen. Dabei bekamen einige Versuchspersonen einen offensichtlichen Vorsprung bzw. Vorteil zugestanden. Sie waren also von Anfang an auf der Gewinnerschiene. Nun beobachtete man das Verhalten dieser „Gewinner“: Obwohl allen Beteiligten sonnenklar war, dass der gewährte Vorsprung hauptursächlich für den Spielgewinn war, zeigte sich bei den „Gewinnern“ zunehmend ein Verhalten, das selbstbewusster und eher als Hochstatus zu beschreiben war. Gewinnen verändert (über das zentralnervöse Belohnungssystem) unsere Wahrnehmung und unser Verhalten – es ist wirkt wie eine Droge (was neurobiologisch gesehen tatsächlich zutrifft).
Ein besonderer Habitus, der einem in der Begegnung mit reichen Menschen auffallen kann, ist die Arroganz. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie nicht-fragen. Wenn ich reich bin, frage ich keinen, denn ich kann mir leisten, zu tun, was ich möchte, in dem ich es mir kaufe. Ich muss die anderen nicht beachten. Jeder, der schon einmal eine Begegnung erlebt hat, bei der der andere die eigene Anwesenheit schlichtweg ignoriert, obwohl dies sozial geboten gewesen wäre, weiß wie ärgerlich das ist.
Aus Reichtum erwächst ganz automatisch ein Hochstatus – die subtile Dominanz des Stärkeren in sozialen Begegnungen (wobei sich der/die Stärkere leisten kann, auch einmal in den Tiefstatus zu wechseln, wenn es ihm/ihr dienlich ist – wogegen es dem Schwächeren kaum gelingen wird, glaubwürdig in den Hochstatus zu kommen).
All dies kann als subtile Verachtung erfahren werden. Und diese Verachtung breitet sich aus, je mehr die Ungleichheit zunimmt. Dies geschieht innerhalb von Gesellschaften, aber auch global gesehen.
In besonderer Weise kommt diese Verachtung zum Ausdruck, wenn ganze Wohnviertel als sogenannte „soziale Brennpunkte“ bezeichnet werden und Menschen, die über kein oder nur ein sehr geringes Einkommen verfügen, pauschal als „asozial“ bezeichnet werden, weil ihr Konsum und Lebensstil vom Mangel an Geldmitteln gezeichnet ist. Sobald man darüber nachdenkt, offenbart sich, was das eigentlich für eine Frechheit ist. Wer ist nun asozialer – eine*r, der/die genügend Geldmittel hat, um andere zu unterstützen und dies nicht tut, oder eine*r der/die schlicht zu wenig hat, um einen gleichwertigen Anteil am gesellschaftlichen Leben haben zu können.
Aber auch für die Reichen gilt: sie teilen mit uns allen die gleichen Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Gesehen werden, nach Sicherheit, nach Liebe und Sexualität, nach Zugehörigkeit, nach Würde und Sinn. Das Streben nach Macht ist letztendlich so etwas wie eine perverse Strategie der Bedürfnisbefriedigung, die Illusion, man könne alle seine Bedürfnisse befriedigen, wenn man nur möglichst unbegrenzt über materielle Ressourcen und andere Menschen verfügen könnte – wozu Geld das zentrale Mittel ist. Dies unterschlägt, dass sich bei jedem, der sich nicht völlig verschließt, eine innere Stimme melden wird, die nach dem Sinn des eigenen Daseins fragt und die durchaus zu Mitgefühl fähig ist. Diese Stimme muss unterdrückt werden, um einen arrogant reichen Lebensstil durchhalten zu können. Abgesehen davon, stellen sich mit zunehmender Befriedigung materieller Bedürfnisse und bei fehlender Sinnerfahrung, mehr und mehr Neurosen aller Art ein, was dazu führt, dass Reiche ab einem gewissen Einkommen nicht mehr glücklicher sind, als ärmere Menschen.
Mein Versuch, die Welt aus der Perspektiver reicher Menschen zu sehen, ja „Verständnis“ für sie zu entwickeln, ist daran gescheitert, dass es mir nicht gelingt, bestimmte Haltungen einzufühlen, ohne sie gleich abzuwerten.

Alles, was ich in diesen beiden Texten geschrieben habe, ist in hohem Maße subjektiv und diskussionswürdig. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir zu diesen Versuchen, andere Perspektiven besser zu verstehen, eine weiterführende Antwort geben würdest.

Was die neuere Forschung über die Folgen von Ungleichheit sagt

Der Vortrag von Richard Wilkinson ist von 2011. Das Bild ist heute vielschichtiger: Nicht jede Folge ist so eindeutig, wie sie damals schien. Andere Folgen – etwa für die Politik – sind besser belegt.

  • Eine große Meta-Analyse von 168 Studien mit über 11 Millionen Menschen fand im Durchschnitt keinen direkten Effekt von Ungleichheit auf Wohlbefinden und psychische Gesundheit. (LIVES-Zentrum)
  • Wichtig: Dieselbe Studie fand einen schädlichen Zusammenhang bei Menschen mit niedrigem Einkommen. Die Autoren sehen Ungleichheit als Verstärker anderer Probleme wie Armut und Inflation. (Sommet u. a., Nature)
  • Wer die eigene Gesellschaft als sehr ungleich wahrnimmt, unterstützt mit 2,7 Prozentpunkten höherer Wahrscheinlichkeit eine populistische Partei. Ein Experiment in Deutschland, Dänemark und Italien stützt einen ursächlichen Zusammenhang. (Forschung & Lehre)
  • Reichtum bringt politischen Einfluss: Laut Oxfam haben Milliardäre eine 4.000-mal höhere Wahrscheinlichkeit, ein politisches Amt zu bekleiden, als normale Menschen. (BreakingNews.ie)
  • Ungleichheit kostet Lebensjahre: Zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommensgruppe beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung bei Frauen 8,4 und bei Männern 10,8 Jahre. Bei der gesunden Lebenserwartung sind es sogar 13,3 bzw. 14,3 Jahre. (Robert Koch-Institut)
Wilkinson und Pickett auf dem Prüfstand

Wilkinson und Pickett haben gezeigt: Gleichere Länder schneiden bei Gesundheit, Vertrauen und vielen sozialen Problemen besser ab. Diese Befunde sind einflussreich, aber nicht unumstritten.

2026 erschien in „Nature“ eine Meta-Analyse von 168 Studien mit über 11 Millionen Menschen. Ergebnis: Im Durchschnitt hängt Ungleichheit in einer Region nicht direkt mit schlechterem Wohlbefinden oder schlechterer psychischer Gesundheit zusammen. Die Autoren erklären frühere Befunde zum Teil mit Publikationsverzerrung. Aber: Bei Menschen mit niedrigem Einkommen fanden sie einen schädlichen Zusammenhang. Sie sehen Ungleichheit als „Verstärker“ von Armut und Inflation.

Für Deine Einordnung heißt das: Armut schadet nachweislich. Ob Ungleichheit an sich allen schadet, ist in der Forschung offen.

Quellen: Sommet u. a. · LIVES-Zentrum

Reichtum und Macht: was Oxfam 2026 berichtet

Oxfam veröffentlichte im Januar 2026 zum Weltwirtschaftsforum in Davos den Bericht „Resisting the Rule of the Rich“. Er rückt die politische Macht großer Vermögen in den Mittelpunkt. Laut Oxfam haben Milliardäre eine 4.000-mal höhere Wahrscheinlichkeit, ein politisches Amt zu bekleiden. Neun der zehn größten Social-Media-Unternehmen gehören sechs Milliardären.

In einer Umfrage in 66 Ländern sagte fast die Hälfte der Befragten, dass Reiche in ihrem Land oft Wahlen kaufen. Hinweis: Oxfam ist eine Hilfsorganisation mit klaren politischen Forderungen (etwa höhere Steuern auf große Vermögen).

Quellen: BreakingNews.ie · Leipziger Internet Zeitung