Entscheidungen in großen Gruppen treffen: Systemische Konsensfindung

Entscheidungen in großen Gruppen treffen: Systemische Konsensfindung

Vielleicht hast Du einen Beruf oder eine berufliche Position, in der Du Einfluss darauf nehmen kannst, auf welche Weise Entscheidungen getroffen werden.

Auch diejenigen, deren Herz für mehr Beteiligung und Mitentscheidung (z.B. auch in Firmen) schlägt, werden feststellen, dass das manchmal ein schwieriger Weg ist.

Demokratie nach dem Mehrheitsprinzip lässt immer auch eine große Zahl Beteiligter zurück, deren Interessen wenig oder nicht berücksichtigt werden.

Es gibt eine Reihe von Ansätzen, die gegenüber der klassischen Abstimmung (welcher Vorschlag findet eine Mehrheit) Vorteile haben.

Einer dieser Ansätze ist das systemische Konsensieren:

Zunächst wird die Entscheidungsfindung vorbereitet: Kriterien für eine gute Lösung werden diskutiert, die Vor- und Nachteile der zahlreich gesammelten Lösungsvorschläge werden offen diskutiert (unterschiedliche Sichtweisen zulassen!), ggf. tauchen dabei weitere Alternativen oder Verbesserungen einzelner Lösungsvorschläge auf. Wenn es dann eine Liste der Lösungsvorschläge gibt, kommt das eigentliche Konsensieren dran:

Jeder schreibt auf, wie hoch sein WIDERSTAND gegen jede einzelne der zur Abstimmung stehenden Lösungen ist: 0 Punkte = kein Widerstand; 10 Punkte = maximaler Widerstand. Die Lösung mit der geringsten Summe an Widerstands-Punkten wird umgesetzt.

Weblinks: am Besten gefällt mir Gruppenentscheidung.de. Es gibt einige kommerzielle Seiten, wie sk-prinzip.eu; dazu eine studentische Webseite, die das Prinzip erläuert; schließlich eine Webseite, die Ansätze zeigt, die unter dem Stichwort „Soziokratie“ noch über das systemische Konsensieren hinausgehen.

Bürger*innen-Versammlungen / Citizens Assembly

Die Einberufung von Citizens Assemblies ist eine zentrale Forderung von Extinction Rebellion.

Eine Bürgerversammlung bringt zufällig ausgeloste Menschen zusammen, die die Bevölkerung im Kleinen abbilden – nach Alter, Geschlecht, Bildung und Wohnort. Sie hören Fachleute an, beraten gemeinsam und geben der Politik Empfehlungen. Gerade bei umstrittenen Fragen, bei denen Parteien sich schwertun, kann das helfen.

Irland hat damit gute Erfahrungen gemacht: Bürgerversammlungen haben dort die Volksabstimmungen zur Ehe für alle (2015) und zur Abtreibung (2018) vorbereitet. Später folgten Versammlungen zu Klima, Gleichstellung, Biodiversität und Drogenpolitik. (citizensassembly.ie)

Extinction Rebellion, eine gewaltfreie Klimabewegung, fordert Bürgerversammlungen, weil Parlamente bei langfristigen Fragen wie dem Klimaschutz oft an Wahlperioden und Lobbyinteressen scheitern. (Extinction Rebellion)

Auch in Deutschland gibt es Bürgerräte – etwa den vom Bundestag eingesetzten Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ (2023/2024). (Deutscher Bundestag: Bürgerräte)

Bürgerrat im Bundestag: Was aus „Ernährung im Wandel“ wurde

Was Extinction Rebellion fordert, hat der Bundestag 2023/24 erstmals ausprobiert: einen per Los besetzten Bürgerrat. Das Ergebnis ist ernüchternd – aber nicht verloren.

  • Der Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ gab neun Empfehlungen ab. Die wichtigste: ein kostenloses Mittagessen für alle Kinder in Kitas und Schulen. Dazu kamen ein staatliches Tierwohl-Label, eine Tierwohlabgabe und eine Altersgrenze für Energydrinks. (Deutscher Bundestag)
  • Keine der Empfehlungen kam im Bundestag zur Abstimmung. Im Agrarausschuss gab es nicht einmal eine Mehrheit für eine gemeinsame Stellungnahme. (Deutscher Bundestag)
  • Der neue Bundestag kann die Empfehlungen wieder aufgreifen. Ob er das tut, ist offen. Hier kannst Du Druck machen: Frag Deine/n Abgeordnete/n danach. (Deutscher Bundestag)
  • Irland zeigt, wie es gehen kann: Dort gab es inzwischen sechs Bürgerversammlungen, zuletzt zu Biodiversität (2022/23) und Drogen (2023). Die Regierung hat 2024 auf die Biodiversitäts-Empfehlungen geantwortet. (The Citizens’ Assembly)
Irland: Wie Bürgerversammlungen Politik verändert haben

In Irland werden 99 Bürger/innen per Los ausgewählt. Sie hören Fachleute, beraten und stimmen über Empfehlungen ab. So entstanden Volksabstimmungen zur Ehe für alle (2015) und zum Abtreibungsrecht (2018).

Seitdem gab es weitere Versammlungen: zur Gleichstellung (2020/21), zur Biodiversität (2022/23) und zum Umgang mit Drogen (2023). Insgesamt sind es sechs. Die Regierung hat 2024 offiziell auf die Biodiversitäts-Empfehlungen geantwortet.

Quellen: The Citizens’ Assembly

Weitere Informationen (englisch)