Gibt es universelle Werte?

Gibt es universelle Werte?

Wir verwenden hier das Wort „Ethik“ (statt Moral) und verstehen darunter das Bemühen, die Frage „was sollen wir tun“ so zu beantworten, dass Menschen auf der Grundlage nachvollziehbarer Erfahrungen und vernünftigen Denkens zu einer intersubjektiven Übereinstimmung kommen können. Mehr zum Begriff Ethik findet Ihr z.B. auf der Webseite des Netzwerks „Ethik heute“.

Gibt es universelle ethische Werte, die für alle Menschen gelten können, unabhängig davon, welcher Religion oder welchem Kulturkreis sie angehören?

Einer dieser Werte könnte sein: alle Menschen haben die gleiche Würde und das gleiche Recht, für sich zu sorgen. Das ist nicht eine Erfindung von ein paar idealistischen Träumern, sondern ein Grundsatz, auf den sich die Völker der Welt 1948 geeinigt haben und von dem (Quelle) wir ausgehen müssen, wenn wir als Menschheit bestehen wollen.

Ein weiterer Wert könnte sein: Es ist grundsätzlich nicht erlaubt, fühlenden Wesen Leid anzutun und ihnen Qualen zu bereiten. Wobei nicht ganz auszuschließen ist, dass es Situationen geben könnte, in denen es davon eine Ausnahme gibt (vgl. z.b. die Diskussion über Tierversuche), aber in allen diesen Fällen ist eine sorgfältige Prüfung und kritische Rechtfertigung erforderlich und das Maß in dem Leid erzeugt wird, darf einen zu bestimmenden Punkt niemals überschreiten.

Der hier ganz entscheidende Wert könnte sein: Es ist grundsätzlich nicht erlaubt, die Lebensgrundlagen anderer Menschen und zukünftiger Nachkommen zu beeinträchtigen oder gar zu zerstören. Eine Ausnahme könnte möglicherweise dann gelten, wenn es darum ginge, das eigene, schiere Überleben zu sichern.

Was macht glücklich? – wir brauchen eine neue Perspektive

Könnte es uns nicht auch mit Freude erfüllen, wenn wir einen Lebensstil praktizieren, der mehr und mehr im Einklang ist mit der Natur ist und auch die Lebensrechte zukünftiger Generationen achtet? Dann finden wir vielleicht auch andere (und räumlich näher liegende) Orte und Quellen des Glücklichseins. Dann können wir den Tieren wieder in die Augen sehen und unser Herz öffnen. Wir müssen Ärmere nicht mehr als Bedrohung betrachten, sondern können uns freuen, wenn wir die Chance haben, andere zu unterstützen. Der Buddhismus lehrt aus langer Erfahrung, dass Mitgefühl eine Quelle der Freude und des Glücks ist. Die Hirnforschung bestätigt das: In Trainingsstudien steigerte Mitgefühl die positiven Gefühle, während bloßes Mitleiden eher belastete. (Quelle)

Moral als Kooperation: sieben Regeln in 60 Gesellschaften

Die Anthropologen Oliver Scott Curry, Daniel Mullins und Harvey Whitehouse haben 2019 Berichte über Ethik aus 60 Gesellschaften ausgewertet. Ihre Theorie: Moral ist eine Sammlung von Lösungen für Probleme des Zusammenlebens. Sieben Verhaltensweisen galten überall als gut: der Familie helfen, der eigenen Gruppe helfen, Gefallen erwidern, Mut zeigen, Älteren oder Vorgesetzten Respekt erweisen, Umstrittenes fair teilen und fremden Besitz achten. In keiner Gesellschaft galt eines davon als schlecht.

Die Forscher selbst formulieren vorsichtig: Es seien „plausible Kandidaten“ für universelle Regeln. Die Gesellschaften unterscheiden sich darin, welche Regel sie am wichtigsten nehmen. Und: Die sieben Regeln betreffen vor allem das Miteinander in der eigenen Gemeinschaft. Dass wir auch Fremden, Tieren und künftigen Generationen etwas schulden, steht nicht in dieser Liste. Diesen Schritt muss eine Ethik der Nachhaltigkeit begründen.

Quellen: ScienceDaily · ScienceDaily

Zehn Grundwerte – und wie Kulturen sie gewichten

Der Psychologe Shalom Schwartz hat in über 80 Ländern Werte gemessen. Er findet zehn Grundwerte, darunter Wohlwollen, Universalismus (Sorge um alle Menschen und die Natur), Selbstbestimmung, Sicherheit, Tradition und Macht. Sie werden überall erkannt und stehen überall in ähnlicher Spannung zueinander: Wer Macht und Erfolg sehr wichtig nimmt, gewichtet Universalismus meist weniger.

Der World Values Survey (Ronald Inglehart, Christian Welzel) zeigt zusätzlich, dass sich Werte wandeln. Wenn Menschen wirtschaftlich und körperlich sicherer leben, gewinnen „Selbstentfaltungswerte“ an Gewicht. Damit gehen oft Umweltschutz, Toleranz und Gleichberechtigung einher. Universelle Werte heißt also nicht: Alle denken gleich. Es heißt: Es gibt einen gemeinsamen Grundbestand, über dessen Gewichtung wir streiten.

Quellen: Schwartz · Wikipedia

Haidts „moralische Grundlagen“ – und die Kritik daran

Der Psychologe Jonathan Haidt vertritt, dass Moral auf mehreren angeborenen „Grundlagen“ beruht: Fürsorge, Fairness, Loyalität, Autorität und Reinheit. Progressive betonen eher Fürsorge und Fairness, Konservative alle fünf. Das erklärt, warum Klimadebatten oft aneinander vorbeigehen.

Die Theorie ist umstritten. Kritiker/innen bemängelten, dass Gleichheit fehlte und der Fragebogen außerhalb westlicher Länder schlecht funktionierte. 2023 hat ein Team um Mohammad Atari deshalb einen neuen Fragebogen in 25 Ländern geprüft. Er trennt nun Gleichheit und Verhältnismäßigkeit. Die Studie fand viel Vielfalt – etwa beim Wert „Reinheit“. Die Forscher/innen räumen ein, dass ihre Online-Stichproben vor allem gebildete Menschen erfassen.

Quellen: PsyPost

Würde: Tatsache oder Grundsatz?

Philosophisch ist die Würde des Menschen keine Tatsache, die man messen könnte. Aus dem, was ist, folgt noch nicht, was sein soll. Die Würde ist ein Grundsatz, den wir anerkennen. Immanuel Kant beschrieb den Menschen als Person, die sich „an Rang und Würde“ von Sachen unterscheidet.

Diese Anerkennung ist kein Luxus von Idealisten. Nach den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs haben sich die Vereinten Nationen 1948 darauf geeinigt. Das Grundgesetz stellt sie an den Anfang. Gerade weil Würde nicht „von selbst“ gilt, müssen wir sie verteidigen.

Quellen: Vereinte Nationen · Grundgesetz, Art. 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy

Hans Jonas: der ökologische Imperativ

1979 erschien „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas. Seine These: Die Technik gibt uns so viel Macht über die Zukunft, dass die alte Ethik des Nahbereichs nicht mehr reicht. In Anlehnung an Kant formuliert er einen neuen Imperativ. Er ist die philosophische Grundlage für den Wert, die Lebensgrundlagen künftiger Generationen nicht zu zerstören.

Dazu gehört seine „Heuristik der Furcht“: Weil sich die Folgen großer Technik kaum sicher abschätzen lassen, soll im Zweifel die schlechtere Prognose den Vorrang haben. Das ist umstritten, weil es zu großer Vorsicht führen kann. Der Gedanke findet sich heute aber im Vorsorgeprinzip und in Art. 20a des Grundgesetzes wieder.

Quellen: Wikipedia · Wikipedia

Fühlende Wesen: Was die Tierethik sagt

Schon Jeremy Bentham fragte 1789 nicht, ob Tiere denken oder sprechen können, sondern ob sie leiden können. Der Philosoph Peter Singer folgert daraus: Wer leidet, hat ein Interesse, nicht zu leiden, und dieses Interesse zählt – egal, welcher Art das Wesen angehört. Andere zu benachteiligen, nur weil sie einer anderen Art angehören, nennt er „Speziesismus“.

Nicht alle teilen Singers Nutzenrechnung. In der Tradition Kants betonen Philosophen/innen wie Christine Korsgaard, dass nur der Mensch über seine eigenen Wünsche nachdenken und nach Gründen fragen kann. Ob daraus ein geringerer Schutz für Tiere folgt, ist in der Tierethik umstritten. Unabhängig davon schützt das Grundgesetz in Art. 20a auch die Tiere.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy · Grundgesetz, Art. 20a

Was ein gutes Leben ausmacht: der Fähigkeitenansatz

Der Ökonom Amartya Sen und die Philosophin Martha Nussbaum fragen nicht, wie viel jemand besitzt, sondern was er tun und sein kann: gesund leben, sich bilden, Beziehungen pflegen, mitentscheiden, in Verbindung mit der Natur leben. Nussbaum zählt zu ihren zentralen Fähigkeiten ausdrücklich auch das Leben mit anderen Arten.

Dieser Blick passt zur Nachhaltigkeit: Ein gutes Leben misst sich an Möglichkeiten, nicht an Mengen. Der Weltklimarat greift ähnliche Ideen auf, wenn er von „menschenwürdigen Lebensstandards“ spricht, die mit viel weniger Energie erreichbar sind.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy · IPCC AR6 WGIII, Kapitel 5

Mitgefühl statt Mitleiden

Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer und Olga Klimecki haben Teilnehmende erst in Empathie, dann in Mitgefühl trainiert. Das Ergebnis: Wer nur mitfühlt, also den Schmerz anderer teilt, empfindet beim Anblick von Leid mehr negative Gefühle. Wer Mitgefühl übt – also anderen Gutes wünscht –, kehrt das um und erlebt mehr positive Gefühle. Im Gehirn sind dabei andere Netzwerke aktiv.

Das stützt die buddhistische Erfahrung. Es erklärt auch, warum manche Engagierte ausbrennen: Dauerndes Mitleiden erschöpft, Mitgefühl stärkt. Einschränkend: Die Studien sind klein, die Reihenfolge der Trainings war festgelegt.

Quellen: Klimecki, Leiberg, Ricard, Singer