Dankbarkeit als innere Grundhaltung zum Leben
Bruder David Steindl-Rast vermittelt die Essenz seiner spirituellen Erfahrung als Dankbarkeit. Auf seiner Webseite www.gratefulness.org lädt er Dich ein, diese Erfahrung zu teilen.
Was hat Dankbarkeit mit Ethik zu tun? Es ist vor allem folgende Sichtweise:
Alles was wir sind und haben, ist uns gegeben. Unsere Gene, unsere Eltern, die Zeit in der und der Ort an dem wir geboren wurden – all das haben wir uns nicht ausgesucht. Es ist kein Verdienst und keine Strafe, in diese oder jene Situation hineingeboren zu sein, mit diesen oder jenen genetischen Anlagen. Es gibt kein vorbestehendes Ich, das sich auf irgendwelche Verdiente etwas einbilden könnte. Denn auch unsere Fähigkeit, zu denken, zu wollen, usw. – alles ist uns gegeben. Alles was wir sind und haben ist abhängig von Bedingungen, die wir nicht selbst geschaffen haben. Das gilt natürlich auch für unsere Eltern.
Damit fällt auch jede quasi-moralische Rechtfertigung von Ungleichheit schnell in sich zusammen. Ähnlich argumentiert der Philosoph John Rawls: Herkunft und Begabung sind „moralisch willkürlich“ – niemand kann daraus einen Anspruch auf mehr ableiten. (Quelle)
Nun kommt natürlich sofort die Frage, was denn mit der Freiheit sei – wenn man diese Sichtweise teilt – ist man dann noch frei?
Ich möchte dies offen lassen. Hier geht es nämlich nicht um eine primär kognitive Diskussion, lasst Euch lieber anrühren von Bruder Davids tiefer Erfahrung der Dankbarkeit, die er hier in einem Video vermittelt.
Niemand verdient seine Herkunft: Rawls
Was Bruder David als Erfahrung beschreibt, hat der Philosoph John Rawls zum Kern seiner Gerechtigkeitstheorie gemacht. In welche Familie, welches Land und mit welchen Begabungen wir geboren werden, ist „moralisch willkürlich“. Daraus allein lässt sich kein Anspruch auf mehr ableiten.
Rawls schlägt ein Gedankenexperiment vor, den „Schleier des Nichtwissens“: Welche Regeln würden wir wählen, wenn wir nicht wüssten, wo wir landen? Übertragen auf das Klima heißt das: Wer nicht weiß, ob er 1980 in Deutschland oder 2080 in Bangladesch geboren wird, würde kaum Regeln wählen, die die Lasten auf die Zukunft schieben.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy
Dankbarkeit: kleine Übung, echte Wirkung auf andere
Dankbarkeit als Selbsthilfe-Übung wird oft überschätzt. Eine Metaanalyse von 27 Studien fand nur kleine Effekte auf Depression und Angst. Gegenüber einer neutralen Schreibübung war der Unterschied gering.
Für die Ethik ist ein anderer Befund wichtiger: Dankbare Menschen helfen anderen eher. Eine Metaanalyse über 91 Studien mit mehr als 18.000 Teilnehmenden fand einen deutlichen Zusammenhang mit hilfsbereitem Verhalten. Das gilt nicht nur gegenüber denen, die uns geholfen haben, sondern auch gegenüber Fremden. Dankbarkeit ist also weniger ein Heilmittel als eine soziale Haltung.
Quellen: Ohio State University News · University of Nottingham