Warum will ich etwas bestimmtes glauben? Warum bzw. wozu treffe ich gerade diese Auswahl an Fakten?

Warum will ich etwas bestimmtes glauben?
Warum bzw. wozu treffe ich gerade diese Auswahl an Fakten?

Wenn jemand argumentiert, dass es ja schon immer Klimaveränderungen gegeben habe (…hier kommt die Faktenauswahl…) – warum argumentiert der so? Und wenn jemand argumentiert, dass es mit der Ungleichheit gar nicht so schlimm sei (…hier kommt die Faktenauswahl…) und warum sie nun mal dazu gehöre – warum argumentiert er so? Und wenn eine*r mit Fakten die Ungleichheit anprangert (wie wir das tun) – was ist hier das Motiv? Wenn jemand meint, Migranten würden unser Sozialsystem ausbeuten und Flüchtlinge seien besonders kriminell (…hier kommt die Faktenauswahl…) – warum sucht der genau diese Einzelbeispiele heraus, warum argumentiert er so?

Unsere Motive und Interessen stehen einer offenen und an der Wahrheit interessierten Betrachtung der Realität oftmals entgegen. Doch bevor man mit dem Finger auf andere zeigt, ist die erste Aufgabe für sich selbst zu prüfen: was leitet mich bei der Auswahl von Fakten? Wieso konstruiere und modellierte ich mein bewusstes Bild der Welt so und nicht anders?

Motiviertes Denken: Was die Forschung heute dazu sagt

Dass wir Fakten nach unseren Wünschen auswählen, ist gut belegt. Wie stark das ist und wie man es misst, wird in der Forschung aber lebhaft diskutiert. Das Bild ist etwas hoffnungsvoller als vor zehn Jahren.

  • Der US-Forscher Dan Kahan fand 2012: Menschen mit mehr naturwissenschaftlicher Bildung und Rechenfähigkeit sind beim Klima nicht einiger, sondern gespaltener. Sie nutzen ihre Fähigkeiten offenbar auch, um die Sicht ihrer Gruppe zu verteidigen. Kahan nennt das „identitätsschützendes Denken“. (Kahan u. a.)
  • Andere Forscher/innen halten dagegen: Viele dieser Studien können gar nicht sicher zeigen, dass der Wunsch nach einem bestimmten Ergebnis das Denken verzerrt. Oft wirken einfach unterschiedliche Vorkenntnisse und unterschiedliches Vertrauen in Quellen. Wer andere Informationen hatte, kommt auch bei ehrlichem Nachdenken zu anderen Schlüssen. (Tappin, Pennycook, Rand)
  • Die gute Nachricht: In fünf Experimenten mit über 10.100 Menschen und 52 umstrittenen Themen nahmen die Teilnehmer/innen Korrekturen fast immer an – auch wenn sie ihrer politischen Überzeugung widersprachen. (Wood & Porter)
  • Zu wissen, dass sich die Fachleute einig sind, ist ein „Türöffner“: Wer erfährt, wie groß der wissenschaftliche Konsens ist, hält den Klimawandel eher für real und menschengemacht, sorgt sich mehr und unterstützt eher Klimapolitik. (van der Linden u. a.)
Gehirn und Gruppe: Warum Bildung nicht vor Verzerrung schützt

Dan Kahan und Kollegen fanden 2012 in den USA: Menschen mit hoher naturwissenschaftlicher Bildung waren beim Klimarisiko am stärksten nach politischen Lagern gespalten. Kahan erklärt das mit „identitätsschützendem Denken“: Für den Einzelnen ist es kurzfristig wichtiger, zu seiner Gruppe zu gehören, als in einer abstrakten Sachfrage recht zu haben.

Diese Deutung ist umstritten. Ben Tappin, Gordon Pennycook und David Rand argumentieren, dass viele Studien den Einfluss politischer Wünsche gar nicht sauber von anderen Ursachen trennen – etwa von unterschiedlichem Vorwissen oder Vertrauen in Quellen. Wer seine Überzeugungen auf Grundlage anderer Informationen bildet, kann auch bei vernünftigem Nachdenken anders urteilen. Für uns heißt das: Nicht jeder, der widerspricht, ist verblendet. Oft lohnt die Frage, welche Quellen der andere für glaubwürdig hält.

Quellen: Kahan u. a. · Tappin, Pennycook, Rand