Macht es Sinn, dass WIR HANDELN, wenn ALLE ANDEREN NICHTS tun?
Eine der wichtigsten Fragen, die uns immer wieder gestellt wird ist die folgende:
Ist es überhaupt sinnvoll und wirksam, wenn wir etwas tun, solange andere Staaten überhaupt nichts machen? Und ist es für mich sinnvoll, wenn ich nachhaltiger lebe, wenn meine Mitmenschen nichts tun und sich dem Thema verschließen? (mehr lesen…)
Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, orientieren wir uns am Prisoners Dilemma:
Wenn wir nicht handeln und auch alle anderen nicht handeln, dann wird das Klima die kritischen Kipppunkte erreichen und die Erderwärmung wird unkontrolliert zunehmen.
Wie ist es möglich, dass allem Anschein nach genau dieser Kurs gefahren wird? Die Antwort liegt darin, dass sich die reichen Schichten dieses Planeten mit der Hoffnung begnügen, dass sie und ihre Nachkommen die Folgen nicht persönlich spüren werden. Leider ist diese Hoffnung nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gibt schon heute Tendenzen dahingehend, dass reiche Schichten sich immer mehr abschotten von armen Bevölkerungsgruppen. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass sich die reichen 10 % des Planeten in den Regionen niederlassen werden, die im Verlauf des Klimawandels relativ moderate Zonen bieten. Unter den Millionen Verzweifelter werden sich genügend finden, die bereit sind, für diese schmale Schicht zu arbeiten und deren Lebensstandard zu sichern. Dass für den allergrößten Teil der Menschheit die Lebensbedingungen unerträglich werden, dürfte für diejenigen weitgehend uninteressant sein, die allen ernstes auf eine Option setzen, für die es keine denkbare ethische Rechtfertigung gibt.
Wenn wir handeln, die anderen aber nicht, werden wir zunächst einmal Nachteile haben. Nachteile im Wettbewerb, weil unsere Produkte teurer sein werden, Nachteile auch durch persönliche Einschränkungen im Konsum. Wir werden aber auch viele Vorteile erfahren, weil zum Beispiel ein klimaverträgliches öffentliches Verkehrsnetz wesentlich lebensfreundlicher (und effzienter) ist, als der derzeitige Autoverkehr – aber natürlich erst, wenn ein alternatives Verkehrssystem realisiert ist.
Gleichzeitig bietet ein Vorreiterrolle die Chance, dass andere zum handeln bewegt werden, wenn wenigstens ein einflussreicher Staat ernsthaft vorangeht. Und auch für jede*n einzelne*n gilt: wer selbst sein Verhalten verändert, wird zunächst Nachteile erfahren, da die Wirtschaft nach wie vor auf maximalen Konsum und einen weitgehend ineffizienten Autoverkehr eingerichtet ist. Aber möglicherweise werden andere nachziehen, denn nichts wirkt stärker, als ein gutes Vorbild. Und die Chancen dafür sind besser, als viele denken: Weltweit wären 69 Prozent der Menschen bereit, 1 Prozent ihres Einkommens für den Klimaschutz zu geben – sie unterschätzen nur, wie viele andere das auch wollen. In Experimenten reichte eine entschlossene Minderheit von etwa 25 Prozent, um eine herrschende Norm zu kippen. (Quelle)
Sollte allerdings der Fall eintreten, dass das Vorbild eines einzelnen Staates nicht ausreicht, um auch andere dem positiven Beispiel folgen zu lassen, dann ist das Ergebnis das gleiche, wie wenn alle Nichthandeln: die Klimakatastrophe wird unausweichlich. Die Nachteile durch die vorausgehende Vorreiterrolle dürften damit aber marginal erscheinen.
Was passiert eigentlich, wenn die anderen handeln, aber wir nicht, hätten wir da nicht Vorteile? Wir vermuten, dass die kurzfristigen Vorteile im Wettbewerb dadurch aufgefressen werden, dass die Staaten, die sich aktiv um eine Begrenzung der Erderhitzung kümmern, den Staaten, die dies nicht tun, Sanktionen auferlegen werden.
Das Dilemma besteht darin, dass ja alle darauf warten, dass „die anderen“ anfangen. Jeder befindet sich im Prinzip in der gleichen Lage. Der Sinn von Institutionen liegt u.a. darin, genau dieses Dilemman zu überwinden, indem z.B. allgemeingültige Regeln (Gesetze) beschlossen und durchgesetzt werden, die dazu führen, dass alle in den Genuss des bestmöglichen Outcomes kommen, der aber niemals erreicht würde, wenn alle darauf warten, dass die anderen sich richtig verhalten.
Immer wieder wird auch in den Medien gefordert, endlich die notwendigen Gesetze zu erlassen um das Prisoners Dilemma zu überwinden, weil so etwas wie Selbstverpflichtungen innerhalb eines shareholder value getriebenen Systems nicht greifen kann. Hier ein Beispiel aus der SZ vom 6.6.19: „Das Land braucht mehr Verbote“ von Hans Peter Bull. Klingt uncool – aber leider auch unvermeidbar.
Wenn ALLE HANDELN, dann haben wir die Chance auf den Erhalt der Lebensgrundlagen für alle jetzigen und zukünftigen Generationen. Vielfach wird die Vorstellung beschworen, dass das ein Rückfall in die Armut wäre, ein Rückfall in die Steinzeit. Diese Argumentationen sind – nach allem, was wir wissen – grober und interessengeleiteter Unfug. Wie wir zu dieser Aussage kommen, erfährst Du, wenn Du die vielfältigen Ideen und Möglichkeiten siehst, die allein über unsere Webseite dokumentiert sind und immer noch nur einen Bruchteil unserer Optionen darstellen.
Die besetzten Badeliegen oder: Warum Gemeingüter geschützt werden müssen
Du kommst ins Hallenbad und möchtest Dich auf eine Liege setzten. Es gibt jede Menge Liegen, auf denen niemand liegt. Du kannst Dich aber nirgends niederlassen, weil alle Liegen mit Handtüchern, abgestellten Taschen etc. schon „besetzt sind“. Würden alle, die gerade keine Liege brauchen, diese wieder freigeben, wäre deren Anzahl ausreichend. So haben einige Leute „besetzte Liegen“, während die Mehrzahl der Badegäste gar keine Liege benutzen kann. Und warum machen die Leute das? Weil sie denken: Wenn ich „meine“ Liege nicht besetze (Handtuch drauf), dann kommt ein anderer und besetzt die Liege – und ich habe gar keine Möglichkeit mehr, eine Liege zu benutzen. Die Vorwegnahme des „asozialen“ Handelns anderer ist also das Kalkül, nachdem man selbst nach dem „wer zuerst kommt, malt zuerst“ handelt. Der maximale Egoismus führt also keineswegs zum größten Nutzen für alle, sondern zum nahezu schlechtmöglichsten Outcome. Die gute Nachricht aus der Forschung: Die meisten Menschen sind keine reinen Egoisten. In Experimenten verhält sich etwa die Hälfte „bedingt kooperativ“ – sie trägt bei, wenn die anderen es auch tun. Nur etwa ein Drittel bleibt konsequent Trittbrettfahrer/in. Regeln schützen also die Kooperationsbereiten davor, die Dummen zu sein. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat gezeigt, dass solche Regeln nicht nur von oben kommen müssen: Auch Gemeinschaften können sie sich selbst geben und durchsetzen. (Quelle)
Deshalb ist es Unfug zu glauben, mit Selbstverpflichtungen der Industrie könnten wir einen ökologischen Durchbruch schaffen, oder für faire Produktions- und Handelsbedingungen sorgen. Ebenso ist es nicht realistisch anzunehmen, dass die Mehrzahl der Menschen sich nachhaltig verhalten wird, wenn man wenigen (wohlhabenden) erlaubt, mit ihrem Geld zu machen, was sie wollen. Wir brauchen Regeln. Dies wird von denen, die ihre Liege schon besetzt haben, gerne als „Verbotspolitik“ gegeißelt – ist aber nichts weiter als die logische Folge spieltheoretischer Gesetzmäßigkeiten.
Spieltheorie
Wir wollen unseren Ausflug in die Spieltheorie noch etwas vertiefen. Dazu ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim:
Die Spieltheorie zeigt:
Wir müssen uns innerhalb jedes sozialen Systems (von der Familie über die Kommune bis zum Staat und zur „internationalen Gemeinschaft“) klare Regeln geben (ja, auch Verbote), wenn wir ökologisches Handeln durchsetzen wollen.
Ohne internationale Regeln werden die Lebensgrundlagen nicht zu retten sein. Da wir aber nicht warten können, bis sich dafür eine Mehrheit findet, müssen WIR es wagen, ANZUFANGEN.
Das Klimaspiel im Labor
Manfred Milinski und Kollegen haben das Klimadilemma 2008 als Spiel nachgebaut. Gruppen von sechs Studierenden mussten gemeinsam einen Betrag in einen „Klimatopf“ einzahlen. Wurde das Ziel verfehlt, verloren alle mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ihr restliches Geld. Selbst wenn der Verlust zu 90 Prozent wahrscheinlich war, schaffte nur die Hälfte der Gruppen das Ziel. Die anderen scheiterten knapp.
Die Ökonomin Elinor Ostrom hat für ihre Forschung zu Gemeingütern 2009 den Nobelpreis erhalten. Sie zeigte an Weiden, Fischgründen und Wäldern weltweit: Gemeingüter müssen nicht übernutzt werden. Gemeinschaften können sie selbst schützen, wenn es klare Regeln, Kontrolle, abgestufte Strafen und Mitsprache gibt. Regeln von oben sind also nicht der einzige Weg – aber ohne Regeln geht es nicht. Wichtig ist auch ihr Gedanke der Vielfalt: Viele Ebenen (Kommune, Land, Staat, Welt) können gleichzeitig handeln, statt auf ein großes Abkommen zu warten.
Quellen: Milinski u. a. · Ostrom
Was Spieltheorie und SUVs miteinander zu tun haben
Hier noch ein konkretes Beispiel, wieso es ohne REGELN nicht geht. Sicher hast Du Dich schon mal gefragt, wie es angesichts überfüllter Städte und Klimakrise möglich ist, dass der Anteil an SUV immer weiter zunimmt.
SUVs sind Ausdruck von Dominanz, von HOCHSTATUS: Ich bin stärker, größer, mächtiger und ich kontrolliere die Situation. Die Frontpartien dieser Autos werden bewusst und gezielt immer aggressiver gestaltet.
Das verleitetete zunächst nur einen gewissen, eher kleinen Teil der Menschen (ratet mal…), sich so ein Auto zu kaufen. Das waren zuerst nur ganz wenige. Nun gab es im Verkehr plötzlich eine neue Situation: Hinter mir, neben mir, vor mir fahren auf einmal bedrohlich wirkende Panzer. Ich fühle mich klein und unterlegen. Und wer will sich schon klein und unterlegen fühlen, wer geht schon freiwillig in den TIEFSTATUS.
Wer darauf empfindlich reagierte, kaufte sich alsbald selbst einen SUV (auch wenn man den nicht besonders praktisch findet und es sich um eine ökologische Peinlichkeit ersten Ranges handelt). Das hatte zur Folge, dass die gefühlte Bedrohlichkeit und die Konfrontation mit blechernem Dominanzgebahren für immer mehr Verkehrsteilnehmer*innen immer bedrängender wurde. Die Folge: Immer mehr Menschen kaufen sich einen SUV.
Und dass das so geschieht, ist kein Zufall. Auch in den Marketingabteilungen großer Autokonzerne sitzen Psychologen. Und ich bin mir sicher: die haben genau das vorhergesagt, was ich hier beschreibe. Und stießen dabei auf offene Ohren, denn so einen SUV kann man wesentlich teurer verkaufen, als kleinere Autos.
Deshalb helfen auch keine Apelle, Selbstverpflichtungen, Aufrufe an die Autokäufer. Das ist psychologisch gesehen Quatsch. Das Einzige, was hier hilft, ist das Verbot solcher Fahrzeuge. Und dieses Verbot wird nur kommen, wenn wir uns gemeinsam als Bürger*innen klar machen, auf welchen Teufelskreis wir hereingefallen sind und gemeinsam demokratisch beschließen, damit aufzuhören.
Die schweigende Mehrheit: Wir sind viel mehr, als wir denken
Die Frage setzt voraus, dass „alle anderen“ nichts tun wollen. Große Umfragen zeigen: Das stimmt nicht. Die meisten Menschen wollen Klimaschutz – sie wissen nur nicht, dass die anderen es auch wollen.
- In einer Umfrage in 125 Ländern mit fast 130.000 Menschen sagten 69 Prozent: Ich wäre bereit, jeden Monat 1 Prozent meines Einkommens für den Klimaschutz zu geben. (Andre u. a.)
- 86 Prozent finden, dass man sich klimafreundlich verhalten sollte. 89 Prozent fordern mehr politischen Einsatz. Trotzdem unterschätzen die Menschen überall, wie viele Mitbürger/innen genauso denken. (Andre u. a.)
- In den USA unterstützen 66 bis 80 Prozent wichtige Klimamaßnahmen. Geschätzt wird aber nur eine Zustimmung von 37 bis 43 Prozent. Die Forscher/innen nennen das eine „falsche soziale Wirklichkeit“ – und sie bremst, weil sich niemand als Einzelkämpfer/in fühlen will. (Sparkman, Geiger, Weber)
- Die meisten Menschen sind keine reinen Egoisten. In Experimenten zu Gemeingütern verhielt sich die Hälfte „bedingt kooperativ“: Sie gab umso mehr, je mehr die anderen gaben. Nur etwa ein Drittel blieb konsequent Trittbrettfahrer/in. (Fischbacher, Gächter, Fehr)
- Vorangehen kann Normen kippen: In Experimenten mit Online-Gruppen änderte eine entschlossene Minderheit die herrschende Regel, sobald sie etwa 25 Prozent der Gruppe ausmachte. Darunter scheiterte sie. Die Zahl stammt aus einem einfachen Laborspiel und lässt sich nicht eins zu eins auf die Gesellschaft übertragen. (Centola u. a.)
- Wichtig ist, dass man das Engagement der anderen sieht. Denn wer weiß, dass er nicht allein ist, macht eher mit. (Sparkman, Geiger, Weber)
Soziale Kipppunkte: Wie kleine Gruppen viel bewegen
Nicht nur das Klima hat Kipppunkte, auch Gesellschaften. Ein Team um Ilona Otto vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat 2020 sechs „soziale Kippelemente“ beschrieben, die eine schnelle Wende bis 2050 auslösen könnten: das Ende von Subventionen für Kohle, Öl und Gas, klimaneutrale Städte, der Abzug von Geld aus fossilen Unternehmen, die moralische Ächtung fossiler Brennstoffe, mehr Klimabildung und offene Angaben zu Treibhausgasen.
Kritiker/innen merken an, dass sich soziale Veränderungen nicht so einfach ausbreiten wie eine Ansteckung. Die Laborexperimente von Damon Centola (2018) zeigen aber: Ab einer entschlossenen Minderheit von etwa 25 Prozent kann eine neue Norm plötzlich die Oberhand gewinnen. Wer vorangeht, ist also nicht allein – sondern Teil einer möglichen Kettenreaktion.
Quellen: Otto u. a. · Smith, Christie, Willis · Centola u. a.