Moment mal – wir machen doch schon total viel!
Wieso ist hier von „nicht Handeln“ die Rede? Wir machen doch schon wahnsinnig viel: wir trennen Müll und in den Nachrichten kommen ständig etwas über Klimawandel und die Politik spricht davon, dass es eine Energiewende gäbe und außerdem ist Deutschland doch Vorreiter in Sachen Umwelt- und Klimaschutz, oder? (mehr lesen…)
Wir meinen: Politisch machen „wir“ vor allem ganz viel Kosmetik. Ernsthafte Maßnahmen könnte man z.b. an folgenden Punkten messen:
- Die Produktion von CO2 verteuert sich tatsächlich so stark, dass wir das an dem Preis von Gütern merken, der umso höher ist, je mehr CO2 bei deren Produktion oder Nutzung freigesetzt wird.
- Vermeidbare und extrem klimaschädliche Handlungen werden verboten, z.b. innerdeutsche Flüge.
Das wären zwei Indikatoren für das, was wir in Bezug auf den Klimawande unter ernsthaftem Handeln verstehen würden.
- In Bezug auf den Artenschutz würde sich ernsthaftes Handeln u.a. darin zeigen, dass industriellen Landwirtschaft nicht mehr, biologische Landwirtschaft hingegen in hohem Ausmaß gefördert wird.
- Ernsthaft Handeln gegen die Plastikflut würde u.a. bedeuten, das vermeidbare Einwegartikel weit über die aktuelle EU-Verordnung hinaus schlichtweg verboten werden.
- Ernsthaftes Handeln gegen verdeckte, nicht legitimierte Einflussnahmen würde bedeuten, dass man z.b. die willkürliche Datensammlung und Überwachung jedes Schrittes durch G—- und Co. schlichtweg unterbindet.
- Ernsthaft Handeln gegen Ausbeutung würde für bedeuten, dass man die Industrie verpflichtet, Lieferketten dahingehend zu prüfen, ob ausbeuterische Strukturen genutzt werden. Z.B. bei der Herstellung von Kleidung. Es würde nicht mehr nur auf freiwillige Maßnahmen gesetzt, weil klar ist: das Prisoners Dilemma verhindert deren Wirkung.
- Ernsthaftes Handelns gegen einen ausufernden und extrem klimaschädlichen Autoverkehr würde u.a. bedeuten, dass der Nahverkehr massiv ausgebaut und dem Radfahren in den Städten Vorang geschaffen würde. Hier zeigt sich ein weiteres Beispiel für das Prisoner’s Dilemma: solange die Städte primär auf Autoverkehr ausgelegt sind, ist es für jeden einzelnen von Vorteil, das Auto zu benutzen (der Bus steht im gleichen Stau) und man kann sich gar nicht vorstellen, wie eine Stadt aussehen würde, die Vorrang für Nahverkehr, Radfahrer und Fußgänger bietet.
- Ein Beispiel für ernsthaftes Handeln gegen Tierquälerei wäre, dass tierquälerische Formen der Massentierhaltung, des Tiertransportes und der Schlachtung wirksam unterbunden (= verboten) werden. Aber dafür fehlt gegenwärtig die demokratische Mehrheit: die Realität ist, das Supermarktketten immer noch erfolgreich Werbung mit extrem billigen Fleisch machen und an jeder Imbissbude Hähnchen aus gnadenloser Massentierhaltung verkauft werden. Und ein besonderer Hohn ist es, wenn das Gewissen der Verbraucher*innen dann auch noch mit Pseudo-Kennzeichnungen für „etwas bessere Tierhaltung“ sediert wird.
Was wir damit sagen wollen: Wenn es entschlossenes Handeln gäbe, dann würden wir das auch richtig merken. Es würde sich tatsächlich etwas an unseren Lebensgewohnheiten und unsere Verhaltensweisen ändern. Das bedeutet aber gerade nicht, dass wir plötzlich darben müssten, sondern vielleicht eher, dass unser Essen gesünder würde, dass die Städte lebenswerter würden. Aber Konsumgüter würden teurer, weil der gesamte ökologische Impact, der mit ihrer Herstellung und ihrem Gebrauch verbunden ist, in den Preis einbezogen würde.
Natürlich kommt bei solchen Ideen meist schlagartig der Einwand, man könnte das nicht machen, aber das stimmt genau nicht: man KANN und die Systeme dafür sind im Prinzip bereits vorhanden, das Problem ist nur – man WILL nicht, es gibt keine Entschlossenheit.
Lies dazu auch den SZ-Artikel „Abstieg eines Öko-Stars“ – von der Vorreiterrolle Deutschlands bei der Nachhaltigkeit ist kaum noch etwas übrig.
„Wir tun doch schon so viel“: Gute Tat als Freibrief?
Die Psychologie kennt die Sorge, dass eine gute Tat uns die nächste erspart („moralische Lizenz“): Wer Bio kauft, fliegt dann umso unbeschwerter in den Urlaub. Eine Meta-Analyse von Brandi Maki und Kollegen (2019) über 22 Studien zeigt: Im Durchschnitt passiert weder viel Gutes noch viel Schlechtes. Eine umweltfreundliche Handlung steigert die Absicht für weitere leicht, das tatsächliche Verhalten danach bleibt praktisch gleich. Auch die Zustimmung zu Klimapolitik sinkt nicht.
Positive Folgewirkungen gab es vor allem dann, wenn die Menschen aus eigener Überzeugung handelten und die Verhaltensweisen sich ähnelten. Das spricht dafür, Klimaschutz nicht über kleine Belohnungen zu verkaufen, sondern über Werte. Und es zeigt: Das Gefühl „wir machen schon genug“ entsteht weniger durch einzelne Taten als durch die Erzählung, die wir darum bauen.
Quellen: Maki u. a.