Und was ist, wenn der Klimawandel gar nicht eintritt?
Was wäre eigentlich, wenn der Klimawandel doch nicht so eintritt, wie vermutet und befürchtet. Hätten wir uns dann nicht völlig umsonst angestrengt, hätten wir nicht völlig umsonst Verzicht geübt, möglicherweise unserer Volkswirtschaft Nachteile zugefügt. Schließlich haben wir ja auch Erfahrungen mit nicht eingetretenen Prognosen, wie z.B. denen des Club of Rome der in seinen „Grenzen des Wachstums“ 1972 wesentlich schnellere und z.T. andere Veränderungen vorausgesagt hat, als sie tatsächlich beobachtbar waren. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Die Studie von 1972 rechnete mögliche Szenarien durch, keine festen Vorhersagen. Ein Abgleich mit den tatsächlichen Daten bis etwa 2019 hat gezeigt, dass zwei dieser Szenarien die Entwicklung recht gut getroffen haben – beide sagen ein Ende des Wachstums in den nächsten Jahrzehnten voraus. (Quelle)
Richtig ist: Wir können die Zukunft nicht voraussagen. 1980 hätte sich keiner vorstellen können, das es einmal so etwas wie Smartphones gibt, andererseits hätte man in den 70er Jahren vermutet, dass es schon viel früher gelingen würde, in der Raumfahrt Fortschritte zu machen. Genau das Gegenteil ist passiert.
Was also, wenn der Klimawandel gar nicht eintritt? Um diese Frage wirklich einschätzen zu können, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir gerade dabei sind, unwiederbringliche Ressourcen – und dazu gehören auch die fossilen Brennstoffe – einfach zu verheizen. Diese Ressourcen sind definitiv endlich (auch wenn es mit hohem Energieaufwand möglich sein mag, Kohlenwasserstoffe zu synthetisieren – in den Mengen in denen wir sie heute verbrauchen, sind sie unwiederbringlich weg, wenn sie verbrannt sind.)
Gleichzeitig werden unsere Mülldeponien in zu immer wertvolleren Rohstofflagern, auch wenn die Rohstoffe darin so verteilt sind, dass es nur mit höchsten Aufwand möglich wäre, sie da wieder herauszuziehen. Das heißt, wir gehen generell mit den Rohstoffen der Erde so um, als wären sie unterschüpflich – was nun mal nicht der Fall ist.
Das Artensterben und der Klimawandel haben nicht die gleichen Ursachen, aber es gibt doch ganz deutlich Überschneidungen: z.B. die massive Abholzung der Regenwälder zum Zwecke landwirtschaftliche Nutzung (unter anderem für Palmöl, Sojabohnen als Viehfutter…). Die Arten, die hier aussterben, werden auf alle Ewigkeit verloren sein, es gibt keinen Weg zurück, um diese Arten wieder ins Leben zu rufen. Weiterhin sehen wir, dass die heutige Form des Kapitalismus zwar insgesamt ein gewisses Wachstum des Wohlstandes in der Gesamt-Weltbevölkerung hervorbringt, gleichzeitig aber die Schere zwischen extremem Reichtum und Armut immer weiter und weiter aufgeht. diese Ungleichheit hat zur Folge, dass Demokratien schwach, machtlos werden und letzten Endes korrumpierbar werden. Die gewählten Vertreter der demokratischen Staaten wagen es nicht mehr, notwendige Entscheidungen zum Wohl der Bürger herbeizuführen, weil u.a. Konzerne dies zu verhindern wissen. Der Zusammenhang mit den Mechanismen des Klimawandels ist hier viel subtiler, aber wenn man sich vor Augen führt, das die der größte Teil der Einnahmen von Internetkonzernen wie G—- aus Konsum-Werbung entsteht, erkennen wir: diese Art der Wirtschaft lebt davon, dass Konsum immer weiter gesteigert wird – jenseits dessen, was benötigt wird und wirklich glücklich macht.
Es macht in jedem Fall Sinn, unseren gegenwärtigen Lebenswandel zu korrigieren. Wenn wir das tun, dann werden wir mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht nur die Klimadynamik bremsen, sondern auch unwiederbringliche Arten erhalten, die Gesundheit durch biologische Landwirtschaft stärken, die Lebensfreundlichkeit von Städten und Landschaft durch andere Verkehrskonzepte verbessern und mehr Gleichheit und Fairness in der Weltwirtschaft erreichen. Das, was wir tun müssen, um den Klimawandel zu stoppen, hat also viele positive Auswirkungen darüber hinaus. Es geht nicht nur um die Vermeidung von etwas, was wir nicht wollen – nämlich den klimawandel – sondern auch darum, etwas gewinnen: Wir können Lebensqualität gewinnen für uns und unsere Nachkommen. Dafür lohnt es sich einzustehen, auch wenn der Klimawandel nicht käme (was nicht der Fall sein kann, weil er schon da ist)
Und wenn er doch nicht so schlimm wird? Die Logik der Vorsorge
Die Frage hat eine lange philosophische Tradition. Schon der Mathematiker Blaise Pascal rechnete im 17. Jahrhundert: Wenn eine Seite der Wette einen riesigen, unumkehrbaren Verlust bedeuten kann, ist Vorsicht vernünftig – auch bei Unsicherheit. Beim Klima ist die Lage sogar klarer, weil der Klimawandel nachweislich da ist.
- Der wissenschaftliche Konsens ist heute größer als je zuvor: Mehr als 99 Prozent der seit 2012 erschienenen Fachartikel gehen vom menschengemachten Klimawandel aus. Ausgewertet wurden 88.125 Studien. (Lynas, Houlton, Perry)
- Im europäischen Recht ist diese Logik verankert: Die Umweltpolitik der EU beruht ausdrücklich auf dem Vorsorgeprinzip. Man muss nicht warten, bis ein Schaden sicher bewiesen ist. (Vertrag)
- Auch die Prognosen der „Grenzen des Wachstums“ waren nicht so falsch, wie oft behauptet. Ein Abgleich mit Daten bis etwa 2019 zeigt: Zwei Szenarien von 1972 passen recht gut zu dem, was tatsächlich geschah. Beide sagen ein Ende des Wachstums in den nächsten Jahrzehnten voraus. (Herrington)