Lebenszeitverschwendung in der Medien-Trance

Lebenszeitverschwendung in der Medien-Trance

Es ist überhaupt nichts Schlechtes daran, im Internet zu surfen, einen Film zu gucken, auch mal ein Computerspiel zu spielen, auf YouTube Videos anzuschauen – alles okay.

Problematisch wird es erst dann, wenn Du fast nichts mehr anderes tust, als Dich mit elektronischen Medien zu beschäftigen und Dich von den Inhalten mitziehen zu lassen.

Die Anbieter haben dafür sehr gute Methoden entwickelt:

YouTube bietet Dir immer die Videos an, die Dich am meisten interessieren könnten. Gxxgle weiß das aus deinem Suchverlauf und aufgrund des sonstigen Wissens, das Gxxgle über Dich hat (mehr als Du ahnst…). So klickst Du Dich von einem Video zum anderen, und ehe Du Dich versiehst, sind eineinhalb Stunden vergangen.

Netflix hat eine tolle Methode entwickelt, um in sehr gut gemachten Serien eine spannende Sequenz an die andere zu lagern, wobei diese Sequenzen sich dachziegelartig überlappen, so dass es immer spannend ist. Also bleibt man immer schön dabei. Eigentlich passiert in der Serie gar nicht so viel, man hat das Thema eben nur auf 15 Stunden gedehnt, aber es bleibt trotzdem subjektiv spannend. Und ehe Du Dich versiehst, sind drei Stunden vergangen.

Und auf Facebook – das ja eine tolle Idee ist – chattest Du virtuell mit „Freunden“ – aber Du siehst sie nicht mehr, und facebook bietet Dir eine perfekte Filterblase, die Dir genau die Inhalte anbietet, die Deiner Meinung und Überzeugung entsprechen – was will man mehr. Ganz so mächtig ist die Filterblase allerdings nicht: Als Forscher/innen bei über 23.000 Facebook-Nutzer/innen die gleichgesinnten Inhalte um ein Drittel verringerten, änderten sich deren politische Einstellungen nicht messbar. Das größere Problem ist wohl die Zeit und Aufmerksamkeit, die uns die Plattformen abnehmen. (Quelle)

Wenn wir uns anschauen, wie viel Zeit jede*r Bürger*in in Deutschland mit Medienkonsum verbringt, dann sind das durchschnittlich gut zweieinhalb Stunden Fernsehen am Tag (2025: 158 Minuten, Tendenz sinkend) (Quelle), dazu kommt Internet, dazu kommt Radio – ein Innehalten ein gegenwärtig werden, ein sich selber spüren, in den lebendigen Dialog mit anderen kommen – das wird immer weniger.

Auch die Bereitschaft, sich mal mit einem Thema so zu beschäftigen, dass man sich dabei ein wenig anstrengend, wie das bei der vorliegenden Webseite durchaus der Fall ist – diese Bereitschaft wird immer geringer. Wir sind es gewohnt, dass uns alles mundgerecht serviert wird (die Werbung und das Marketing buhlen um unsere Aufmerksamkeit), so dass wir möglichst wenig nachdenken müssen. Alles muss einfach, cool und mundgerecht serviert werden. Wirklich selber denken, das wird immer mehr zu als zu anstrengend empfunden. Das macht einerseits unpolitisch – und zugleich anfälliger für politische Verführung a la AfD.

Wir bleiben in dieser Medien-Trance, bis wir gar nicht mehr merken, dass die Welt an und unser Leben irgendwie an uns vorbei gezogen ist und sich Dinge entwickelt haben, die wir so nicht mehr wollen.

Nur durch eine wesentlich größere Bewußtheit in der Gesellschaft kann ein nachhaltiger Lebensstil entwickelt werden. Bewußtheit entsteht, wenn ich immer wieder inne halte und mir gewahr werde wo ich den hier und jetzt überhaupt bin, was ich wirklich spüre und sehe, wer wirklich vor mir steht. Und dann kann ich mich vielleicht auch mit komplexeren Themen auseinandersetzen und mir im Dialog mit anderen eine eigene Orientierung erarbeiten.

Filterblasen: kleiner als gedacht

Wie stark Filterblasen uns tatsächlich formen, wurde rund um die US-Wahl 2020 in einem großen Feldexperiment mit Meta untersucht. Ergebnis: Beim durchschnittlichen Nutzer stammte gut die Hälfte der Inhalte auf Facebook aus Quellen, die seiner Meinung entsprachen. Als die Forscher/innen diesen Anteil bei 23.377 Freiwilligen um etwa ein Drittel senkten, änderten sich deren politische Einstellungen und die Feindseligkeit gegenüber dem anderen Lager aber nicht messbar.

Das spricht gegen die einfache Formel „Algorithmus macht polarisiert“. Problematischer scheint, wie viel Zeit und Aufmerksamkeit die Plattformen binden und was wir in dieser Zeit nicht tun. Die lineare Fernsehnutzung sinkt übrigens seit Jahren: 2025 lag sie in Deutschland bei durchschnittlich 158 Minuten am Tag.

Quellen: Nyhan u. a. · AGF Videoforschung