Was haben Smartphones mit der Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen zu tun?
Von den mehreren hundert Euro, die ein iPhone kostet, gibt Apple weniger als ein Drittel für Produktion und Löhne aus. Fast 60 % landen hingegen als Rohgewinn bei Apple, weitere 10 % bei Zulieferfirmen in Asien, Europa und den USA. Möglich ist das, weil Apple & Co keine eigenen Fabriken betreiben. Sie lassen das eigentliche Produkt stattdessen in einem komplexen Netz globaler Wertschöpfungsketten fertigen, das mit den Versprechungen der High-Tech-Industrie auf Wohlstand und Fortschritt nur wenig zu tun hat. Die wirtschaftliche Dynamik des Smartphone-Booms speist sich nämlich nicht allein aus den klugen Ideen einiger geschäftstüchtiger Persönlichkeiten wie Steve Jobs. Sie folgt vielmehr aus den, relativ zum Verkaufspreis gesehen, billigen Rohstoffen und niedrigen Löhnen in der Produktion. Jedes Smartphone besteht aus rund 60 verschiedenen Rohstoffen. Neben Plastik, Glas und Keramik werden etwa 30 Metalle verarbeitet. Auch wenn viele davon nur in sehr kleinen Mengen im Touchscreen, dem Akku, den Leiterplatten oder Kameras verarbeitet werden: Eine Produktion von aktuell rund 1,4 Milliarden Geräten jährlich erzeugt Druck auf die Förderung von Rohstoffen. Mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets wirken aufgrund ihres relativ geringen Gewichts nicht wie große Rohstoffverbraucher. Doch ist zum Beispiel für die Produktion von 14 iPads so viel Zinn nötig wie für die Herstellung eines gesamten Autos.16 Insgesamt verbraucht die Produktion mobiler Endgeräte deshalb bereits heute deutlich mehr Zinn als die globale Autoindustrie. Und sie wächst deutlich schneller. Das Beispiel Zinn lässt bereits erkennen, wie massiv sich unsere digitale Normalität auch auf jene Teile der Weltbevölkerung auswirkt, die scheinbar unbeteiligt sind am Prozess der Digitalisierung: Ein Drittel des auf dem Weltmarkt verkauften Zinns kommt von den indonesischen Inseln Bangka und Belitung. Dort zerstört die Rohstoffförderung die Lebensgrundlage der ansässigen Bevölkerung, weil Wälder gerodet, die Meeresflora und -fauna mit Klärschlamm verschmutzt und Böden unfruchtbar gemacht werden. Steigende Nachfrage und damit wachsende soziale und ökologische Probleme im Bergbau sind jedoch kein Spezifikum von Zinn. Seit 1970 hat sich die weltweite Entnahme von Rohstoffen laut dem Weltressourcenrat der Vereinten Nationen mehr als verdreifacht – von 30 auf rund 107 Milliarden Tonnen im Jahr (Quelle), obwohl längst bekannt ist, dass eine solche Verbrauchsentwicklung die Grenzen unseres Planeten weit übersteigt.
Doch wer profitiert von diesem Raubbau?
Während einige Regionen, vor allem im Globalen Süden, auf den Export von Primärrohstoffen für den Weltmarkt angewiesen sind, findet der Konsum der höherwertigen Produkte vor allem im Globalen Norden statt. In reicheren Ländern Europas und in Nordamerika ist der Rohstoffverbrauch pro Kopf sechsmal so hoch wie in Ländern mit niedrigem Einkommen, die Klimafolgen pro Kopf sind sogar zehnmal so hoch. (Quelle) Dafür ist gerade auch die EU verantwortlich, die als weltweit größter Importeur von Rohstoffen auf internationaler Ebene aktiv für das Interesse ihrer Industrien eintritt, möglichst günstig Rohstoffe aus den Ländern des Globalen Südens zu erhalten. In ihren Rohstoffstrategien setzen die EU und die deutsche Bundesregierung auf Handelsabkommen und politisch-ökonomischen Druck, um dieses Ziel zu erreichen. Quelle: https://aufkostenanderer.org/wp-content/uploads/2017/06/3-digitalisierung.pdf
Rohstoffe für die Energiewende liegen oft auf indigenem Land
Für Akkus, Windräder und Solaranlagen braucht die Welt mehr Lithium, Kupfer, Nickel und Kobalt. Eine Studie der Universität Queensland hat 5.097 Bergbauprojekte für diese Rohstoffe untersucht. Ergebnis: 54 Prozent liegen auf oder nahe dem Land indigener Völker.
Beim Lithium sind es sogar 85 Prozent. Weitere 33 Prozent aller Projekte liegen auf oder nahe dem Land von Kleinbauern/-bäuerinnen. Insgesamt liegt mehr als die Hälfte der Vorkommen auf Land von Menschen, die eng mit ihrem Boden verbunden sind (Studie veröffentlicht Dezember 2022, Nature Sustainability 2023).
Das heißt: Die Energiewende ist nötig – aber sie darf nicht auf Kosten dieser Menschen gehen. Sie haben das Recht, gefragt zu werden und Nein sagen zu können.
Quellen: Owen u. a.: Energy transition minerals and their intersection with … · Owen u. a., Nature Sustainability (2023) · Owen u. a., Nature Sustainability (2023)
Wer verbraucht wie viel? Das Rohstoff-Gefälle zwischen Arm und Reich
Der Weltressourcenrat der UN hat nachgerechnet: 1970 holte die Menschheit 30 Milliarden Tonnen Rohstoffe aus der Erde. 2024 waren es rund 106,6 Milliarden Tonnen – mehr als dreimal so viel. Jedes Jahr kommen im Schnitt mehr als 2,3 Prozent dazu.
Bei den Metallen ist der Anstieg ähnlich: von 2,6 auf 9,6 Milliarden Tonnen seit 1970. Das sind zwar nur rund 10 Prozent aller Rohstoffe, aber sie verursachen 8 Prozent der Klimafolgen und 13 Prozent der Gesundheitsschäden durch Feinstaub (Daten 2022).
Der Verbrauch ist sehr ungleich verteilt: Menschen in reichen Ländern nutzen pro Kopf sechsmal so viele Rohstoffe wie Menschen in armen Ländern – und verursachen zehnmal so viel Klimaschaden (Stand 2024).
Quellen: International Resource Panel (UNEP): Global Resources Outlook 2024 – … · Global Resources Outlook 2024 – Summary for Policymakers · Global Resources Outlook 2024 – Summary for Policymakers
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