Der Weg nach Europa: Über das Ertrinken lassen im Mittelmeer
Es ist Mord – Videoberichte über das Verhalten der libyschen Küstenwache gegenüber Flüchtlingen in Seenot
Ein Video der New York Times (hier im Spiegel-TV) zeigt, mit welcher Grausamkeit die libysche Küstenwache Flüchtlinge behandelt – und ertrinken lässt. Vor dem Hintergrund dieser Bilder wird deutlich, welch ein menschenverachtender Zynismus darin liegt, ausgerechnet die Menschen zu kriminalisieren, die solche Situationen nicht mehr zulassen wollen. Der folgende ARD-Bericht bezieht sich auf den Bericht, der hier im Original zu sehen ist: https://www.spiegel.de/thema/spiegel-tv/
Diese Bilder sind NICHT für Kinder geeignet.
Aktueller Beitrag: Die Logik der Todesstrafe als Abschreckung für Flüchtlinge
Pro Asyl: Der menschenverachtende Deal der EU mit Libyen (2019): Die Menschenrechtsorganisation beschrieb, wie die EU die zivile Seenotrettung behinderte und zugleich die sogenannte libysche Küstenwache ausbildete und bezahlte – obwohl diese Gerettete in Lager zurückbrachte, in denen Folter, Erpressung und Menschenhandel an der Tagesordnung waren. Italien schloss 2018 seine Häfen für Rettungsschiffe. Pro Asyl forderte, dass aufnahmebereite Staaten die Geretteten gemeinsam aufnehmen. Zum ganzen Artikel
Was daraus wurde: Die Ausbildung der Küstenwache lief bis 2020 im Rahmen der Operation „Sophia“, seitdem im Rahmen der Nachfolgemission IRINI. Seit 2014 zählt die Internationale Organisation für Migration im gesamten Mittelmeer 35.707 Tote und Vermisste. Seit dem 12. Juni 2026 gilt die EU-Asylreform GEAS mit einem Solidaritätsmechanismus zur Verteilung von Schutzsuchenden. (IOM Missing Migrants)
Mittelmeer 2026: weniger Ankünfte, aber nicht weniger Tote
Heute kommen deutlich weniger Menschen über das Mittelmeer. Die Überfahrt ist aber nicht sicherer geworden.
- Bis Mitte September 2026 starben auf der zentralen Mittelmeerroute 996 Menschen – mehr als im gleichen Zeitraum 2025 (844). Gleichzeitig kamen in Italien nur 21.393 Menschen an, weniger als halb so viele wie 2025. (UNRIC)
- Die libysche Küstenwache hat von Januar bis Mitte September 2026 17.067 Menschen auf See abgefangen und nach Libyen zurückgebracht. (UNRIC)
- Insgesamt registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex in den ersten neun Monaten 2026 gut 91.000 irreguläre Grenzübertritte – fast ein Drittel weniger als 2025. Auf der zentralen Mittelmeerroute ging die Zahl um 56 Prozent zurück. (Frontex)
- Frontex selbst verweist auf die IOM: Im gesamten Mittelmeer haben 2026 bis Mitte Oktober fast 2.000 Menschen ihr Leben verloren. (Frontex)
Was heißt das für uns? Weniger Ankünfte bedeuten nicht weniger Leid. Solange es kaum sichere und legale Wege gibt, bleibt das Mittelmeer eine der tödlichsten Grenzen der Welt.
Macht Seenotrettung die Flucht attraktiver? Der „Pull-Faktor“ im Faktencheck
Ein häufiges Argument gegen Seenotrettung lautet: Wenn Schiffe Menschen retten, wagen mehr Menschen die Überfahrt. Ein Forschungsteam um Alejandra Rodríguez Sánchez hat das 2023 in der Fachzeitschrift Scientific Reports untersucht. Sie verglichen drei Phasen: die staatliche Rettungsmission Mare Nostrum, die private Seenotrettung und die Rückführungen durch die libysche Küstenwache. Mit einem statistischen Modell berechneten sie, wie viele Überfahrten es ohne diese Maßnahmen gegeben hätte.
Das Ergebnis: In den Phasen mit Seenotrettung gab es keinen erkennbaren Unterschied zur berechneten Zahl ohne Rettung. Die Rückführungen nach Libyen dagegen haben die Zahl der Überfahrten beeinflusst. Die Forscher/innen finden also keinen Beleg dafür, dass Seenotrettung irreguläre Migration antreibt. Wichtiger sind andere Gründe – etwa Krieg, Armut und die Lage in Libyen.
Vom Relocation-Vorschlag zum Solidaritätsmechanismus
Der Vorschlag des Europäischen Flüchtlingsrats von 2019 ist teilweise Wirklichkeit geworden: Mit der GEAS-Reform gibt es seit Juni 2026 einen festen Solidaritätsmechanismus. Für 2026 haben die EU-Staaten 21.000 Umsiedlungen oder 420 Millionen Euro an Ausgleichszahlungen vereinbart.
Der Haken: Kein Staat muss Menschen aufnehmen. Er kann stattdessen zahlen oder andere Leistungen anrechnen. Deutschland zum Beispiel verrechnet rund 4.500 sogenannte Dublin-Fälle, bei denen Italien die Rücknahme verweigert hat. Deshalb bezweifelt der Mediendienst Integration, dass der Mechanismus in der Praxis viel bewirkt.
Quellen: Euronews · ZDFheute · Mediendienst Integration
