Die Islam-Debatte: (Wovor) müssen sich Nicht-Moslems fürchten?

Die Islam-Debatte: (Wovor) müssen sich Nicht-Moslems fürchten?

Viele Menschen, die als Asylsuchende nach Europa kommen, gehören dem Islam an. Man hat mir stark abgeraten, in diesem Webportal irgendetwas zum Thema Islam zu sagen oder überhaupt zum Thema Religion. „Das könnte alles kaputt machen“, so die Warnung. An dieser Stelle seien die Menschen unglaublich empfindlich. Ja, diese Sorge teile ich auch, aber es hilft nichts: Das Thema ist da und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Vor allem dann, wenn das Thema immer wieder als Vorwand genommen wird, um Menschen auszugrenzen. Ich hoffe, es gelingt mir, mit aufrichtigem Respekt zu schreiben.

Auf der anderen Seite möchte ich auch klarstellen, dass es mir nicht darum geht, vorhandene Probleme schön zu reden. Ich verabscheue Beschwichtigungen – sonst gäbe es diese Seite sicherlich nicht. Kritische Stimmen in der Auseinandersetzung v.a. mit dem politischen Islam müssen gehört und berücksichtigt werden. Davon gibt es ja genug, einer der profiliertesten Islam-Kritiker ist sicherlich Hamed Abdel-Salam. Hier die Wikipedia-Auswahl seiner Artikel:

Vom Glauben zum Wissen. In: Neue Zürcher Zeitung, 3. Dezember 2009
Der Islam hat ein Problem mit sich selbst. In: Die Welt, 29. Januar 2010
Goodbye, Abraham! In: Jüdische Allgemeine, 23. September 2010
Verlorenes Alexandria. In: Die Welt, 6. Januar 2011
Ein Täter ist nicht genug. In: Die Welt, 30. Juli 2011.
Viel Lärm um nichts. In: Die Welt, 18. August 2011
Scharia oder Scharia light? In: Die Welt, 3. November 2011
Das Popcorn der Revolution. In: Welt am Sonntag, 29. Januar 2012
Meine lieben Muslimbrüder. In: Welt am Sonntag, 30. Dezember 2012
In der Geiselhaft des Islam. In: Focus, 19. August 2013
Feind als Vorbild. In: Jüdische Allgemeine, 3. April 2014
Die neuen Religionskriege. In: Die Zeit, Nr. 39, 2014
Heuchlerische Funktionäre. In: Die Welt, 6. Oktober 2014
Erdogan, der einsame Sultan. In: Welt am Sonntag, 7. Dezember 2014
IS, selbst gemacht. In: Die Welt, 17. Dezember 2014
Stopp dem Hass: Rezepte gegen Radikalismus. In: Der Kurier, 11. Januar 2015
Mohammed ließ die Lästerer töten. In: Die Zeit, Nr. 3, 2015
Über Mohammed lachen lernen. In: Welt am Sonntag, 1. Februar 2015
Der gefährliche Prophet. In: Die Zeit, Nr. 38, 2015
Der lange Arm des Islam. In: Die Welt, 26. September 2015
Wir haben eine richtige Gewaltseuche im Herzen des Islam. – Interview mit Lisa Nimmervoll. In: Der Standard, 25. Oktober 2016

Es gibt sicherlich sehr gute Gründe, den politischen Islam kritisch zu sehen, auch wenn Abdel-Salam an manchen Stellen zu kurz greift. So bekämpft er etwa das Kopftuch, ohne zu berücksichtigen, dass das Tragen eines religiösen Kleidungsstücks in allen Religionen vorkommt. Es gibt vielen Trägern oder der Trägerinnen einer solchen symbolischen Bekleidung ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Göttlichen, es ist ein Zeichen der Hingabe an das Göttliche. Aber das gilt natürlich nicht für ein 14-jähriges Mädchen in Europa, das von seinem Vater gezwungen wird, Kopftuch zu tragen. Ich greife dies nur als Beispiel heraus, um zu zeigen, dass ein tieferes Verstehen nötig ist, um Zugang zu einer Religion zu bekommen.

Von der Irritation zum Verstehen

Wenn man in den Medien über den Islam liest, steht dies derzeit (Stand 2019) allzu oft im Zusammenhang mit Islamismus und Terrorismus. Das was uns in den Medien als „der“ Islam präsentiert wird, macht es nur allzu leicht, sich genüsslich zurückzulehnen und zu sagen: „Sowas wollen wir hier einfach nicht haben“. Wenn wir ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Religionen und Kulturen erreichen wollen müssen wir die Generalisierungen überwinden und genauer hinschauen. Dafür können wir an den Lebenswirklichkeiten der Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen anknüpfen und ihnen den da begegnen.

Dabei helfen Beschönigungen nicht weiter. Wo problematisches Verhalten auftritt, darf und muss dies auch benannt werden. Wo wir unmittelbar mit Unrecht konfrontiert zu werden, müssen wir darauf antworten, egal wie dieses Unrecht begründet wird. Wenn ich an den Islam denke, geht auch bei mir, einem in der christlichen Tradition erzogenen deutschen „Mittelstandsmann“, zunächst fast automatisch eine Art inneres Warnlicht an. Es fällt es mir manchmal schwer, diese Religion unvoreingenommen und ohne zu urteilen zu betrachten, wenn ich in die (einseitig kritisch orientierten) Nachrichten schaue. Wir haben als Menschen nun einmal die Tendenz problematische negative Erfahrungen vier bis fünfmal stärker zu erinnern als positive Erfahrungen. Und so haften sich verstörende Einzelerfahrungen im Gedächtnis fest und werden u.U. zum Anker für unser Denken über „den Islam“ und „die Muslime“.

Aber ist es wirklich richtig, all dies auf den Islam als ganzes zu generalisieren? Über den „ganz normalen Alltag“ der meisten Muslime liest man so wenig, wie über den der „ganz normalen“ Katholiken oder Protestanten.

Auf der Suche nach einem differenzierten Islam-Bild für Westler.

Ich habe nach Quellen gesucht, die mir den Islam ein wenig mehr erhellen können, wie z.B. www.islam.de oder www.islam-info.ch. Da findet sich z.B. zum Begriff Dschihad folgendes: „Dschihad – der „Heilige Krieg“? Immer wieder taucht in den Medien der Begriff vom islamischen „Heiligen Krieg“ auf. Das soll die angebliche Übersetzung des arabischen Wortes „dschihad“ (oder „jihad“) sein. Dabei bedeutet „dschihad“ nichts anderes, als „sich abmühen“, „sich Mühe geben für etwas“ oder „streben nach etwas“. Es beinhaltet den unermüdlichen Einsatz jedes einzelnen Muslim, gegen sein eigenes niederes Selbst, das zum Bösen verleitet, und ist zu verstehen als der permanente ethische Auftrag des Individuums, sich selbst zu verbessern und Gutes zu tun für die Gesellschaft.“

  • Der Koran äußert sich zur Anwendung von Gewalt widersprüchlich.
  • Erst im 13. Jahrhundert wird der Dschihad als Krieg gegen die Ungläubigen propagiert.
  • Einen Märtyrerkult legitimiert der Koran nicht.

Bei mir bleibt immer noch ein gewisser Vorbehalt, wenn ich Geschichten über das Leben des Propheten lese, die so ganz anders klingen als das was ich aus dem Neuen Testament von Jesus kenne, der die Liebe zu den Feinden predigt. Meine Quelle hierfür ist Hamed Abdel-Salam, einer der profiliertesten „Islam-Kritiker“ in Deutschland. Der Koran mag hier widersprüchlicher sein. Doch auch das Alte Testament hat viele Stellen, an denen die Feinde nicht geschont werden.
Bei meiner weiteren Recherche stoße ich auf die Seite Islam-ist.de – und auch hier erkenne ich nichts „schlimmeres“, als was man im Katholizismus der 60er Jahre hätte schreiben können. Im Gegenteil, es wird hier auf hoch differenzierte Weise über die verschiedenen kulturellen Strömungen im Islam informiert, was zeigt, dass man den Islam ebenso wenig auf einen Nenner bringen kann, wie das Christentum. Es ist also ohne weiteres möglich, konkreten Auswüchsen und Extremformen jeder Religion – auch des Islam – entgegenzutreten, ohne dabei die Religion als ganze abzulehnen.

Was ist mit dem Christentum?

Wenn ich gezielt danach suche, werde ich in der Geschichte des Islam und seiner Strömungen vermutlich eine Fülle von Textstellen finden, die aus humanistischer Sicht inakzeptables Verhalten beschreiben oder vorschreiben.

Allerdings müsste ich dafür gar nicht den Islam bemühen: Auch im christlichen Kulturkreis würde ich schnell fündig, von den Kreuzzügen bis zu den Hexenverbrennungen, der Haltung der Kirche im Nationalsozialismus usw. Ist der Islam nicht, ebenso wie das Christentum, eine kulturell extrem breitgefächerte und vielfältige Religion? Und sehe ich nicht auch im Christentum Tendenzen, die hochproblematisch sind, etwa in der Ablehnung von Homosexualität oder in der Ungleichbehandlung von Frauen?

Hat es nicht auch die christliche Kirche geschafft, aus einer Religion, dessen Begründer von der Liebe zu den Feinden spricht, ein Kampfinstrument zu machen, in dem Kreuzzüge geführt werden? Hexenverbrennungen, Sklaverei, die Grausamkeiten der Christianisierung im Rahmen des Imperialismus, all das ist Teil der Geschichte des Christentums. Auch im heutigen Christentum gibt es ein weites, weites Spektrum zwischen lebendigen, weltoffenen und auch tief spirituellen Strömungen (Taizé) und z.B. evangelikalen oder radikalkatholischen Verengungen. Abgesehen davon: wer im Koran und in den Hadithen nach Stellen sucht, die mit einem humanistischen Menschenbild unvereinbar sind, wird auch im alten Testament an vielen Stellen fündig…

Man kann, aus einer Religion fast alles machen, ganz unabhängig davon, was vom Ursprung her gesehen deren Grundanliegen ist. Man kann eben nur allzu leicht behaupten, etwas sei Gottes Wille und sich dann auf irgendeinem beliebigen Text in der jeweiligen „heiligen Schrift“ oder der religiösen Tradition berufen.

Ja, wir brauchen einen Dialog zwischen den Religionen und Kulturen. Jedoch über Gruppen lassen sich allenfalls statistische Aussagen machen (die eine breite Streuung aufweisen). Entscheidend scheint mir, dass es zu einem Dialog der Menschen kommt, dass Personen in all ihren Facetten einander begegnen und sich füreinander interessieren. Die lebendige Begegnung holt uns wieder in die Wirklichkeit zurück, dass wir alle zuerst Menschen sind, die im Grunde die gleichen Bedürfnisse haben, aber viele verschiedene Strategien, um diese zu erfüllen – und viele Glaubenssysteme, um Sinn und Ordnung im Leben zu finden.

Religion, Vernunft und das Mystische

Tatsächlich sehe ich ein Problem bei allen (vor allem den theistischen) Religionen: Es ist allzu leicht möglich, das Sprechen von GOTT – mit welchem Wort auch immer bezeichnet – missbräuchlich anzuwenden und dies mit irgendwelchen Textstellen zu belegen, die vielleicht historisch, soziologisch und psychologisch verstanden werden können, aber sicherlich nichts über diese letzte, grundlegende und unbegreifliche Wirklichkeit aussagen können, für die das Wort GOTT stehen mag.

Das große Problem mit JEDER Religion und jeder Ideologie ist, dass deren Anhänger sich als rechtgläubig sehen. Das macht aber alle anderen zu nicht-Rechtgläubigen. Dabei ist es völlig gleich, ob man den Katholizismus, den Islam oder irgendeine andere Religion heranzieht. Das Spezielle an Religionen ist, dass die Rechtgläubigkeit nicht rational begründbar ist, weil es eben ein GLAUBEN ist. Und so treten immer wieder Polarisierungen auf zwischen Religionsanhängern, die jeweils fest davon überzeugt sind, alleine recht zu haben, mit dem, was sie glauben. (Was übrigens nahelegt, dass alle sich irren, die so denken…)

Zugleich haben diese Religionen hochentwickelte spirituelle (mystische) Ausdrucksformen hervorgebracht so etwa die Kontemplation im Christentum oder den Sufismus im Islam. Diese spirituellen Wege verabschieden sich von der Idee, dass die Wahrheit in den Schriften steht, ja dass die eigentliche Wirklichkeit überhaupt in Worte werden kann. Es sind tiefgründige Erfahrungswege, die von den offiziellen Vertretern der Religionen oft misstrauisch gesehen oder bekämpft wurden und werden.

Fürchten müssen wir uns vor jeder Form von Religion, die Vernunft als Grundlage für Dialog und Handeln nicht mehr anerkennt. Ludwig Wittgenstein schreibt in seinem Tractatus Logicus Philosophicus: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ (TLP 7) „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische“ (TLP 6.522). (Mehr zum Tractatus findet Ihr hier.)
Etwas mehr Respekt vor der Vernunft täte den Religionen gut. Dann wäre der Geist auch offen für das Unaussprechliche, Mystische, und wir könnten erfahren, wie es sich zeigt.

Fürchten müssen wir jede Ideologie (auch wenn sie Religion genannt wird), die Nicht-Anhängern weniger Heil, weniger Rechte, weniger Wert zubilligt. Warum? Weil derartige Einstellungen die Grundlagen für unser friedliches Zusammenleben in Frage stellen.

Wie ist die historische Beziehung der Religionen zueinander?

Religionen sind nie im „luftleeren“ Raum entstanden sondern immer in einem Feld, in dem es schon Ausprägungen von Religiosität gab. Der Stammbaum der Religionen von Simon E. Davies gibt einen Überblick.