Entwicklungszusammenarbeit gegen Fluchtursachen in Afrika – Kann das gelingen?

Entwicklungszusammenarbeit gegen Fluchtursachen in Afrika – Kann das gelingen?

Die Millionen der Ärmsten haben gar nicht die Möglichkeit, nach Europa zu kommen. Afrika ist der Kontinent mit den meisten Binnenflüchtlingen. Tatsächlich steigt die Migration zunächst einmal an, wenn ein Land die Schwelle von bitterster Armut zu moderatem Wohlstand überschreitet. Das muss aber auch für Europa kein Nachteil sein, im Gegenteil: eine gut geregelte Migration kann sowohl Afrika, wie auch Europa Nutzen bringen: Mehr Entwicklung – mehr Migration UND mehr Migration – mehr Entwicklung. Wie das geht, kannst Du im Folgenden Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung nachlesen:

Entwicklungszusammenarbeit gegen Fluchtursachen in Afrika – Kann das gelingen? (Aus Politik und Zeitgeschichte, bpb): Der Beitrag prüft die verbreitete Idee, mit Entwicklungshilfe Flucht und Migration nach Europa zu verringern. Ergebnis: Die Möglichkeiten sind begrenzt, denn mit steigendem Wohlstand nimmt Migration zunächst sogar zu. Wichtiger als einzelne Projekte seien gerechtere Strukturen im Welthandel, bei Finanzen und Investitionen – dafür solle sich Deutschland etwa in der G20 einsetzen. Zum ganzen Artikel

Mehr zu diesem Thema findest Du in dem bpb-Interview mit Rainer Thiele: „Entwicklungshilfe ist nur ein kleiner Teil dessen, was Migration beeinflussen kann„.

Auch wenn man diese Beiträge der bpb kritisch lesen muss, zeigen sie doch die enorme Komplexität der Zusammenhänge. Die „Förderung von Privatinvestitionen“ kann man auch kritischer sehen.

Sicher ist: Die reicheren Staaten müssen Konzerne hindern, im Schulterschluss mit Despoten die Ressourcen afrikanischer Staaten ausbeuten, ohne dass die Bevölkerung etwas davon hat.

Sicher ist auch: Unsere Regierungen müssen dafür sorgen, dass die afrikanische Wirtschaft nicht durch einseitige Exportorientierung, Aufkauf von Land, Import von Billigprodukten (die berühmten Hähnchenflügel) usw. noch abhängiger wird. Gefördert werden muss nicht nur der globalisierte Handel, sondern vor allem auch die lokale Selbstversorgung und die Bildung.

Entwicklungshilfe im freien Fall: die Kürzungen 2025/2026

Lange wurde darüber gestritten, ob mehr Entwicklungszusammenarbeit Fluchtursachen bekämpfen kann. Heute geht es um das Gegenteil: Fast alle reichen Länder kürzen.

  • Die Entwicklungshilfe der OECD-Geberländer fiel 2025 auf 174,3 Milliarden US-Dollar. Das sind 23,1 Prozent weniger als 2024 – der stärkste Rückgang, der je gemessen wurde. (Focus 2030)
  • Damit ist die Hilfe auf den Stand von 2015 zurückgefallen – dem Jahr, in dem die UN-Nachhaltigkeitsziele beschlossen wurden. (Focus 2030)
  • Am stärksten kürzten die USA (minus 57 Prozent). Deutschland kürzte um 17 Prozent, Frankreich und Großbritannien um je 11 Prozent. (Focus 2030)
  • Getroffen hat es vor allem die Ärmsten: Die ärmsten Länder verloren 25,8 Prozent, Afrika südlich der Sahara 26,3 Prozent. (Focus 2030)
  • Die US-Regierung hat 2025 die Entwicklungsbehörde USAID geschlossen, die über sechzig Jahre bestand. (Welthungerhilfe, Fachjournal Welternährung)
  • Deutschland kürzt das fünfte Jahr in Folge: von 12,16 Milliarden Euro (2023) auf 10,05 Milliarden Euro (2026). Für 2027 plant die Regierung nur noch 9,469 Milliarden Euro. (evangelisch.de/epd, 07.07.2026)
  • Das alte UN-Ziel, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für Entwicklung auszugeben, verfehlt Deutschland: 2025 waren es 0,56 Prozent. (evangelisch.de/epd, 07.07.2026)
Rücküberweisungen: Migranten/innen helfen mehr als alle Staaten

Der bpb-Text nennt für 2016 Rücküberweisungen von 429 Milliarden US-Dollar. Inzwischen ist die Summe deutlich gewachsen: 2023 schickten Migranten/innen geschätzt 656 Milliarden Dollar in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Das ist mehr als staatliche Entwicklungshilfe und ausländische Direktinvestitionen zusammen. Nach Afrika flossen mehr als 90 Milliarden Dollar, vor allem nach Nigeria und Ägypten.

Ein Problem sind die Kosten: Eine Überweisung nach Afrika kostete Anfang 2024 im Schnitt 8,4 Prozent der Summe – bei 1.000 Dollar also 84 Dollar. Das UN-Nachhaltigkeitsziel 10.c verlangt, diese Kosten auf unter 3 Prozent zu senken. Billigere Überweisungen wären eine einfache, wirksame Hilfe.

Quellen: Welthungerhilfe, Fachjournal Welternährung · Welthungerhilfe, Fachjournal Welternährung

Wirkt Entwicklungshilfe überhaupt? Was die Lancet-Studien zeigen – und wo ihre Grenzen liegen

Kritiker/innen sagen oft, Entwicklungshilfe versickere oder mache abhängig. Die Studie eines Teams um Davide Rasella (ISGlobal Barcelona) in The Lancet hat Daten aus 133 Ländern von 2001 bis 2021 ausgewertet. Ergebnis: Wo USAID viel finanzierte, lag die Gesamtsterblichkeit um 15 Prozent und die Kindersterblichkeit um 32 Prozent niedriger. Eine Folgestudie (The Lancet Global Health, 2026) rechnet für alle großen Geber mit 9,4 bis 22,6 Millionen zusätzlichen Todesfällen bis 2030, wenn die Kürzungen bleiben.

Einordnung: Es handelt sich um statistische Zusammenhänge und Modellrechnungen, nicht um gezählte Todesfälle. Die Autoren/innen weisen selbst darauf hin, dass die Folgen davon abhängen, wie Regierungen reagieren. Die Abhängigkeit ist zudem ein echtes Problem: Viele afrikanische Länder hingen im Gesundheitswesen, vor allem bei HIV/Aids, stark an US-Geld. Gute Entwicklungszusammenarbeit sollte deshalb eigene Strukturen in den Ländern stärken.

Quellen: ISGlobal, 01.07.2025 · ISGlobal · Welthungerhilfe, Fachjournal Welternährung

Deutschland: plötzlich größter Geber – und trotzdem auf Sparkurs

Ein Paradox: Weil die USA ihre Hilfe mehr als halbiert haben, war Deutschland 2025 mit 29,1 Milliarden US-Dollar knapp der größte Geber der Welt – vor den USA mit 29 Milliarden. Gleichzeitig hat Deutschland selbst um 17 Prozent gekürzt. Der Etat des Entwicklungsministeriums sinkt seit 2023 jedes Jahr; 2027 sollen es nur noch 9,469 Milliarden Euro sein. Finanzminister Klingbeil sprach von harten Entscheidungen.

Der Verband VENRO warnt, das internationale Hilfssystem sei massiv unterfinanziert: 2026 seien nur 34 Prozent der benötigten Mittel gesichert. Die Bundesregierung betont dagegen, Deutschland bleibe ein glaubwürdiger Partner.

Quellen: Focus 2030 · evangelisch.de/epd, 07.07.2026