Wie viele Menschen leben in extremer Armut?
Extreme Armut heute: Stillstand statt Fortschritt
Seit Juni 2025 misst die Weltbank extreme Armut mit einer Grenze von 3 US-Dollar pro Tag (vorher 1,90 und 2,15 US-Dollar). Die neuen Zahlen zeigen: Der große Rückgang der Armut ist vorbei.
- Seit 1990 ist die Zahl der extrem armen Menschen von rund 2,3 Milliarden auf 811 Millionen gesunken. Das ist ein riesiger Erfolg, vor allem durch das Wachstum in Ost- und Südasien. (Weltbank)
- Doch seit der Pandemie geht es kaum noch voran. 2026 lebt etwa jeder zehnte Mensch von weniger als 3 US-Dollar am Tag. (Weltbank, Pressemitteilung 26.10.2026)
- Die Weltbank rechnet damit, dass es 2030 sogar mehr extrem arme Menschen geben könnte als heute – wenn die Einkommen pro Kopf nicht schneller wachsen. (Weltbank, Pressemitteilung 26.10.2026)
- Armut ballt sich immer stärker an wenigen Orten: Bis 2030 werden voraussichtlich 87 Prozent der extrem Armen in Afrika südlich der Sahara oder in Krisen- und Konfliktstaaten leben. (Weltbank, Pressemitteilung 26.10.2026)
- Fast die Hälfte der Menschheit – 3,7 Milliarden – lebt von weniger als 8,30 US-Dollar am Tag. Diese Zahl hat sich seit 1990 kaum verändert. (Weltbank, Pressemitteilung 26.10.2026)
- Armut ist mehr als wenig Geld. Der UN-Index für mehrdimensionale Armut (Gesundheit, Bildung, Lebensstandard) zählt 1,2 Milliarden Arme, davon 616 Millionen in Afrika südlich der Sahara. Ihre Zahl ist zum ersten Mal seit 2010 gestiegen. (UNDP/OPHI)
- In Deutschland galten 2025 rund 16 Prozent der Menschen als armutsgefährdet; gut jede/r Fünfte war von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. (Destatis)
Afrika – der blinde Fleck
In ihrer Ausgabe vom 8. Juli 2019 berichtet die Süddeutsche Zeitung in dem Artikel „Klischees des Weißen Mannes“ über eine Stellenanzeige der New York Times: darin wird die Aufgabe des neuen Afrika Korrespondenten der NYT auf eine Weise dargestellt, die den Kontinent als einzige Problemzone betrachtet. Erfolgsgeschichten werden als Ausnahme gesehen. In den Geschichten, die über Afrika berichtet werden, kommen Afrikaner häufig nur als Opfer vor. Die SZ zitiert aus einer Satire (2005) des kürzlich verstorbenen Schriftsteller Binyavanga Wainaina „Wie man über Afrika schreibt“: „Behandele Afrika in deinem Text, als wäre es ein Land. Es ist heiß und staubig mit hügeligen Graslandschaften und riesigen Tierherden, mit großen, schlanken Menschen, die hungern. Oder es ist heiß und schwül, mit kleinen Menschen, die Primaten essen.“.
Als ich diesen Text gelesen habe, bin ich ein wenig erschrocken, denn auch wir sagen hier ja deutlich, dass Afrika der Kontinent mit den meisten extrem armen Menschen ist. Das unterschlägt natürlich, dass die unterschiedlichen Regionen und Länder Afrikas große Chancen haben, eine positive und gedeihliche Entwicklung zu nehmen. Deshalb ist es eben nicht richtig, sinngemäß zu sagen (oder zu denken): „Na ja, Afrika, da können wir doch eh nichts machen, da haben wir diese vielen Menschen die in Armut sind und das sind so viele, da bleibt uns eigentlich nur diese eine Möglichkeit: dicke Mauern zu errichten.“ Nein, das ist keine gute Antwort. Es gibt unzählige Ansatzpunkte, wo wir genau die Länder dieses Kontinents unterstützen können in ihrer Entwicklung, im Sinne einer nachhaltigen Wirtschaft, die den Menschen vor Ort zugutekommt. Im Sinne einer Unterstützung von demokratischen Bestrebungen und so weiter. Aber auch ich muss mich immer wieder daran erinnern: wenn ich über andere Menschen in anderen Ländern und anderen Kulturen rede, dann ist es wichtig, den Respekt aufzubringen und sich bewusst zu machen, dass es vor Ort immer ganz anders ist, als es von außen – aus der Ferne – aussieht und dass die Menschen sich selbst anders sehen, als wir sie sehen.
Hunger 2025/2026: weltweit etwas weniger, in Afrika mehr
Hunger und Armut hängen eng zusammen. Die neuesten Berichte der Vereinten Nationen und der Welthunger-Index zeigen ein gespaltenes Bild.
- 2025 hungerten weltweit etwa 645 Millionen Menschen. Das ist das dritte Jahr in Folge etwas weniger. (FAO)
- Rund 2,7 Milliarden Menschen können sich keine gesunde Ernährung leisten. (FAO)
- In Afrika wächst der Hunger dagegen: von 171 Millionen Menschen (2010) auf 309 Millionen (2025). Erstmals leben dort mehr Hungernde als in Asien. (Action contre la Faim zum SOFI-Bericht 2026)
- Der Welthunger-Index 2026 kommt auf einen weltweiten Wert von 18,1 („mäßig“). Das ist schlechter als 2018 – der lange Abwärtstrend seit 2000 ist unterbrochen. (Welthunger-Index 2026)
- Acht Länder sind „sehr ernst“ eingestuft: Tschad, DR Kongo, Madagaskar, Somalia sowie – vorläufig, wegen fehlender Daten – Sudan, Südsudan, Burundi und Jemen. Somalia hat mit 47,0 den schlechtesten berechneten Wert. (Welthunger-Index 2026)
- Gleichzeitig fehlt Geld: Die Mittel für Nahrungshilfe, Landwirtschafts-Nothilfe und Ernährung in Hungerkrisen sind zwischen 2022 und 2025 um geschätzt 59 Prozent gesunken. (WFP/FAO)
Warum die neue 3-Dollar-Grenze mehr Arme zählt – und die Welt trotzdem nicht ärmer ist
Im Juni 2025 hat die Weltbank ihre Grenze für extreme Armut von 2,15 auf 3,00 US-Dollar pro Tag angehoben. Grundlage sind neue Preisvergleiche (Kaufkraft von 2021) und die Armutsgrenzen, die arme Länder selbst verwenden. Dadurch stieg die Zahl der extrem Armen auf einen Schlag um 125 Millionen. Our World in Data betont: Die Welt ist dadurch nicht ärmer geworden – nur die Messlatte liegt höher.
Die Zahlen werden ständig überarbeitet. Im September 2026 schätzte die Weltbank für das Jahr 2024 gut 824 Millionen extrem arme Menschen, also rund jeden zehnten. Für 2026 nennt sie etwa 811 Millionen. Wichtig ist der Trend: Extreme Armut steigt im Nahen Osten, in Nordafrika, Afghanistan und Pakistan und bleibt in Afrika südlich der Sahara hoch. Ältere Zahlen (1,25 oder 1,90 Dollar) lassen sich mit den neuen nicht direkt vergleichen.
Quellen: Our World in Data · Weltbank Data Blog
Arbeit statt Almosen? Was die Weltbank gegen Armut empfiehlt
Der Weltbank-Bericht „Poverty, Prosperity, and Planet 2026“ stellt Arbeit in den Mittelpunkt. Viele arme Menschen arbeiten bereits – aber in Tätigkeiten, die kaum etwas einbringen, etwa als Kleinbauern/bäuerinnen. Zwei Hebel sind besonders stark: Wenn in armen Haushalten 75 Prozent der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter arbeiten könnten – vor allem, indem mehr Frauen Arbeit finden –, sänke die extreme Armut um etwa ein Fünftel. Hätten arme Arbeitende so viel Bildung wie Menschen über der Armutsgrenze, würde sich die extreme Armut fast halbieren.
Der Bericht zeigt auch, wie groß die Aufgabe ist: Um die extreme Armut bis 2050 auf 3 Prozent zu senken, müssten die Einkommen pro Kopf jedes Jahr um rund 4 Prozent wachsen – doppelt so schnell wie in den letzten 25 Jahren. Einordnung: Die Weltbank setzt traditionell stark auf Wachstum und Privatwirtschaft. Kritiker/innen betonen dagegen Verteilung, faire Handelsregeln und lokale Selbstversorgung. Beides schließt sich nicht aus.
Quellen: Weltbank, Pressemitteilung 26.10.2026 · Weltbank, Pressemitteilung 26.10.2026
Mehrdimensionale Armut: 1,2 Milliarden – und 33 Erfolgsgeschichten
Der Index für mehrdimensionale Armut (MPI) von UNDP und der Universität Oxford fragt nicht nur nach dem Einkommen. Er prüft zehn Merkmale aus Gesundheit, Bildung und Lebensstandard – etwa Unterernährung, Kindersterblichkeit, Schulbesuch, sauberes Wasser oder Strom. 2026 gelten danach in 108 Ländern 1,2 Milliarden Menschen als arm (18,9 Prozent). Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder. Afrika südlich der Sahara hat die höchste Rate: 616 Millionen Menschen, 51,4 Prozent der Bevölkerung.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: 33 Länder haben ihren MPI-Wert in weniger als 15 Jahren halbiert, darunter sechs Länder in Afrika südlich der Sahara. Armut ist also kein Schicksal.
Superreichtum 2026: die andere Seite der Armut
Oxfam hat im Januar 2026 neue Zahlen vorgelegt: Das Vermögen der Milliardäre/innen wuchs 2025 um 2,5 Billionen auf den Rekordwert von 18,3 Billionen US-Dollar. Seit 2020 ist es inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent gestiegen. In Deutschland wuchs das Vermögen aller Milliardäre/innen 2025 um 30 Prozent auf 840,2 Milliarden US-Dollar.
Einordnung: Oxfam ist eine Hilfsorganisation, die politisch für höhere Vermögenssteuern wirbt. Die Daten stammen aber aus anerkannten Quellen (u. a. Forbes-Listen und Weltbank). Mehr zum Thema Ungleichheit findest Du auf der Seite „Ungleichheit weltweit überwinden“.
Quellen: Oxfam Deutschland · Oxfam Deutschland
Afrika ist nicht ein Land: Erfolge, die selten in den Nachrichten stehen
Äthiopien hat seinen Wert im Welthunger-Index seit 2000 mehr als halbiert (von 53,0 auf 24,1). Im Niger bekamen zwischen Januar und Oktober 2026 mehr als eine Million Menschen erstmals Strom; die Armutsquote soll 2026 auf 47,7 Prozent sinken. Im Senegal wuchs die Wirtschaft 2025 um 6,7 Prozent, und höhere Ernten haben die Armut auf dem Land gesenkt.
Gleichzeitig bleibt die Lage in Konfliktgebieten wie Sudan, Somalia, Ostkongo oder dem Nordosten Nigerias dramatisch. Beides gehört zum Bild: große Fortschritte in manchen Ländern, tiefe Krisen in anderen.
Quellen: Welthunger-Index 2026 · Weltbank · Weltbank