Der Hass auf die Moral

Der Hass auf die Moral

Was sollen wir tun?

Ist das überhaupt eine Frage, die uns bewegt? Es ist jedenfalls die Grundfrage der Ethik.

Wenn es um die Frage geht: „was sollen wir tun?“, und Positionen vertreten werden, die eine Einschränkung der individuellen Entfaltung und Möglichkeiten zu enthalten scheinen, dann kommt häufig Einwand, man dürfe nicht die „moralischen Keule“ schwingen. Was könnte damit könnte gemeint sein? Vielleicht, dass „die Moral“ hier zum Hindernis für ein persönliches Interesse erklärt wird? Und schon wird „die Moral“ zum Feind. Dann wird die Moral selbst diskreditiert, indem man deren Legitimität an sich in Frage stellt. Leider fehlt an dieser Stelle meist jegliche Begründung, warum die Legitimität der Moral in Frage gestellt wird. Es genügt, sich der kognitiven Dissonanz zu entledigen, indem man eben den Spruch von der moralischen Keule aufsagt.

Wer hingegen „moralisch“ auftritt, mag vielleicht „Recht haben“, aber er macht sich ganz oft richtig unsymphathisch. Moral ist uncool, ist Spielverderberei, ist was für Gutmenschen, die meinen, sie seien besser als andere. Sollen Sie´s doch sein, ich mach was ich will! Teilweise kommt geradezu ein Hass auf diese Moral in Gestalt der Moralisten zum Ausdruck. Da ist z.B. in schönstem Soziologendeutsch die Rede

„… von moralischer Nachbarschaftskontrolle bis hin zur geradezu autoritären Definitionsmacht darüber, wie ein sinnvolles und angemessenes Leben aussieht. Hier bricht sich die ganze Verachtung gegenüber anderen Lebensentwürfen und Lebensformen, anderen Milieus und nicht zuletzt den ökonomischen Zugzwängen einer Gesellschaft Bahn, …“

(Quelle, SZ vom 1.8.2019, Die denkfaule Gesellschaft. Fliegen und Heizen teurer machen? Das trifft vor allem die Schwächeren. Über die soziale Kälte der Klimadebatte. Gastbeitrag von Armin Nassehi)

Tatsächlich ist Moral ein schwieriger Begriff (link: Wikipedia), denn in der Geschichte der Menschheit und deren Religionen wurden viele Ge- und Verbote aufgestellt und mit Begriffen wie „Gottes Wille“ legitimiert, die wir heute als fehlgeleitet erkennen. Ein prominentes Beispiel ist etwa die Diskreditierung homosexueller Orientierungen. Diese Art von Moral brauchen wir nicht.

Aber wie man es auch dreht und wendet: Die Frage „was sollen wir tun?“ beinhaltet eine (scheinbare) Einschränkung, Denn ich will ja tun, was ich möchte, was mir in den Sinn kommt und gerade zur Befriedigung meine Bedürfnisse geeignet scheint. Allenfalls gesetzliche Verbote können mich daran hindern, denn gesetzliche Verbote umfassend doch die Ethik, oder? Wir wissen natürlich, dass dem nicht so ist.

Von der „Doppelmoral“

In diesem Zusammenhang möchten wir uns auch dem Vorwurf der Doppelmoral nähern, der jene trifft, die sich z.B. für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und andere Themen einsetzen, bei denen wir noch weit vom Ziel entfernt sind. Wer fliegt, darf nichts zum Klimawandel sagen. Wer Geld hat, nichts zum Thema soziale Gerechtigkeit, usw.. Bernd Ulrich hat den logischen Fehler dieser Vorhaltungen in einem Artikel (Eine Moral? Nein, zwei! Zeit Online, 4.7.2020) sehr klar dargestellt.

Warum überhaupt auf Moral verweisen, wenn es doch um sachliche Fragen geht? Ganz einfach: damit man an der Sachfrage vorbei kommt und das ganze auf eine Moralebene bringt. Und bei Moral, da schwingt ja schon sowas mit, das Moralinsaure, Unangenehme. Das kann man jetzt vorhalten.

Dabei verkennt man den Sinn der Moral: Sich mehr vorzunehmen, als man es ohne diese Moral täte. Das beinhaltet auch, dass die meisten Menschen den eigenen Moralischen Maßstäben nicht in vollem Umfang genügen. Die Moral ist wie ein Leuchtturm, ein Ziel, das aber i.d.R. noch nicht erreicht ist (was nicht bedeutet, dass man sich deshalb zurücklehen könnte).

Nimmt man nun den Grad der Übereinstimmung von eigenem Handeln und moralischer Überzeugung zum Gradmesser von Moralität, wird plötzlich derjenige zum Moralischsten, der sich überhaupt nichts vornimmt und sagt „so bin ich halt, ich hab meine Schwächen und dazu stehe ich“.

Aber unbedingt den Artikel selbst lesen – ist köstlich geschrieben.

Warum Menschen, die Gutes tun, oft abgewertet werden

Die Abneigung gegen „Gutmenschen“ ist in der Psychologie gut untersucht. Sie hat einen Namen: „Do-gooder derogation“, die Abwertung von Menschen, die aus moralischen Gründen anders handeln.

  • Die Psychologen/innen Julia Minson und Benoît Monin haben 2012 gezeigt: Fleischesser werten Vegetarier ab – vor allem dann, wenn sie erwarten, von ihnen moralisch verurteilt zu werden. Die Abwertung schützt das eigene Selbstbild. (Wikipedia)
  • Das bremst Wandel: Wer moralisch begründet etwas Neues ausprobiert, kann Ärger auslösen und andere vom Nachahmen abhalten. Dieser Effekt tritt aber nur auf, wenn sich die Beobachter/innen in ihrem moralischen Selbstbild bedroht fühlen. (Bolderdijk u. a.)
  • Auch das umgekehrte Muster gibt es: Wer gerade etwas Gutes getan hat, erlaubt sich danach eher etwas weniger Gutes („moral licensing“). Der Effekt ist eher klein, und neuere Analysen halten ihn wegen Veröffentlichungsverzerrung sogar für überschätzt. (Blanken, van de Ven, Zeelenberg)

Ehrliche Schwäche ist keine Heuchelei

Ein Forschungsteam aus Yale hat untersucht, warum wir Heuchler/innen so wenig mögen. Das Ergebnis stützt die Argumentation hier.

  • Wir ärgern uns über Heuchelei, weil wir uns getäuscht fühlen: Wer andere verurteilt, erweckt den Eindruck, selbst besser zu handeln. (Association for Psychological Science)
  • Wer dagegen offen sagt, dass er selbst nicht immer nach seinen Maßstäben lebt, wird nicht schlechter beurteilt als jemand, der dasselbe tut und schweigt. Sich etwas vorzunehmen und dabei ehrlich zu bleiben, ist also kein Widerspruch. (Association for Psychological Science)