Scham – jetzt wird es auch noch peinlich

Scham – jetzt wird es auch noch peinlich

Nun ist es so, dass die Autoren dieser Webseite selbst keineswegs Heilige sind. Man wird uns zahllose Situationen aufzeigen können, in denen wir selbst anders handeln, als dies den klaren Fakten und Grundwerten entsprechen würde. Warum wagen wir es also trotzdem, uns in dieser Weise an die Öffentlichkeit zu wenden? Wir tun dies, weil wir glauben, dass wir einander unterstützen müssen, dass wir einander helfen müssen, wenn es darum geht, so zu handeln, dass Menschen in Zukunft nicht nur überleben, sondern auch gut leben können. Scham ist ein wichtiges Verhaltenskorrektiv, das uns an negativem sozialen und ökologischen Verhalten hindert. Die Psychologie zeigt allerdings: Wer sich als ganze Person schämt, zieht sich oft zurück oder wehrt ab. Schuldgefühle über eine konkrete Tat bringen uns eher dazu, etwas wiedergutzumachen und anders zu handeln. (Quelle) Der Vorteil der Scham ist, dass sie unmittelbarer und emotionaler wirkt, als nur die rationale Einsicht.

Ein Beispiel: Es ist leichter, auf einen zweiwöchigen Strandurlaub in Thailand zu verzichten, wenn in der Gesellschaft keine Zustimmung mehr für interkontinentale Spaß-Flüge existiert. Es ist vielleicht noch leichter, auf diesen Flug zu verzichten, wenn einem völlig klar ist, dass man durch CO2-Einsparung einen positiven Beitrag für das Leben der Kinder und Enkelkinder leistet.
Tatsächlich gibt es derzeit eine Wiederentdeckung der Scham. Lesenswert: Jennifer Jacquets „Is shame necessary“. „…shaming can function as a nonviolent form of resistance that, in turn, challenges institutions, organizations, and even governments to actuate large-scale change. Jacquet argues that when applied in the right way, the right quantity, and at the right time, shame has the capacity to keep us from failing other species in life’s fabric and, ultimately, ourselves.“

Brückentag auf Mallorca?

Wenn wir aber bei der Scham als moralisches Verhaltenskorrektiv stehenbleiben, dann verfehlen wir das eigentliche Ziel von Ethik. Dann ist Moral nur etwas, wogegen man sich instinktiv wehrt. Gute Ethik ist aber viel mehr: Sie ist Einsicht und – im Besten Fall – sogar eine positive Inspiration für das eigene Leben.

Scham oder Schuld – was hilft beim Umsteuern?

Die Psychologie unterscheidet genau: Scham richtet sich gegen die ganze Person („Ich bin schlecht“), Schuld gegen eine Tat („Das war falsch“). Das macht einen großen Unterschied.

  • Schuldgefühle führen eher dazu, sich zu entschuldigen und etwas wiedergutzumachen. Scham führt eher zu Abwehr, Rückzug oder Ärger. (Tangney, Stuewig, Mashek)
  • Über viele Studien hinweg zeigt sich: Schuld, nicht Scham, bewegt Menschen am wirksamsten zu moralischem Handeln. (Tangney, Stuewig, Mashek)
  • Jennifer Jacquet richtet die Scham deshalb vor allem auf Mächtige: Öffentliches Beschämen soll Konzerne und Regierungen zum Handeln bringen, wo das persönliche Gewissen machtlos ist. (Penguin)