Briefe aus der Zukunft
Erster Brief, Berlin, 1. Januar 2080
Liebe Mama, lieber Papa, so viele Jahre nach Eurem Tod kann ich es immer noch nicht begreifen, warum ihr damals, als es noch möglich war, nicht alles erdenkliche unternommen habt, um zu verhindern, was wir jetzt erleiden müssen. (mehr lesen…)
Ich habe noch einmal nachgesehen in alten Archiven: was wir jetzt erleben, konnte man zu Eurer Zeit sehr gut vorhersehen.
Anfang des 21 Jahrhunderts wusstet ihr bereits, dass das Klima kippen würde wenn sich die Erde weiter aufheizt. Und so ist es geschehen. Die Permafrostböden sind aufgetaut und jetzt ist die Erde 3° wärmer als zu Eurer Zeit um das Jahr 2020 herum. Der Amazonas Regenwald verwandelt sich immer mehr in eine Steppe. Man hat so viele Bäume abgeholzt, dass der Wald, bereits gebeutelt durch die Erderhitzung, seinen eigenen Regen nicht mehr produzieren konnte. Der Regenwald stirbt. Auf das Insektensterben ist weitergegangen und unzählige Tierarten sind jetzt ausgestorben.
Es gab riesige Hungersnöte und etwa 1 Milliarde Menschen sind gestorben, weil sie sich nicht mehr nähern können. Viele Küstenstädte wurden mehrfach überflutet, Abertausende von Menschen sind ertrunken. Nur in Afrika hat sich eine interessante Entwicklung ergeben. Irgendwann haben die Menschen dort erkannt, dass der sogenannte Weltmarkt ihr Gegner ist und haben angefangen, regionale Produktionsweisen zu intensivieren und die Sonne konsequentes Energiequelle zu nutzen. Es gab allerdings auch 20 Jahre blutige Bürgerkriege, weil die zu Eurer Zeit herrschenden Despoten die Macht nicht an das Volk abgeben wollten.
Die Reichen wurden noch reicher und haben sich in den klimatisch gemäßigten Zonen abgeschottet. Dafür brauchen die nicht einmal Soldaten. Die haben Drohnen mit künstlicher Intelligenz, die jeden Eindringling sofort eliminieren. Wir überleben hier am Rande von Berlin, in dem wir von Hand Dinge recyceln, die zum Teil vor Jahrzehnten weggeworfen worden. Es gibt eine Art Untergrundhandel mit diesen recycelten Dingen, denn die neuwertigen Produkte können wir uns nicht leisten. Für die Reichen sind wir weder als Produzenten, noch als Konsumenten interessant. Wir werden schlichtweg nicht gebraucht. Gesundheitsversorgung, Schulbildung, Infrastruktur – alles was für Euch damals selbst verständlich war, ist nun den Reichen in ihren Gebieten vorbehalten.
Was produziert wird, wird mit nach wie vor sehr hohem Energieaufwand maschinell hergestellt, von einer Robotergeneration, die ihr Euch damals offenbar noch nicht vorstellen konntet. Die KI-Roboter sind in der Welt der Reichen so selbstverständlich, wie damals bei Euch die Smartphones.
Als sich abzeichnete, dass die Gesellschaft vor allem eine Gesellschaft der Abgehängten werden würde, haben viele Menschen die wirren, rechtsnationalen Parteien gewählt. Das hat die Demokratie, die es ja angeblich einmal in Deutschland gab, faktisch beendet. In vielen Ländern Europas ist das schon vor Jahrzehnten passiert. Den Besitzenden hat das in die Hände gespielt, denn die wollten natürlich nie eine Demokratie, die die absurde Ungleichverteilung von Gütern und Macht infrage ich hätte stellen können. Das Kalkül der herrschenden Klassen, dass es sich selbst nicht treffen würde, ist aufgegangen. Dafür gibt es eine weltweite Verelendung in einer nie gekannten Dimension.
Jeder von uns ist heute verpflichtet, ein mobiles Datengerät mitzuführen, das in etwa mit Euren damaligen Smartphones vergleichbar ist. Damit wird alles aufgezeichnet, vor allem jede unserer Bewegungen und unsere Kommunikationen (die Dinge hören mit und schauen zu). Wir sind verpflichtet, diese Dinger bei allen Aktivitäten zu benutzen (Bargeld gibt es nicht mehr), unbewachte Kommunikation ist nur noch sehr schwer möglich.
Was mich heute schmerzt, ist das Wissen darum, dass ihr zu einer Zeit, in der all das absehbar und veränderbar war, einfach nichts unternommen habt. Ihr habt Euch nur darum gekümmert, jedes Jahr einen schönen Urlaub und ein großes Auto zu haben. Ihr habt Euch einlullen lassen von stumpfem Medienkonsum und von Politikern, die Euch mit ihrer lächerlichen Klimakosmetik weismachen wollten, das sei genug der Anstrengung. Ich wäre gern stolz auf Euch. Ich würde meinen Kindern gerne sagen können: auch wenn es uns heute nicht gut geht und die Welt eine dramatische Entwicklung genommen hat, Eure Oma und Euer Opa haben mit aller Kraft dafür gekämpft, dass die Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Sie haben für eine faire Welt gekämpft und haben dafür Anstrengungen und Entbehrungen auf sich genommen. Das würde ich meinen Kindern gerne sagen. Aber das kann ich nicht. Es schmerzt mich zu wissen, dass sie es gewusst habt. Die Fakten waren klar und es gab so viele Möglichkeiten, das Rad noch einmal zu drehen und eine neue Richtung einzuschlagen. Wir und Milliarden anderer Menschen leiden heute unter Eurer Bequemlichkeit und der Eurer Zeitgenossen. Ich hoffe, dass ich eines Tages meinen Frieden mit Euch machen kann, aber im Moment fällt es mir schwer. Ruht in Frieden, ihr beiden.
Was die größte Verhaltensstudie zum Klima zeigt
Briefe aus der Zukunft sind mehr als ein literarisches Mittel. Ein Forschungsteam um Madalina Vlasceanu hat 2022/23 elf psychologische Methoden an 59.440 Menschen in 63 Ländern getestet. Ein Brief an die Zukunft schnitt dabei am besten ab – mit einer wichtigen Einschränkung.
- Die Teilnehmer/innen schrieben einem Menschen der nächsten Generation, was sie heute fürs Klima tun. Das steigerte die Unterstützung für Klimapolitik um 2,6 Prozent – der größte Effekt aller Methoden. Er zeigte sich auch bei Menschen, die dem Klimawandel skeptisch gegenüberstehen. (Vlasceanu u. a.)
- Angst machende Botschaften brachten Menschen dazu, Klimainhalte im Netz 12,1 Prozent häufiger zu teilen. Bei Skeptiker/innen verstärkten sie aber die Ablehnung. (Vlasceanu u. a.)
- Keine Methode brachte Menschen dazu, sich mehr Mühe für eine konkrete Klimahandlung zu geben (im Versuch: eine aufwändige Aufgabe, für die Bäume gepflanzt wurden). Mehrere Methoden – auch der Brief und die Angst-Botschaft – verringerten diesen Einsatz sogar. (Vlasceanu u. a.)
- Was wirkt, hängt vom Land ab: Der Hinweis auf den Konsens der Wissenschaft steigerte die Zustimmung zur Klimapolitik in Rumänien um 9 Prozent, in Kanada senkte er sie um 5 Prozent. (Vlasceanu u. a.)