Die Klima-Diskussion im Spiegel der Transaktionsanalyse
Vielleicht kennst Du die Transaktionsanalyse von Eric Berne. Berne hat versucht, ein einfaches Kommunikationsmodell zur kreieren und sich dabei an die Instanzenlehre von Freud angelehnt. Es gibt ein Eltern-Ich (und zwar ein nährendes und ein kritisches), es gibt das Erwachsenen-Ich, das quasi die Vernunft repräsentiert und es gibt ein Kind-Ich, das entweder rebellisch, angepasst oder ganz natürlich sein kann. Mit Hilfe dieses einfachen Modells kann man Interaktionen sehr gut untersuchen. Als Denkhilfe ist das Modell sehr anschaulich. Wissenschaftlich gut geprüft ist es allerdings nicht: Die Ich-Zustände spielen in der Forschung kaum eine Rolle, und die Studien zur Wirksamkeit stammen meist aus der Transaktionsanalyse selbst. (Quelle)
Was hat das Ganze nun mit unserem Thema zu tun? Es ist sehr schwer möglich, über die Notwendigkeit einer grundlegenden Verhaltensänderung zu sprechen, ohne in die Sprache des Eltern-Ich zu fallen – und zwar des kritischen Eltern-Ich.
Wie wir gesehen haben, passiert dann beim Gegenüber ganz häufig eine von folgenden Reaktionen: er ist ganz schlau und sein Eltern-Ich springt an und er weist uns sofort darauf hin, wo wir selber inkonsequent sind: „Na, und das was ist mit deinen Schuhen, die sind doch auch aus Leder, hahaha.“
Oder er reagiert aus dem Kind -Ich heraus und fängt an, wie herumzuargumentieren, aber nicht aus einer vernünftige Überlegung heraus, sondern aus dem rebellischen Kind-Ich. „Es gab schon immer Klimaschwankungen. (Ich lass mir doch von Dir nichts sagen)“ Mit Rationalität hat das wenig zu tun. Aber es kommt rational daher. Es schaut so aus, als ob es rationale Begründungen wären, dabei ist es nichts anderes als schlichtes Protestieren. Genauso wie das Kind, das keine Zähne putzen möchte: „Aber ich habe doch erst gestern geputzt.“ („Wir machen doch schon so viel in Deutschland“). „Die Milena hat auch nicht geputzt“ („Jetzt sind mal die anderen dran – schau Dir doch die Chinesen an“).
Und dieses ganze Dilemma kann man nicht nur in individuellen Kommunikationen beobachten, sondern es zeigt sich über die ganze Gesellschaft hinweg, findet Ausdruck in Parteien, die AfD ist hier sicherlich der größte Garten rebellische Kinder die man sich vorstellen kann (und in anderen Parteien ist es auch nicht besser).
Ich bin ok – Du bist ok – oder?
Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, haben Berne and Harris den berühmten Spruch als Motto ausgegeben: ich bin okay, du bist okay. Nun kann man ja leicht zustimmen, dass jeder im Kern okay ist. Aber wenn wir das Verhalten von anderen kritisieren, ist es sehr schwer, die nötige Wertschätzung zu kommunizieren und zu zeigen: für mich bist du als Mensch okay, auch wenn ich dein Verhalten es aus wichtigen Gründen kritisiere. Und hier wird es für mich dennoch schwierig: aus meiner Sicht als Psychologe glaube ich zwar ganz fest, dass alle Menschen die gleiche Würde und den gleichen „Wert“ haben, aber ich sehe zugleich vieles von dem, was mir als Verhalten begegnet, als gestört an. Die permanente Handysucht, der Ersatz des richtigen Lebens durch Medienkonsum, das nicht-Erkennen eigener Bedürfnisse und deren unbewusste Betäubung durch Ersatz-Konsum. Das völlige Ignorieren des Leides anderer, seien es Menschen oder Tiere – das halte ich im Grunde für eine schwere Störung. Denn wodurch ist Krankheit definiert? Entweder der Kranke leidet oder andere leiden unter dem Kranken systematisch. Und dass andere unter unserem Verhalten leiden, die Natur, die Tiere, Menschen (die ein bisschen weiter entfernt leben), ist ja wohl kaum bestreitbar. Auch dass wir selber keinen Zugang mehr zu unserem Leben finden, führt nach meiner Auffassung ebenfalls zum Leiden, zumindest zu einem drastischen Verlust an Glück.
Wie finden wir einen Ausweg aus diesem Dilemma? Der beste Weg scheint mir nach wie vor der Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation bzw der Wertschätzenden Kommunikation nach Marshall Rosenberg zu sein. Dieser Ansatz ermöglicht mir, ganz klar zu sagen, was meine Bedürfnisse sind, wie ich mich fühle wenn sie befriedigt oder nicht befriedigt sind, und was ich vom anderen erbitte. Und ich kann dies ohne den Hauch eines Vorwurfs tun, kann dem anderen in die Augen schauen und muss ihn nicht manipulieren und mich nicht über ihn stellen. Aber ich werde ihm ganz klar sagen, was ich brauche und ich werde unter Umständen auch den Emotionen Ausdruck verleihen, die ich erlebe, wenn ganz wichtige Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Dann kann sich jeder überlegen, ob er für mein Anliegen zu tun bereit ist.
Wie gut ist die Transaktionsanalyse belegt?
Die Transaktionsanalyse ist als Denk- und Gesprächsmodell sehr anschaulich. In der akademischen Psychologie spielt das Modell der Ich-Zustände aber kaum eine Rolle; dort wird mit anderen Begriffen geforscht (etwa Selbstbild, soziale Identität, Emotionsregulation). Lange gab es auch keine zusammenfassende Prüfung ihrer Wirksamkeit.
2022 legten Joel Vos und Biljana van Rijn eine erste Meta-Analyse vor: 41 Studien zu Behandlungen mit Transaktionsanalyse zeigten mittlere bis große Verbesserungen, etwa bei psychischen Beschwerden (g = 0,66) und im sozialen Miteinander (g = 0,62). Allerdings stammen viele dieser Studien aus der Szene selbst, viele haben keine Kontrollgruppe, und die Autor/innen arbeiten an einer Ausbildungsstätte für Transaktionsanalyse. Als Bild für typische Gesprächsfallen taugt das Modell gut. Als wissenschaftlich gesicherte Theorie gilt es nicht.
Quellen: Vos & van Rijn