Unsere Realität ist nicht die Wirklichkeit

Unsere Realität ist nicht die Wirklichkeit

Unser neuronales System ermöglicht uns, ein Modell der Realität zu erzeugen, dass es uns erlaubt, dass wir uns in dieser bewegen. Die Wirklichkeit selbst – wie sie AN SICH ist – können wir nicht erkennen. Wir können nur ein Bild erzeugen über die Wirklichkeit. Das trifft auch für die Vorstellung über uns selbst zu, für unser Ich-Gefühl. Unser Realitätsmodell steht zur „wirklichen Wirklichkeit“ in einem ähnlichen Verhältnis wie eine Landkarte zur Landschaft. Wir können uns mit dieser Landkarte und den nötigen Sensoren (Sinneswahrnehmungen) in dieser Wirklichkeit bewegen, ohne sie je unmittelbar wahrzunehmen. Und gerade weil unser Verhältnis zur Wirklichkeit so fragil ist, kleben wir an unseren Vorstellungen – damit alles schön stabil bleibt.

Das Gehirn als Vorhersagemaschine

Die heutige Hirnforschung stützt den Gedanken, dass wir die Welt nicht einfach abbilden. Nach der Theorie des „Predictive Processing“ sagt das Gehirn ständig voraus, was als Nächstes kommt, und gleicht diese Vorhersagen mit den Sinnesdaten ab. Der britische Neurowissenschaftler Anil Seth nennt unsere Wahrnehmung deshalb eine „kontrollierte Halluzination“ – von innen nach außen ebenso gebaut wie von außen nach innen. Auch unser Ich-Gefühl entsteht so, vor allem aus Signalen des eigenen Körpers.

Wichtig ist das Wort „kontrolliert“: Unser Modell wird laufend durch Fehler korrigiert. Es ist also nicht beliebig, sondern lernfähig. Dass wir an Vorstellungen festhalten, liegt nach dieser Sicht weniger an der Zerbrechlichkeit unserer Wirklichkeit als daran, dass starke Vorannahmen nur durch viele und deutliche Gegenbelege verändert werden. Paul Watzlawick und der Konstruktivismus haben ähnliches früh beschrieben; die Neurowissenschaft liefert heute die Mechanismen dazu.

Quellen: Anil Seth