Warum halten wir an Meinungen fest? Warum polarisieren wir?

Warum halten wir an Meinungen fest? Warum polarisieren wir?

Bernadette Gruber schreibt in der Zeit (3.6.19): Je stärker ein Thema polarisiert, desto faktenresistenter werden wir. Wie ist das zu erklären?

Hypothese 1: Dueling facts
Voraussetzungen: a) Es gibt eine Bedrohung (Krankheit, Klimawandel) b) Ich habe keinen direkten Einfluss auf die Bedrohung. c) Andere vertreten eine Strategie, die ich nicht teile.
DANN kann ich d) folgende Vorstellung entwickeln: Wenn ich nur andere die Meinung vernichten könnte (die meiner Meinung entgegensteht), könnte ich damit auch dasjenige kontrollieren was mich bedroht. Daraus lässt sich die Vehemenz erklären, mit der bestimmte Auffassungen vertreten werden: Wenn nur die Klima-resistenten Politiker nicht währen – dann könnten wir die Bedrohung durch den Klimawandel in den Griff bekommen (was in der Verkürzung eben nicht stimmt).
Am Beispiel der Masern: „Da uns die Kontrolle über die Gesundheit genommen werden soll, gibt es sie also, die Kontrolle, wir könnten sie haben. Dieser Gedanke ist erleichternd und daher wird der Kampf gegen Impfgegnerschaft getragen vom Genuss dessen, dass es Impfgegner gibt – oder eben die Pharmaindustrie. Es gibt deshalb keinen wirklichen Drang, nach neuen Wegen der Verständigung zu suchen. Zu stark ist der böse Andere mit der Illusion der eigenen Unversehrbarkeit verknüpft – der phantasierten Kontrollierbarkeit negativer Einflüsse auf unseren Körper.„

Hypothese 2: Meinungs-Gruppen und soziale Identität Unsere Meinungen sind eng verknüpft mit unserer Vorstellung von uns selbst. Aus unseren Meinungen ziehen wir Identität. Je deutlicher es wird, dass es andere Menschen gibt, die anderer Meinung sind, desto mehr können wir soziale Distinktheit (Unterscheidung) gewinnen. Wir gehören jetzt zur Gruppe derer, die DIESE Meinung vertreten. Damit greift der Mechanismus der soziale Identitätsbildung. Wir entwickeln soziale Identität über Gruppenzugehörigkeit. Der Gruppe, zu der wir uns zählen, schreiben wir eine höhere Wertigkeit zu und werten andere Gruppen tendenziell ab. Durch Gruppenzugehörigkeit grenzen wir uns ab, versuchen, sozial besser dazustehen. Wenn wir unsere Meinung ändern, verlieren wir die Zugehörigkeit zu einer (gedachten) Gruppe, die wir vorher mit viel (innerem) Aufwand (im Kopf) zur „besseren“ Gruppe erklärt haben.

Hypothese 3: Vermeidung kognitiver Dissonanz (Festinger) Wir wollen nicht eingestehen, wenn wir uns anders verhalten, als dies zu unseren (eigentlichen) Überzeugungen passt. Oft passen wir lieber unsere Überzeugung dem Verhalten an, als umgekehrt. (Ich will nicht auf Fleisch verzichten, also erkläre ich, dass Fleisch beim Aldi kaufen ok ist)

Hypothese 4:
Unsere Verhalten samt unseren Überzeugungen oder Meinungen sind identisch mit unserem Lebensstil. Unser Lebensstil ist weitgehend identisch mit dem, was wir für unser Ich halten: Wer bin ich noch, was bleibt von mir übrig, wenn ich von meinen Meinungen absehe, wenn ich meinen bestimmten Lebensstil ändere, wenn ich damit die Zugehörigkeit zu (gedachten) Gruppen verliere?

Hypothese 5: Wenn man das weiter spinnt, dann sieht man, dass sich viele Menschen gar nicht vorstellen können, eine andere Perspektive auf die Wirklichkeit einzunehmen. Der Lebensstil wird konsistent gemacht mit den Meinungen und letzten Endes zu einer Art Wirklichkeitsmodell, an dass alle Fakten und Wahrnehmungen angepasst werden. Unsere gesamte Wahrnehmung und Informationsverabeitung ist so organisiert, dass sie unsere Auffassung von der Welt nicht etwa infrage stellt, sondern vielmehr stützt.