Landwirtschaft, Ressourceneinsatz und fossile Energieträger

Landwirtschaft, Ressourceneinsatz und fossile Energieträger

Quelle: Scientists for Future; CREDITS: © C. Rüth, CC BY-SA 4.0, nach Springman et al., Nature 2018

SOURCE: Springman et al., Options for keeping the food system within environmental limits, Nature 562, 519–525 (2018), https://www.nature.com/articles/s41586-018-0594-0#Fig5 DESCRIPTION: Caption. Present (2010) and projected (2050) environmental pressures on five environmental domains divided by food group. Bevölkerungszuwachs und sich verbessernde Einkommen für viele Menschen haben zur Folge, dass mehr Nahrung produziert werden muss. Wenn wir das mit den heutigen Technologien tun, wird unser Nahrungssystem im Jahr 2050 die Umwelt zwischen 50 und 90 Prozent stärker belasten als 2010. Für die 5 hier gezeigten Parameter werden dann die planetaren Grenzen überschritten sein. NOTE: Abstract: The food system is a major driver of climate change, changes in land use, depletion of freshwater resources, and pollution of aquatic and terrestrial ecosystems through excessive nitrogen and phosphorus inputs. Here we show that between 2010 and 2050, as a result of expected changes in population and income levels, the environmental effects of the food system could increase by 50–90% in the absence of technological changes and dedicated mitigation measures, reaching levels that are beyond the planetary boundaries that define a safe operating space for humanity. We analyse several options for reducing the environmental effects of the food system, including dietary changes towards healthier, more plant-based diets, improvements in technologies and management, and reductions in food loss and waste. We find that no single measure is enough to keep these effects within all planetary boundaries simultaneously, and that a synergistic combination of measures will be needed to sufficiently mitigate the projected increase in environmental pressures.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hält in einem Bericht zur Umweltkrise der Ernährung fest, dass im Wesentlichen ein erhöhter Wasser- und Düngemitteleinsatz die Steigerung der Ernten ermöglichte.
Die Landwirtschaft verbraucht heute etwa 70% des global verfügbaren Süßwassers, dreimal so viel wie vor 50 Jahren. Diese Produktionsweise stellt uns vor neue Probleme: Seit den 1970er-Jahren nimmt das Produktivitätswachstum deutlich ab. Das liegt unter anderem am Rückgang der natürlichen Fruchtbarkeit der Böden (Humusgehalt). Die bisherigen Methoden der industriellen Landwirtschaft (zum Beispiel Hochertragssaatgut, Agrochemie, Monokulturen oder Bewässerung) greifen zu kurz. Auch die Wachstumspotenziale durch Düngemittel sind weitgehend erschöpft. Laut UNEP ist daher weltweit mit der Expansion der Ackerflächen
zu rechnen. Jedoch ist Land bereits jetzt Gegenstand vieler Konflikte.

Die industrielle Landwirtschaft ist weltweit auf dem Vormarsch. Sie verdrängt im Namen des Fortschritts andere Formen agrarischer Produktion – und zerstört damit die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen. Dieser Prozess ist eng mit Strategien von Unternehmen sowie mit Wirtschafts-, Agrar-, Handels- und Geopolitiken verbunden. Sie richten sich an jene Konsument*innen, die über ›kaufkräftige Nachfrage‹ verfügen. Damit
sind Vorstellungen von einem ›modernen‹ und ›guten‹ Leben verknüpft: Fleisch muss billig und exotische Früchte jederzeit verfügbar sein.

Die Grafik ist hier nicht mehr abgebildet (Bildrechte), sie steht bei der Quelle. Quelle: https://aufkostenanderer.org/portfolio/ernaehrung-und-landwirtschaft/

Laut Weltklimarat (IPCC) trägt die Landwirtschaft aktuell maßgeblich zum Klimawandel bei: Schließt man weitere Klimaauswirkungen des Ernährungssystems (Verarbeitung, Verpackung, Transport, Lagerung und Abfälle) mit ein, so hängen 44-57 % aller Treibhausgasemissionen von der Art und Weise ab, wie wir uns ernähren.

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Die Verursacher lagern die Kosten ihres Ressourcenhungers oftmals aus – so auch die Umweltschä den. Menschen und Umwelt ›anderswo‹ müssen die negativen Folgen tragen. Durch die Externalisierung von Kosten fließen diese nicht in wirtschaftliche Bewertungen ein; Nahrungsmittel werden billig gemacht. Auch die Effizienz der industriellen Landwirtschaft rückt so in ein besseres Licht. Bodenerosion, Versalzung, übermäßiger Wasserverbrauch oder der Verlust der Artenvielfalt bleiben unberücksichtigt. Gleiches gilt für die steigende Toxizität und Umweltverschmutzung in der Landwirtschaft (etwa durch Kunstdünger, Agrochemikalien und Abfälle). Laut einer Studie von KPMG verursacht die Agrar- und Nahrungsmittelindustrie Umweltkosten in Höhe von 225 % des Profits – damit ist sie einsamer Spitzenreiter.

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Was Lebensmittel wirklich kosten – wenn man den Ressourceneinsatz und den ökologischen Impact in den Preis einrechnet

Lies dazu das Interview mit Tobias Gaugler in Zeit Online: „Tierische Produkte müssten dreimal so teuer sein“. Gaugler ist Wirtschaftswissenschaftler am Institut für Materials Resource Management der Universität Augsburg.

Die wahren Kosten unserer Lebensmittel

Die Landwirtschaft, die in Deutschland den bei weitem höchsten Flächenbedarf
aufweist, ist für eine Vielzahl von Umweltbelastungen verantwortlich, die sich auf alle drei Säulen der Nachhaltigkeit beziehen (Ökonomie, Gesellschaft, Umwelt). Die resultierenden, versteckten Kosten dieser zumeist unzureichend quantifizierten Folgen sind aktuell nicht in die Marktpreise für Lebensmittel einbezogen. Vor diesem Hintergrund identifiziert die Studie drei dieser Umweltfolgen (Stickstoff, Klimagase, Energieerzeugung) quantitativ und aggregiert sie bezogen auf unterschiedliche Kategorien von Nahrungsmitteln. Hierauf aufbauend werden kategoriespezifische externe Effekte berechnet. Eine Internalisierung von kategoriespezifischen Folgekosten, die dem Verursacherprinzip (polluter-pays principle, UN 1992) entspricht, ebnet den Weg in Richtung einer nachhaltigeren Preissetzung für landwirtschaftliche Produkte. Unter Verwendung von Lebenszyklus-Analysen (life cycle analysis) und Metaanalysen zeigen wir, dass die höchsten externen Effekte bzw. Folgekosten mit der Produktion konventionell hergestellter Produkte tierischen Ursprungs einhergehen (196% Aufschlag auf die Erzeugerpreise), die zweithöchsten Aufschläge sich für konventionell hergestellte Milchprodukte (96%) und die niedrigsten für Bio-Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs (6%) ergeben.
In allen untersuchten Kategorien verursachen biologisch hergestellte Lebensmittel geringere
Folgekosten als ihre konventionellen Counterparts. Unser Ansatz leistet einen Beitrag, das Delta
zwischen aktuellen Marktpreisen und den tatsächlichen Preisen aufzuzeigen. Hierbei zeigt sich, dass der wahre Wert auszudifferenzieren ist für unterschiedliche Lebensmittelgruppen und
Produktionssysteme.

„Wahre Kosten“ im Supermarkt: das Experiment von 2023

Was die Wissenschaft „wahre Kosten“ nennt, hat ein Discounter 2023 einmal an der Kasse ausprobiert. Vom 1. bis 5. August 2023 verlangte Penny in allen 2.150 Filialen für neun ausgewählte Produkte höhere Preise. Eingerechnet wurden die Folgekosten für Boden, Klima, Wasser und Gesundheit. Berechnet haben das Fachleute der Universität Greifswald und der Technischen Hochschule Nürnberg.

Das Ergebnis passt zur Augsburger Studie: Bio-Produkte haben geringere Folgekosten als konventionelle, und das vegane Ersatzprodukt hatte mit Abstand den geringsten Aufpreis. Kritik gab es auch: Die Aktion galt nur für neun von mehr als 3.000 Produkten, und der Bauernverband sprach von Greenwashing.

Die Welternährungsorganisation FAO hat die Rechnung im großen Maßstab gemacht. In ihrem Bericht von 2023 hat sie die versteckten Kosten für 154 Länder geschätzt, auf mindestens 10 Billionen US-Dollar im Jahr. In armen Ländern entsprechen sie mehr als einem Viertel der Wirtschaftsleistung. Die FAO rät den Regierungen, diese „wahren Kosten“ systematisch zu erfassen (True Cost Accounting) und dann gegenzusteuern. (Stand 2023; der Bericht von 2024 nennt sogar 12 Billionen.)

Quellen: idw: Pressemitteilung der Universität Greifswald zur Penny-Aktion … · Wikipedia: Penny Markt (Abschnitt zur Aktion „Wahre Kosten“) · FAO Newsroom: Hidden costs of global agrifood systems worth at least …

Deutschland liegt beim Ökolandbau zurück

SZ, 12.7.2019: Sterbende Höfe, belastete Äcker. Einem Expertenbericht „steige der Einsatz von Ressourcen und Pflanzenschutzmitteln …, die Artenvielfalt nehme ab, die Abhängigkeit von Futterimporten wachse … Intensive Formen der Nutztierhaltung ohne Auslauf nähmen zu statt ab, und immer häufiger würden Nutztiere eingesetzt, die einseitig auf hohe Leistung getrimmt seien. … Die Landwirtschaft sei von sehr starken Arbeitsplatzverlusten gekennzeichnet. … Das Höfesterben der vergangenen Jahre sei ein Zeichen dafür, „dass die Branche insgesamt durch einen Mangel an ökonomischer Nachhaltigkeit gekennzeichnet ist“. Allein von 2010 bis 2017 ist die Zahl der Betriebe mit Rinderhaltung der Studie zufolge um 18 Prozent gesunken, die der Betriebe mit Milchkühen ging um 28 Prozent zurück. Deutschland läge … beim Ausbau des Ökolandbaus weit hinter anderen europäischen Ländern. Die Erträge seien zwar im Öko-Landbau durchschnittlich um 20 bis 25 Prozent niedriger, die Preise für Kunden etwas höher. Bei einer Reihe von Indikatoren schneide der ökologische Landbau aber deutlich besser ab. Vorteile bei Bodenfruchtbarkeit, Bodenbiologie, dem Schutz des Grundwassers und der Artenvielfalt seien nachgewiesen. Zudem sei der Gewinn ökologisch bewirtschafteter Betriebe in Deutschland in den meisten Jahren höher. Die Ernährungswerte seien besser. (Der Bericht liegt uns leider nicht im Original vor.)