Ideen für einen Paradigmenwandel im Verkehr

Ideen für einen Paradigmenwandel im Verkehr

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EIN NEUES VERKEHRS-PARADIGMA

YouTube · Gottfried Müller · 2019 · 4 Min.

Ein radikal neues Verkehrskonzept

Verkehr in den Städten

Das Primat der Auto-Mobilität führt zu erheblichem Stress für Menschen und Umwelt. Dabei spielen folgende Faktoren eine Rolle:

Die Klimabelastung ist nicht nur auf den Benzinverbrauch der Autos zurückzuführen, sondern auch aus der extrem aufwändigen Herstellung.

Der Autoverkehr in den Städten ist extrem ineffizient und führt zu einem ständigen Stehen im Stau. Man fühlt sich fortwährend an der Fortbewegung behindert, was für fast unerträglich ist – umso aggressiver wird dann das Verhalten im Auto. Alle Versuche, den Verkehr in der Stadt so zu organisieren, dass Autos ungehindert fahren können, sind bislang gescheitert. Am Beispiel München lässt sich dies gut zeigen: selbst der Bau von drei großen Tunnels, die mit Milliardenkosten errichtet wurden, hat nicht dazu geführt, dass Staus der Vergangenheit angehören. Im Gegenteil: es kamen immer mehr Autos auf die Straße und Staus auf dem Mittleren Ring sind Alltag.

Die Einschränkung des Lebensraums ist gravierend: Zum rollenden Verkehr – der bereits große Flächen verschlingt, hohe Lärmbelästigung mit sich bringt und die Luft mit Schadstoffen belastet, kommt auch noch der stehende Verkehr: In jeder größeren Stadt werden riesige Flächen zugeparkt, die den Menschen nicht mehr als Lebensräume zur Verfügung stehen.

Das Hauptproblem hat nichts mit technischen Lösungen zu tun, sondern mit Psychologie.

Wenn hier vom Verzicht auf das individuelle, ständig verfügbare Auto, die Rede ist, das man jederzeit und überall fahren darf, denken die meisten sofort: Ja, da wird mir ja meine Freiheit genommen. Ich brauche doch ein Auto, weil…, weil…, weil…

Wenn man heute davon spricht, die Auto-Mobilität, den automobilen Individualverkehr, weitgehend einzuschränken, dann entsteht bei den meisten die Vorstellung, man würde ihnen ihr Auto wegnehmen. Jetzt, unter den gegenwärtigen Bedingungen. Das ist natürlich so nicht gemeint. Denn eines ist klar: wer in den gegenwärtigen städtischen Bedingungen mit einem unzureichenden öffentlichen Nahverkehr, der durch den Individualverkehr ausgebremst wird und in einer Auto-Umgebung, in der Fahrradfahren vielfach lebensgefährlich ist, auf sein Auto verzichten muss, tut sich möglicherweise schwer mit dieser Vorstellung.

Ein radikal neues, effizientes und lebensfreundliches Verkehrskonzept

Die Alternative besteht jedoch nicht darin, innerhalb der gegenwärtigen Struktur nicht mehr Auto fahren zu dürfen. Die Alternative besteht, darin neue Strukturen zu schaffen, in denen es keinerlei Vorteil mehr bietet, mit dem Auto zu fahren. Insgesamt sind diese Strukturen wesentlich kostengünstiger zu schaffen und zu betreiben, als die gegenwärtigen. Ein Paradigmenwechsel im Nahverkehr zugunsten eines modernen, öffentlichen Verkehrssystems und einer Bevorzugung von Fahrrad und Fußgänger*innen bedeutet letzten Endes: wir wären schneller am Ziel, wir wären klimafreundlicher unterwegs und wir hätten wesentlich angenehmere Lebensräume zur Verfügung – und das alles zu deutlich geringeren Kosten.

Die Verkehrslogik von Städten muss vollkommen neu gedacht werden. Ziel ist es, Lebensräume zu schaffen und Mobilität ungehindert zu ermöglichen, wobei Effizienz ein wichtiges Kriterium ist. Hohe Effizienz lässt sich erreichen, wenn der Individualverkehr aus den Städten zurückgenommen und durch ein intelligentes und ausreichend dimensioniertes System für den öffentlichen Nahverkehr ersetzt wird. Die Kapazität des öffentlichen Nahverkehrssystems muss hierfür vervielfacht werden.

Dessen Bestandteile sind: für den Anfang ein intelligentes Elektrobussystem, das auf den Hauptstrecken über Oberleitungen gespeist wird, so dass relativ kleine Akku-Kapazitäten ausreichen (die Zukunft heißt allerdings eher Wasserstoff). Solche Oberleitungs-Systeme gab es bereits in der Vergangenheit, sie lassen sich vergleichsweise leicht umsetzen und sind (v.a. im Vergleich mit U-Bahnen) mit vergleichsweise geringen Kosten verbunden.

Kombiniert werden können diese Systeme zukünftig mit selbstfahrenden Kleinbussen, die über eine App angefordert werden können. Derartige Systeme gibt es vom technischen Stand her schon heute, es fehlen nur die nötigen Genehmigungen und der Wille, diese umzusetzen. Hinzu kommen Schienensysteme, vor allem Trambahnen, die den teuren U-Bahnbau ersetzen, der nicht mehr erforderlich ist, weil Autos ja nicht mehr das dominierende Verkehrsmittel. U-Bahnen wurden nur deshalb (mit ungeheurem finanziellem Aufwand) gebaut, damit darüber der Autoverkehr fließen kann.

Das ganze wird ergänzt durch eine Verkehrslogik, bei der Fußgänger und Radfahrer grundsätzlich Vorrang vor Autos haben. Das heißt: Autos können und dürfen nur dort fahren, wo sie Fußgänger und Radfahrer nicht mehr behindern. Eine Regelung der Autodichte über Gebühren – seien es Parkgebühren oder Formen einer Stadt-Maut – ist unsozial und daher abzulehnen. Eine solche Regelung würde nur denen entgegenkommen, die zu den reichen Schichten gehören und so viel Geld haben, dass es für Sie unerheblich ist, ob sie eine Gebühr bezahlen müssen oder nicht, während alle anderen auf Auto verzichten müssten.. Eine solche Regelung verschärft Ungleichheit noch weiter und ist damit absolut kontraproduktiv. Die Neuregelung muss ganz klar über ein Verbot des Individualverkehrs mit Autos erfolgen. Hierbei kann es Ausnahmen nur geben, wenn Menschen z.B. aufgrund einer Behinderung nachweisen können, dass sie auf ein Auto angewiesen sind. Keine VIP-Ausnahmen!

Selbstverständlich wird es weiterhin Lieferverkehr und Dienstfahrzeuge geben, aber diese Fahrzeuge kommen ohnehin wesentlich besser voran, wenn der Individualverkehr zurückgefahren.

Die freiwerdenden Flächen lassen sich als Lebensräume für Menschen in den Städten nutzen. Städte lassen sich begrünen, es lassen sich Oasen des Zusammenkommens schaffen. Städte werden wieder zu lebensfreundlichen Räumen. Alles, was es dafür braucht, ist der Entschluss, sich vom Privat-Auto zu lösen und Effizienz, Ressourcenschonung, Klimaverträglichkeit und Lebensfreundlichkeit des Verkehrssystems an erste Stelle zu stellen. Im Zeitraum von 10 Jahren könnten Städte komplett umgewandelt werden, in Orte, an denen man wieder gut leben kann.

ICH und MEIN Auto

Damit ein solches neues Denken über Verkehr möglich wird, müssen wir das Auto auch vom eigenen Ich abkoppeln. Zum einen geht es darum, die Vorstellung zu überwinden, das Auto würde unser eigenes Ich erweitern, es würde uns Respekt und Status bringen. Wir verfügen heute über die technologischen Möglichkeiten – z.B. zur Herstellung von Autos. Die Art und Weise, wie wir diese Errungenschaften nutzen, entspricht dagegen einer viel früheren Evolutionsebene. Gerade der Trend zum SUV zeigt: Das Auto ist vielfach Ersatz für uralte Rangkämpfe und Dominanzverhalten auf der Ebene der Primaten. Das müssen wir entkoppeln, um den Widerstand gegen die notwendigen Veränderungen zu überwinden. Das Auto sollte nicht länger als Statussymbol gelten nach dem Motto: je größer das Auto, desto wichtiger die Person die darinnen sitzt. Der Versuch, sich über ein Auto Status zu verschaffen, sollte als eben das gesehen werden, was er ist: ein Versuch sich Status zu verschaffen und – bei den großen, dicken Autos – zu dominieren. Sieht man dies klar, wird die Größe des Autos nicht mehr zu einer besonderen Steigerung des Respekts gegenüber den jeweiligen Besitzern führen.

Zum anderen geht es darum, mit der Idee aufzuräumen, das ständig verfügbare Auto würde uns Freiheit bringen. Denn genau das tut es ja nicht: die Beengung durch das Primat des Autos verschafft uns in unseren Städten jede Menge Unfreiheit und massive Einschränkungen. Die Phase der Umwandlung von der Auto-Mobilität in ein lebensfreundliches Verkehrssystem wird jedoch nicht einfach: Die Erhöhung der ÖPNV-Kapazität funktioniert nur bei gleichzeitiger Reduktion des automobilen Individualverkehrs. Die Übergangsphase wird allen Geduld abverlangen, aber im Ergebnis wird sich diese Anstrengung lohnen.

Verkehr in ländlichen Räumen

In ländlichen Räumen gilt das Auto heute als absolut unverzichtbares Fortbewegungsmittel. Grund dafür ist die Tatsache, dass in ländlichen Räumen bislang noch kein ernstzunehmender öffentlicher Nahverkehr geschaffen wurde. Auch hier gilt: unter den gegenwärtigen Bedingungen kann man auf dem Land niemandem sein Auto nehmen. Die gegenwärtigen technologischen Möglichkeiten machen einen guten und angepassten Nahverkehr jedoch ohne weiteres realisierbar. Hier sind selbstfahrende Elektrobussysteme sicherlich das Modell der Zukunft. Über App gesteuert, wählen die Busse die jeweils optimalsten Routen und sind bei Bedarf verfügbar. Das ist nicht vergleichbar mit einem Busfahrplan, der nur morgens und abends eine Verbindung in die Stadt bietet und damit keine ernstzunehmende Alternative darstellt.

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Raus aus dem Tunnel des Autowahns

YouTube · Gottfried Müller · 2019 · 2 Min.

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Autoverkehr ist nicht effizient

YouTube · Gottfried Müller · 2019 · 1 Min.

Verkehrstote in Deutschland 2025: wieder mehr, vor allem Kinder

2025 sind in Deutschland 2.832 Menschen bei Verkehrsunfällen gestorben, 62 mehr als 2024. Das sind fast acht Tote an jedem Tag. Rund 371.000 Menschen wurden verletzt (Destatis, endgültige Zahlen vom Juli 2026).

Besonders bitter: 74 Kinder unter 15 Jahren kamen ums Leben, 2024 waren es 53. Innerorts starben 317 Fußgänger/innen und 285 Radfahrer/innen, davon 119 auf einem Pedelec. Auch bei den Älteren ab 65 Jahren stieg die Zahl der Toten, auf 1.115.

Das zeigt: Die Gefahr trifft vor allem Menschen ohne Blechhülle. Sichere Rad- und Fußwege und langsamere Autos in den Orten schützen genau diese Gruppen.

Quellen: Destatis: Pressemitteilung Nr. 238 vom Juli 2026 · Destatis: Pressemitteilung Nr. 238 vom Juli 2026 · ecomento (nach Destatis): 8 Tote, 1000 Verletzte pro Tag bei … · ecomento (nach Destatis): 8 Tote, 1000 Verletzte pro Tag bei …

Wildunfälle und zerschnittene Landschaften

Auf deutschen Straßen gab es 2025 rund 276.000 Wildunfälle, die von Kfz-Versicherungen bezahlt wurden. Rechnerisch kracht es fast alle zwei Minuten. Die Schäden an den Autos lagen bei mehr als 1,2 Milliarden Euro (GDV, Oktober 2026). Wie viele Tiere dabei sterben oder verletzt im Wald verenden, zählt niemand genau.

Im Tierfund-Kataster des Deutschen Jagdverbands ist das Reh mit 51 Prozent aller Meldungen das häufigste Opfer, danach folgen Hase und Kaninchen (11 Prozent) und der Fuchs (6 Prozent). Wer in Wäldern 80 statt 100 km/h fährt, verkürzt seinen Bremsweg schon um 25 Meter.

Das Problem ist größer als der einzelne Unfall: Deutschland hat das dichteste Straßennetz in Europa. Nach dem Bundesamt für Naturschutz ist es so eng, dass sich die Artenvielfalt ohne Querungshilfen wie Grünbrücken und Tiertunnel nicht sichern lässt. Deshalb gibt es seit 2012 das Bundesprogramm Wiedervernetzung.

Quellen: GDV: Wildunfälle verursachen Pkw-Schäden von mehr als 1,2 Milliarden … · GDV: Wildunfälle verursachen Pkw-Schäden von mehr als 1,2 Milliarden … · Deutscher Jagdverband: Im Herbst führt vor allem Liebe zu … · Deutscher Jagdverband: Im Herbst führt vor allem Liebe zu … · Bundesamt für Naturschutz: Zerschneidung und Wiedervernetzung · Bundesamt für Naturschutz: Zerschneidung und Wiedervernetzung · Bundesamt für Naturschutz: Zerschneidung und Wiedervernetzung

Mobilität darf keine Frage des Geldbeutels sein

Ab 2028 soll in der EU ein zweiter Emissionshandel starten, auch für Sprit im Straßenverkehr (ETS2). Benzin und Diesel können dadurch teurer werden. Wer auf dem Land ohne Bus lebt und wenig verdient, trifft das am härtesten.

Deshalb gibt es den Klima-Sozialfonds der EU: 86,7 Milliarden Euro für die Jahre 2026 bis 2032. Er soll Menschen helfen, die sich die nötige Mobilität nicht leisten können, zum Beispiel mit elektrischem Nahverkehr und geteilten Fahrzeugen. Er beginnt schon 2026, zwei Jahre vor dem neuen CO2-Preis (Stand EU-Kommission 2026).

Auch bei Elektroautos geht es um Gerechtigkeit: Rund zwei Drittel der Neuwagen kaufen Firmen. Je geringer das Einkommen, desto eher kaufen Menschen gebraucht. Agora Verkehrswende schlägt deshalb ein Ladeguthaben für gebrauchte E-Autos vor, das vor allem Mieter/innen ohne eigene Lademöglichkeit hilft (Oktober 2026).

Quellen: EU-Kommission: Social Climate Fund · EU-Kommission: Social Climate Fund · EU-Kommission: Social Climate Fund · EU-Kommission: Social Climate Fund · Agora Verkehrswende: Gebrauchte E-Pkw: Ladeguthaben statt … · Agora Verkehrswende: Gebrauchte E-Pkw: Ladeguthaben statt …

Superblocks: Was Barcelona mit weniger Autos gewinnen kann

Barcelona sperrt in seinen „Superilles“ (Superblocks) den Durchgangsverkehr aus mehreren Häuserblocks aus. Die Kreuzungen werden zu Plätzen mit Bäumen, Bänken und Spielflächen. Genau diese Vision wird dort Wirklichkeit.

Forschende des Instituts ISGlobal haben 2019 berechnet, was es bringen würde, wenn die ganze Stadt so umgebaut wird: Jedes Jahr könnten rund 667 vorzeitige Todesfälle vermieden werden. Erwachsene würden im Schnitt fast 200 Tage länger leben. Der Nutzen läge bei rund 1,7 Milliarden Euro im Jahr.

Der größte Teil kommt von sauberer Luft, danach von weniger Lärm, weniger Hitze und mehr Grün. Es ist eine Modellrechnung, keine Messung. Sie zeigt aber, wie viel Gesundheit in einer Stadt steckt, die den Menschen statt den Autos gehört.

Quellen: Mueller u. a.: Changing the urban design of cities for health: The … · Mueller u. a.: Changing the urban design of cities for health: The … · Mueller u. a.: Changing the urban design of cities for health: The …