Was Sie über Massentierhaltung wissen sollten

Was Sie über Massentierhaltung wissen sollten

Fleischproduktion in Deutschland – Ein Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 3.3.2014

Die Masse

In Deutschland leben dem Bundesamt für Statistik zufolge derzeit etwa 12,7 Millionen Rinder, davon 4,3 Millionen als Milchkühe, 28 Millionen Schweine und 67,5 Millionen Masthühner. Dazu kommen 36,6 Millionen Lege­hennen. Diese Zahl hat seit 2011 deutlich zugenommen, um 7,5 Prozent. Nimmt man Schafe, Puten und andere Nutztiere hinzu, leben insgesamt fast doppelt so viele Nutztiere wie Menschen in Deutschland. …

Deutschland steht bei der Schweineschlachtung mit mehr als 58 Millionen getöteten Tieren pro Jahr auf Platz 1 der europäischen Spitzenproduzenten, beim Rindfleisch auf Platz 2 hinter Frankreich, wie der Fleischatlas 2014 des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigt. Auf dem größten Geflügelschlachthof Europas im niedersächsischen Wietze schlachtet eine Maschine 450 Tiere pro Minute. …

Knapp 8,1 Millionen Tonnen Fleisch wurden im Jahr 2013 in den gewerblichen Schlachtbetrieben Deutschlands produziert. Das geht weit über den Bedarf auf dem deutschen Markt hinaus: Deutschland exportiert derzeit 4,14 Millionen Tonnen Fleisch im Jahr. Zwischen 2000 und 2010 ist der Fleischexport um fast 250 Prozent gestiegen. …

Bei den Legehennen sind selbst 100 000 pro Betrieb keine Seltenheit mehr. …

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 3.3.2014

Die vergessene Masse: Fische

Bei Zahlen zu „Nutztieren“ fehlen fast immer die Fische. Dabei sind es mit Abstand die meisten Tiere, die Menschen töten. Nach Schätzungen, die in der Fachzeitschrift Animal Welfare erschienen sind, wurden von 2000 bis 2019 jedes Jahr im Schnitt 1,1 bis 2,2 Billionen wilde Fische gefangen. Dazu kamen 2019 rund 124 Milliarden Fische aus Zuchtanlagen (Spanne 78 bis 171 Milliarden).

Fische sind Wirbeltiere. Nach der New Yorker Erklärung ist es realistisch möglich, dass sie bewusst erleben. Wer Tierleid vermeiden will, sollte sie also mitdenken.

Quellen: fishcount.org.uk (nach Mood & Brooke, Animal Welfare 2024, … · fishcount.org.uk (nach Mood et al., Animal Welfare 2023, …

Das Leiden

Je nach Tierart sind die Bedingungen und Folgen der Massentierhaltung unterschiedlich. Jedoch gibt es einige typische Merkmale für sämtliche Tierarten:
Viele Tiere auf wenig Raum: So leben beispielsweise in etwa 70 Prozent der Masthühnerbetriebe mehr als 50 000 Tiere. Pro Quadratmeter sind bis zu 39 Kilogramm Tiergewicht erlaubt – das sind ungefähr 20 Hühner. (Quelle)
Möglichst schnell ein möglichst hohes Gewicht: Mastschweine etwa setzen in sechs Monaten 100 Kilogramm Fleisch an. Dabei wenden die Betreiber unnatürliche Methoden an: In Putenställen beispielsweise brennt Tag und Nacht das Licht, weil die Tiere dann auch nachts die Futterstellen aufsuchen und schneller zulegen.
Unnatürlich hohe Leistungen: Hennen legen fast jeden Tag ein Ei, Kühe produzieren viel mehr Milch als früher. 2013 gab eine Kuh 8200 Liter pro Jahr, mehr als doppelt so viel wie noch 1950.
Stress und Frust: Bei der Massentierhaltung können Tiere ihre natürlichen Bedürfnisse nicht oder kaum ausleben – ihnen fehlen ausreichend Bewegung, Ruhemöglichkeiten, natürliche Futtersuche. Außerdem beeinflusst die Haltung auf engstem Raum das Sozialverhalten. Bei den Tieren führt das zu Stress und Frustrationen.
Körperliche Eingriffe: Damit die Tiere sich in der Folge nicht gegenseitig angreifen, kommt es zu körperlichen Eingriffen: Man kupiert bei Ferkeln die Ringelschwänze und kürzt ihnen die Zähne, schneidet Legehennen und Puten die Schnabelspitzen ab oder entfernt Rindern die Hörner.
Häufige Erkrankungen: Besonders verbreitet sind Herz-Kreislauf-Störungen, Verformungen der Knochen durch schnelle Gewichtszunahme, Geschwüre oder Verhaltensstörungen. …
– auf diese (Gesundheitsprobleme) reagiert man mit einer Reihe von Arzneimitteln: Aspirin etwa gegen die Schmerzen, wenn Hühnern unter ihrem Mastgewicht die Beine brechen, oder Cortison gegen Stresszustände bei Schweinen. Am problematischsten aber ist der massenhafte Einsatz von Antibiotika. Ein Masthuhn zum Beispiel lebt durchschnittlich 32 Tage und wird in dieser Zeit rein statistisch 2,3 Mal mit Antibiotika behandelt.
… Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in den Ställen fördert die Entstehung von antibiotikaresistenten Keimen, die auch für Menschen gefährlich sein können. Eine Studie des BUND entdeckte auf mehr als der Hälfte des Hähnchenfleisches im Supermarkt antibiotikaresistente Keime. … Das Robert-Koch-Institut rät mittlerweile sogar, bei der Zubereitung von Geflügelfleisch Einmalhandschuhe zu tragen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 3.3.2014

Die New Yorker Erklärung (2024): Auch Fische und Insekten könnten etwas empfinden

Im April 2024 haben Forscher/innen an der New York University eine kurze Erklärung zum Bewusstsein von Tieren vorgestellt. Inzwischen haben sie 614 Menschen unterschrieben.

Die Erklärung sagt drei Dinge: Erstens gibt es starke wissenschaftliche Belege, dass Säugetiere und Vögel bewusst erleben. Zweitens ist es zumindest realistisch möglich, dass alle Wirbeltiere – also auch Fische, Reptilien und Amphibien – bewusst erleben. Das gilt auch für viele wirbellose Tiere wie Insekten, Krebse und Tintenfische. Drittens: Wenn diese Möglichkeit besteht, ist es unverantwortlich, sie bei Entscheidungen über diese Tiere zu übergehen.

Die Erklärung behauptet keine Gewissheit. Ihr Maßstab ist Vorsicht: Im Zweifel für das Tier.

Quellen: The New York Declaration on Animal Consciousness (NYU) · The New York Declaration on Animal Consciousness (NYU) · The New York Declaration on Animal Consciousness (NYU), Stand der …

Umweltfolgen

Anbauflächen für Futter: Die Tiere werden meist mit Soja gefüttert, das zum größten Teil aus Südamerika importiert wird. Vor allem wegen des gestiegenen Fleischkonsums hat sich die Sojaproduktion seit 1960 verzehnfacht, drei Viertel davon sind gentechnisch verändert. Die Anbauflächen sind auf das Vierfache angestiegen, nach Angaben der Tropenwaldstiftung Oroverde mussten dafür allein in Brasilien bereits 21 Millionen Hektar Regenwald weichen.
Verschmutzung des Grundwassers mit Nitrat: Grundwasserproben zeigen, dass die Nitrat-Grenzwerte für Trinkwasser von 50 Milligramm pro Liter besonders oft in Regionen mit hoher Viehdichte überschritten werden. 36 Prozent der Messstellen bundesweit wiesen deutlich bis stark erhöhte Nitratwerte auf. Nitrat gilt als krebserregend.
Wohin mit der Gülle? Große Betriebe haben meist Gülleüberschuss und nicht so viele Felder, auf denen sie diese ausbringen könnten. So entsteht häufig Überdüngung, große Mengen von Stickstoff lagern sich im Boden an und lassen Tier- und Pflanzenarten sterben, die an stickstoffärmere Umgebungen angepasst sind.
Klimawandel: Methan entsteht in den Mägen von Wiederkäuern und ist als Klimagas etwa 25 Mal klimaschädlicher als CO2. Die Landwirtschaft ist aktuell mit mehr als 54 Prozent die größte Emissionsquelle für Methan in Deutschland, das ist fast ausschließlich auf die Rinderhaltung zurückzuführen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 3.3.2014

Weitere Information in der ZEIT-Themenreihe zur Massentierhaltung.

Informativ auch der Beitrag der ARD in Planet-wissen: Tierhaltung XXL – Wie Fleisch und Wurst in Massen produziert werden (von Andrea Böhnke)

Der Spiegel berichtete 2017 über die Positionen der Parteien zum Tierschutz: „Beim Tierschutz geht es zu langsam voran. Glaubt man den Wahlprogrammen, setzen sich alle Parteien für das Tierwohl ein. Bilder aus der Massentierhaltung vermitteln einen anderen Eindruck.

Hier ein Statement der Tierschutzpartei zur Massentierhaltung.