Globale Vernetzung – Globale Ausbeutung

Globale Vernetzung

Globale Ausbeutung

In der Diskussion (BRD 2020) um das Lieferkettengesetz warnte der damalige Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, Lars Feld: „Mit einem Lieferkettengesetz wird die Axt an das bisherige Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft mit stark internationalisierten Wertschöpfungsketten und einer starken Produktion im Ausland gelegt“

Quellen: n-tv, „Das kann jedes Unternehmen“ – Primark plädiert für Lieferkettengesetz, 29.8.2020 und Handelsblatt „Wirtschaftsweiser: Lieferkettengesetz legt Axt an Erfolgsmodell“, 26.8.2020)

Menschenrechte missachten gehört also zum Erfolgsmodell der Deutschen Wirtschaft ?!

Offensichtlich. Denn Ergebnisse einer Befragung der Bundesregierung zur Einhaltung von Menschenrechts- und Sozialstandards in ihren Wertschöpfungsketten zeigen, dass nur 13 bis 17 Prozent der Unternehmen die Vorgaben erfüllen – Ziel waren mindestens 50 Prozent (Quelle). (Quelle: n-tv: Lieferkettengesetz „notwendig“ – Mehr Firmen missachten Menschenrechte, 14.8.2020)

Ungleicher Tausch: Wie Wohlstand vom Süden in den Norden fließt

Ausbeutung zeigt sich nicht nur in einzelnen Fabriken. Ein Forschungsteam um den Anthropologen und Ökonomen Jason Hickel hat versucht, sie für die ganze Weltwirtschaft zu messen. Die Zahlen sind eine wissenschaftliche Position – sie beruhen auf Modellannahmen und werden in der Fachwelt diskutiert.

  • Die Studie in „Global Environmental Change“ (2022) schätzt: Von 1990 bis 2015 flossen durch ungleiche Preise Werte von 242 Billionen US-Dollar aus dem Süden in den Norden (in Preisen von 2010). (Hickel, Dorninger, Wieland & Suwandi)
  • Allein 2015 waren es nach dieser Rechnung 10,8 Billionen Dollar – genug, um die extreme Armut 70-mal zu beenden. (Hickel et al.)
  • Dazu kommen Rohstoffe: 2015 eignete sich der Norden netto 12 Milliarden Tonnen Rohstoffe aus dem Süden an. (Hickel et al.)
  • Eine Folgestudie in „Nature Communications“ (2024) misst Arbeit: 2021 eignete sich der Norden netto 826 Milliarden Arbeitsstunden aus dem Süden an. (Phys.org)
  • Der Wert dieser Arbeit lag 2021 bei 16,9 Billionen Euro – gerechnet mit den Löhnen im Norden. (Phys.org)
  • Das Missverhältnis: Arbeitende im Süden leisten 90 Prozent der Arbeit der Weltwirtschaft, erhalten aber nur 21 Prozent des Welteinkommens. (Phys.org)

Was heißt das für uns? Ob die Summen genau stimmen, ist in der Forschung umstritten. Unstrittig ist: Billige Arbeit und Rohstoffe aus dem Süden stecken in vielen Produkten, die wir kaufen. Faire Preise und starke Lieferkettengesetze setzen genau hier an.

Wie misst man „ungleichen Tausch“? Methode und Grenzen

Die Studien von Hickel und Kollegen/innen nutzen weltweite Input-Output-Tabellen. Sie zeigen, wie viel Arbeit und Rohstoffe in den gehandelten Waren stecken. Dann vergleichen sie die Preise: Für eine Stunde gleich qualifizierter Arbeit zahlt der Weltmarkt im Süden viel weniger. Laut der Studie von 2024 liegen die Löhne im Süden bei gleicher Qualifikation 87 bis 95 Prozent niedriger.

Die riesigen Dollar-Summen entstehen, weil die Forschenden die Arbeit aus dem Süden mit Löhnen des Nordens bewerten. Das ist eine Annahme. Andere Ökonomen/innen halten diese Bewertung für zu hoch oder messen anders. Deshalb gilt: Die Größenordnung zeigt ein echtes Ungleichgewicht, die exakten Billionen-Beträge sind eine Modellrechnung und sollten auf der Seite als Position eines Forschungsteams gekennzeichnet werden.

Quellen: Phys.org · Hickel et al.

Lieferketten: vom Monitoring 2020 zum abgeschwächten EU-Gesetz

Damals prüfte die Bundesregierung, ob Unternehmen freiwillig auf Menschenrechte in ihren Lieferketten achten. Ziel war: mindestens die Hälfte der Firmen mit über 500 Beschäftigten. Ergebnis: nur 13 bis 17 Prozent erfüllten die Anforderungen. Daraufhin wurde das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) beschlossen.

Seitdem geht es wieder rückwärts. Im September 2025 beschloss das Bundeskabinett, die Berichtspflichten auszusetzen; das Gesetz selbst soll bis zur Ablösung durch EU-Recht weiter gelten. Auf EU-Ebene einigten sich Rat und Parlament am 9. Dezember 2025 darauf, die EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) deutlich abzuschwächen – sie gilt nun für viel weniger Unternehmen. Die Arbeiterkammer Wien als Arbeitnehmervertretung urteilt, das Gesetz werde damit weitgehend ausgehöhlt (Position). Ob die deutsche Änderung inzwischen vom Bundestag beschlossen wurde, konnte ich nicht sicher klären.

Quellen: IHK Magdeburg · Logistik Heute · AK Wien, EU-Infobrief 4/25