Landwirtschaft und Lebensmittel in der Hand von Konzernen

Landwirtschaft und Lebensmittel in der Hand von Konzernen

Was ist davon zu halten, wenn eine Ministerin gemeinsam mit einem Konzernchef ein nettes Video veröffentlichen lässt, in dem Sie dessen große Fortschritte im Hinblick auf weniger gesundheitsschädliche (ich weigere mich, hier das Wort „gesünder“ zu schreiben) Fertignahrung lobt. Ein Werbe-Video mit einem Konzernchef, dessen Lobbyisten zuvor erfolgreich Lösungen wie Lebensmittelampel und Zuckersteuer verhindern konnten.
Das Nestlé-Klöckner-Video, um das es hier geht, wurde im Juni 2019 direkt auf der BMEL-Webseite veröffentlicht. Auch die ZEIT berichtet über Frau Klöckners Werbevideo.
Ich frage mich: War das Naivität oder Kalkül? Nestlé hat hohe Expertise darin, notwendige gesetzliche Regeln dadurch zu verhindern, dass den politischen Entscheidungsträger*innen „freiwillige Selbstverpflichtungen“ angedreht werden. So scheitern in der Lebensmittelbranche z.B. Zuckersteuer, Lebensmittelampel (wäre extrem hilfreich), Werberegeln (Kinder!)… Natürlich ist hier nicht nur Nestlé am Start (wenn auch ganz vorne dabei) sondern Scharen von Lobbyisten. Das Video hat die Aufmerksamkeit wieder einmal auf Nestlé gelenkt

  • Wer profitiert davon, wenn ein Konzern 2000 Marken aufkauft und als Eigentümer weiterführt?
  • Wieso ist es notwendig und hilfreich,
    • wenn ein großer europäischer Konzern in Entwicklungs- und Schwellenländern Wasservorkommen anzapft und
    • Wasser in Einweg-Plastikflaschen vergleichsweise hochpreisig für die reicheren Bevölkerungsschichten anbietet,
    • die auf diese Weise eine saubere Trinkwasserversorgung hat
      • (und sich möglicherweise weniger um die allgemeine Trinkwasserversorgung für alle kümmern muss)
    • Wer profitiert davon am meisten – und wer am wenigsten?
  • Wieso ist es gut für die Kinder in Deutschland, wenn Eis am Stiel fast immer von Nestlé kommt?
  • Welchen Nutzen hat es, wenn Nestlé als einer der dominierenden Lebensmittelkonzerne fast ausschließlich auf Einwegverpackungen setzt? Welche Folgen hat dies?
  • Wie ist es zu erklären, dass Verbraucher*innen Höchstpreise für Aluverkapselten Kaffee bezahlen, wenn Bio-Fairtrade-Kaffee zum Aufbrühen (oder für eine „echte“ Espressomaschine) weniger als die Hälfte kostet? Könnte das etwas mit einer Überschwemmung durch Werbung zu tun haben?

Wer unser Essen kontrolliert: der Konzernatlas 2026

Im Januar 2026 haben Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und Kritische Aktionärinnen und Aktionäre einen neuen Konzernatlas vorgelegt. Er zeigt: Die Macht weniger Konzerne ist weiter gewachsen.

  • Weltweit beherrschen vier Konzerne 61 Prozent des Pestizidmarkts und 43 Prozent des Markts für Landmaschinen. Darunter sind Bayer und BASF. (evangelisch.de)
  • Beim Saatgut kontrollieren drei Konzerne 56 Prozent des Weltmarkts. Bayer und Corteva halten zusammen 80 Prozent der Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen. (Heinrich-Böll-Stiftung)
  • In Deutschland entfallen laut Bundeskartellamt rund 85 Prozent des Umsatzes im Lebensmittelhandel auf Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland). Der Konzernatlas nennt sogar 88 Prozent; 1995 waren es 55 Prozent. (Lebensmittel Praxis)
  • Der Präsident des Bundeskartellamts warnt deshalb vor weiteren Übernahmen. (Lebensmittel Praxis)
  • Lobbyarbeit wirkt: Neun Lobbyorganisationen gaben laut Konzernatlas 2020 bis 2023 über 50 Millionen Euro aus, um die geplante EU-weite Halbierung des Pestizideinsatzes zu verhindern. (evangelisch.de)

Was heißt das für uns? Die Herausgeber fordern unter anderem ein Verbot, Agrarprodukte unter den Produktionskosten einzukaufen. Das ist eine politische Forderung von Stiftung und Umweltverband.

Nestlé und das „natürliche“ Mineralwasser

Ein neues Beispiel liefert Frankreich: der Skandal um das Mineralwasser Perrier.

  • Nestlé hat bei „natürlichem Mineralwasser“ Filter eingesetzt, die dafür nicht erlaubt sind. Ein Untersuchungsbericht des französischen Senats wirft dem Staat vor, das gedeckt zu haben. (SRF)
  • Laut Bericht war sogar der Präsidentenpalast eingebunden. Präsident Macron bestreitet, davon gewusst zu haben. (SRF)
Patente auf Pflanzen: Wie Saatgut zur Ware wird

Saatgutkonzerne sichern sich ihre Macht auf zwei Wegen. Hybridsaatgut lässt sich nicht gut nachbauen; Bäuerinnen und Bauern müssen es jedes Jahr neu kaufen. Und Patente verlangen Lizenzen. Laut Böll-Stiftung hat das Europäische Patentamt auch Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen erteilt, die über 1.300 Sorten betreffen.

Die Folge: Wenige Firmen wie Bayer, Corteva, BASF, Syngenta und KWS bestimmen, welche Sorten es gibt. Das ist die Einschätzung einer den Grünen nahestehenden Stiftung; die Zahlen stammen aus dem Konzernatlas.

Quellen: Heinrich-Böll-Stiftung