Science fiction: Utopie, Dystopie und Naivität in 3 Szenarien
Nachdem Du Dich durch die vielen komplexen Themen gelesen hast, mal was zur Erholung – ein bisschen Science fiction.
Tiefenwachstum – eine Utopie
Wir sind uns der umfassenden systemischen Vernetzung aller Elemente des Lebens auf der Erde bewusst (interbeing). Was wir tun und nicht tun, beeinflusst alle Aspekte einer Welt mit begrenzten Ressourcen und einer begrenzten Belastbarkeit der Biosphäre. Daher müssen wir unser Wirtschaftssystem umgestalten, weg von der Verschwendung und der Orientierung am Gewinn weniger. Wir brauchen ein Wachstum hin zu mehr Qualität und Nachhaltigkeit. Dies wird sehr arbeitsintensiv sein und echte WERTschöpfung bedeuten.
- Güter werden langlebig hergestellt und reparierbar gemacht, geplante Obsolenz wird verboten. Einmalprodukte gehören weitestgehend der Vergangenheit an und die Recyclingquote liegt bei über 90%.
- Die Nahrungsmittelproduktion erfolgt mittels ökologischer, arbeitsintensiverer Anbaumethoden.
- Dienstleistungen, wie die Pflege alter und kranker Menschen, werden genauso gut bezahlt, wie Produktionsaufgaben und können mit ausreichend Personal ohne Hetze erbracht werden.
- Kunst öffnet uns den Weg zu neuen Sichtweisen und bezieht die Menschen nicht nur als Kunst-Konsumenten, sondern als aktiv Teilnehmende des Kunstgeschehens ein. Auch die Künstler werden auskömmlich bezahlt.
- Technologien werden gezielt auf die Bedürfnisse der Menschen und ihres dauerhaften Überlebens auf dem Planeten hin weiterentwickelt.
- Insbesondere die Entwicklung erneuerbarer Energien verlangt in hohem Maß technischen Fortschritt.
- Wir brauchen Innovationen, aber wir konzentrieren uns voll auf die Technologien, die wir für eine lebenswerte Zukunft brauchen.
- Wir akzeptieren die Automatisierung einfacher mechanischer Tätigkeiten und nutzen IT, achten dabei aber stets darauf, ob das, was wir damit tun, im Sinne des Gemeinwohls ist.
- Das Verkehrssystem basiert auf öffentlichen Verkehrsmitteln, die mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Automatische E-Bussysteme sind auch im ländlichen Raum verfügbar. Der Individualverkehr per Auto wird weitestgehend abgeschafft und nur vorübergehend bei spezifischen Bedarfen zugelassen. Fahrräder und Fußgänger haben Vorrang. Die Städte können dementsprechend wieder begrünt werden, die Luftqualität verbessert sich erheblich.
- Wir wenden uns ab von einem quantitativen Wachstum im Sinne des ständigen „etwas anderes, neueres“. Wir hören auf, die Welt aus lauter Langeweile kaputtzukonsumieren. Wir wenden uns endlich vom Haben zum Sein (Erich Fromm). Viele Menschen wenden sich spirituellen Wegen zu und machen die Erfahrung, dass sie ihre kostbare Lebenszeit nicht mehr mit Medienkonsum totschlagen, sondern zutiefst erfahren und genießen können.
- Der Impact aller Produkte und Dienstleistungen (incl. der Transporte) auf das Ökosystem und auf das soziale Leben wird in vollem Umfang in den Preis eingerechnet. Hierfür werden geeignete dynamische Methoden entwickelt und demokratisch kontrolliert.
- Regionale Produktion und Vermarktung wird gestärkt, u.a. um eine hohe Resilienz der Volkswirtschaften zu erreichen und Transporte zu minimieren. Die weltweite Vernetzung von Ideen, Kulturen, Technologien und Dienstleistungen wird dennoch vertieft und verfeinert – jedoch nicht mehr im Sinne eines Wettbewerbs um den billigsten Produktionsstandort und die am leichtesten ausbeutbaren Ressourcen, sondern im Sinne echter Gegenseitigkeit. Die globale Vernetzung dient z.B. dazu, arbeitsteilig Güter produzieren, die lokal nicht herstellbar wären.
All dies kann nur durch einen Paradigmenwechsel erreicht werden – weg von einem Wirtschaftsystem, in dem die Geldvermehrung zum Selbstzweck wurde – hin zu einem gemeinwohlorientierten System, das die Ökosphäre schont. Da wir aus den Auswüchsen des liberalwirtschaftlichen Kapitalismus gelernt haben,
- begrenzen wir das Einkommen auf ein (auf demokratischem Weg festgelegtes) Vielfaches des (ebenfalls demokratisch definierten) bedingungslosen Mindesteinkommens,
- begrenzen wir das maximale frei verfügbare Vermögen von Personen,
- begrenzen wir den Marktanteil von Unternehmen auf 10% (wenn dies nicht möglich ist, wird der Staat vorübergehender Miteigentümer),
- untersagen die Bildung von Konzernen, die hohe Anteile in verschiedenen Marktbereichen abdecken,
- unterstützen wir gezielt kleine und mittlere Unternehmen und deren produktive Vernetzung,
- während wir den reinen Kapitalverkehr (ohne unmittelbare Beteiligung der Kapitalanleger an der Wertschöpfung) begrenzen und besteuern.
Die Begrenzungs-Regeln haben angesichts der Entwicklung der Robotik besondere Bedeutung, da diese Technologie dem Kapital unabhängig vom Produktionsfaktor Arbeit noch mehr Gewicht gibt. Da wir auch aus den Versuchen einer zentralwirtschaftlichen Steuerung gelernt haben, erhalten wir marktwirtschaftliche Prinzipien – jedoch innerhalb eines Rahmens, der die Ausbeutung von Menschen und Ökosystemen auf Dauer verhindert. Dies begrenzt die Machtentfaltung und den Reichtum weniger, ermöglicht jedoch vielen, aus dem Schatten herauszutreten und die Dinge und das Leben mitzugestalten.
Wir stellen uns zukünftigen technologischen Herausforderungen, auch wenn wir uns deren Realisierung nur schwer vorstellen können.
- In einer ferneren Zukunft werden wir uns auch mit der Möglichkeit auseinandersetzen müssen, dass Eingriffe in die Keimbahn des Menschen vorgenommen werden. Dies darf nur dann zulässig sein, wenn diese Möglichkeit für jeden Menschen verfügbar ist (und nicht nur für eine Schicht Wohlhabender) oder zur Verhinderung von anerkannten Erbkrankheiten dient. Wird diese Regel nicht umgesetzt, wird sich die menschliche Art in eine biologische und eine biotechnologische Art teilen, wobei letztere dominieren würde.
- Die Entwicklung der IT wird uns an die Schwelle künstlicher Intelligenz bringen. Wir müssen verhindern, dass der Wettlauf um die erste funktionierende allgemeine KI gewonnen wird. Dies würde entweder dazu führen, dass eine Nation oder Gruppe zu enormer Machtfülle gelangt – oder es wäre die letzte technische Erfindung der Menschheit, wenn die KI so autonom ist, dass sie den Menschen vernichten kann. Um dies zu verhindern, bedarf es einer internationalen Kontrolle, deren Aufbau vermutlich eine der komplexesten Herausforderungen darstellt.
Die Verschwendung geht weiter und die Ungleichheit verschärft sich – eine Dystopie
Die Erderwärmung nimmt weitgehend ungebremst zu und geht über 2 Grad hinaus. Dies wird dazu führen, dass weite Teile der Welt nicht mehr self-sufficient bewirtschaftet werden können.
Die reichen Bevölkerungsschichten ziehen sich in nordische Länder zurück, die noch günstige klimatische Bedingungen aufweisen.
Die Trennlinien verlaufen nun weniger zwischen den Nationen, als vielmehr zwischen den armen und reichen Schichten.
Ein großer Teil der Menschheit wird weder als Konsumenten noch als Produzenten gebraucht, da die Produktion weitgehend automatisiert ist und KI viele Aufgaben übernommen hat.
In der Anfangszeit führt dies zu einem politischen Rechtsruck, indessen Folge mit der Zeit kapitalistische Diktaturen entstehen, die die Infrastruktur liefern, welche den Kapitaleignern eine hinreichende Kontrolle über die ärmeren Schichten ermöglicht und so die Aufrechterhaltung der Ungleichheit erlaubt. Die moderne Automationstechnologie, inklusive der Robotik, sowie die Informationstechnologie, liefert der reichen Bevölkerung (ca. 10 Prozent der Gesamtbevölkerung) dazu die technischen Voraussetzungen.
Die IT ermöglicht die Erfassung der Aktivitäten, Persönlichkeitsmuster und Werte jedes einzelnen Individuums und die gezielte Identifikation abweichender Personen. Diese Technologie existiert bereits im Jahr 2019, wo allein die Likes in den Facebook Einträgen ausreichen, um ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, das differenzierter ist, als mancher psychologische Persönlichkeitstest. Diese Profile werden automatisch gefiltert, so dass Personen mit Protestpotential gezielt sanktioniert werden können. Hierzu werden u.a. KI-gesteuerte Drohnen und automatisierte Waffensysteme eingesetzt.
Der Klimawandel und die zunehmend knapper werdenden Ressourcen führen dazu, dass es zu einer „marxschen“ Verelendung von Massen kommt. Umweltprobleme wie Müll und die Folgen der Ausbeutung von Bodenschätzen bleiben in die ärmeren Regionen der Welt verlagert (ist ja nichts neues).
Unterdessen entwickelt sich die Biotechnologie so weiter, dass die Reichsten es sich leisten können, Eingriffe in die Keimbahn vorzunehmen und schrittweise eine neue Spezies zu schaffen, die im Hinblick auf Intelligenz und gesundheitliche Resilienz große Vorteile gegenüber dem evolutionär entstandenen Menschen hat.
Diese Spezies übernimmt zunehmend die Herrschaft, was durch Nutzung von KI und Robotik auch bei einer relativ kleinen Anzahl von Individuen möglich ist.
Für dieses Szenario ist keinerlei Verschwörung erforderlich. Es reicht aus, die Dinge weiterlaufen zu lassen und den gegenwärtigen Trend fortzusetzen.
Es wird schon nicht so schlimm – eine Dummheit
Dieses Szenario geht davon aus, dass es nicht so schlimm ist wenn die Armen Arm bleiben. Denn das ist heute schon so und solange keine Migranten kommen, merken wir nichts davon. Wichtig ist nur, dass genügend da ist, um die europäische Bevölkerung einigermaßen mit Wohlstand zur versorgen.
Außerdem wird sich der Klimawandel letzten Endes nicht bei uns abspielen (da wird es endlich richtig Sommer), sondern doch eher in den südlichen Ländern. Vielleicht profitieren wir ja sogar. Und so genau weiß man eh nicht was, kommt, Eiszeit oder Heißzeit?
Der Klimawandel wird auch nicht so dramatisch, wie immer getan wird. Wir werden rechtzeitig auf erneuerbare Energien umstellen und dann bekommt man das auch in den Griff.
Die neuen Technologien in der IT und in der Biotechnologie werden uns in den wohlhabenden Staaten zur Verfügung stehen und garantieren, dass wir unsere globale Position halten und ausbauen können. Zum Glück haben wir es geschafft, die ganzen Bedenkenträger zu überstimmen.
Die Knappheit an Bodenschätzen wird man durch ein verbessertes Recycling ausgleichen können, das überwiegend in den Ländern der dritten Welt stattfinden kann. Dann gibt es da zumindest Arbeit.
Gegen die, aufgrund ungünstiger klimatische Bedingungen, zunehmend nach Europa und Nordamerika dringenden Massen, entwickelt man entsprechende Abschottungsmöglichkeiten. (Ich will das mal nicht ausmalen)
Alles in allem werden unsere – das heißt die europäischen und nordamerikanischen – Kinder und Enkel schon zurechtkommen.
Man kann schließlich nicht die ganze Welt retten, oder?
Du merkst schon: Jedes weiter-so Szenario ist noch viel irrealer als die verrückteste Utopie.
Survival of the fittest
coming soon
Regeln sozialer Systeme: menschengerecht oder menschenverachtend
coming soon