Man soll doch tolerant sein

Man soll doch tolerant sein

Ja, die Toleranz. Das Wort kommt von lat. „tolerare“ – „erleiden, erdulden“. Toleranz bedeutet, eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, damit andere ihren Stil leben und ihre Bedürfnisse erfüllen können. Die Philosophie unterscheidet dabei drei Schritte: Ich lehne etwas ab, ich habe trotzdem gute Gründe, es zu dulden – und es gibt eine Grenze, ab der die Gründe für die Ablehnung stärker sind. (Quelle) Es bedeutet auch, die Dissonanz auszuhalten, wenn jemand nicht meiner Meinung ist und vielleicht nicht meine Werte teilt – also die berühmte „Toleranz gegenüber anders Denkenden“.

Zu häufig wird das Wort Toleranz verwendet, wenn es um das Leid anderer Menschen oder Wesen geht.

Man soll Konsumenten*innen von Massentierhaltungsfleisch doch bitteschön so essen lassen, wie sie es möchten. Darf meine Toleranz aber für das grausame Leiden unzähliger Tiere gelten?

Wer einen SUV fahren und zum Baden in die Dom Rep fliegen will, möge das doch bitte tun. Bitte keine Bevormundung! Darf meine Toleranz auch für die Vernichtung der Lebenschancen zukünftiger Generationen gelten?

Wo hört Toleranz auf?

Und wo ist Toleranz dringend notwendig, um im Dialog zu bleiben oder wieder in den Dialog zu kommen? Welche Art von Toleranz brauchen wir dafür?

Wo Toleranz endet: Popper und Forst

Der Philosoph Rainer Forst beschreibt Toleranz in drei Schritten. Erstens lehne ich etwas ab – sonst wäre es Gleichgültigkeit. Zweitens habe ich Gründe, es trotzdem zu dulden. Drittens gibt es eine Grenze: dort, wo die Gründe für die Ablehnung stärker sind. Wer Leid für Tiere oder die Zerstörung der Lebenschancen anderer nicht mehr dulden will, verlässt also nicht die Toleranz. Er fragt nach ihrer Grenze.

Karl Popper warnte 1945 vor dem „Paradox der Toleranz“: Unbegrenzte Toleranz gegenüber den Intoleranten zerstört die Toleranz. Popper meinte damit vor allem Gewalt und die Verweigerung jeder vernünftigen Debatte. Für Konsumfragen folgt daraus kein Freibrief zum Verbot. Wohl aber, dass „Toleranz“ kein Argument ist, um Schaden für Dritte zu rechtfertigen.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy · Wikipedia