Verzicht ist der falsche Begriff
In Zusammenhang mit den Themen Klimawandel und der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen wird immer wieder der Begriff des Verzichts gebraucht. Man fragt, ob es den zumutbar sei z.B. auf das Fliegen zu verzichten. Es lohnt sich das Wörtchen Verzicht einmal genauer zu betrachten. Was bedeutet Verzicht eigentlich?
Verzicht bedeutet, auf etwas zu verzichten was einem zusteht. Ich könnte z.B. auf einen Teil meines Gehaltes verzichten, um es für eine gute Sache zu spenden.
Es würde uns nie in den Sinn kommen, von Verzicht zu sprechen, wenn wir es z.B. unterlassen, im Restaurant die Pizza vom Teller des Nachbarn zu verspeisen. Ich würde auch nicht von Verzicht sprechen, wenn ich es unterlasse, den Obstbaum meines Nachbarn abzuernten oder mein Auto mitten auf der Kreuzung abzustellen usw.. Wenn der Begriff Verzicht aber zur Voraussetzung hat, dass einem etwas zusteht, dann muss man sich fragen:
- Steht uns die Flugreise zu (wenn wir wissen, dass sie dazu beiträgt, die Lebensgrundlagen anderer Menschen in Gegenwart und Zukunft zu schädigen)?
- Steht es uns zu, große Mengen Fleisch zu essen (wenn wir wissen, dass dafür Tiere gequält werden, dass Regenwald gerodet wird, um Soja als Tierfutter anzubauen und dass die Tierhaltung schon an sich große Mengen Treibhausgase freisetzt)?
- Habe ich ein Recht auf einen Parkplatz (wenn dadurch umweltverträglicher Fahrradverkehr stark eingeschränkt wird)?
Wenn man weiter vom Verzicht sprechen möchte, dann braucht man eine neue Definition des Begriffs: Verzicht bedeutet, etwas was man tun oder haben möchte, nicht zu tun oder zu nehmen, was man tun oder nehmen könnte, ohne dafür bestraft zu werden. Jetzt kommen wir der Sache näher.
Wir könnten also richtiger davon sprechen, dass es darum geht, ungerechtfertigte Aneignung zu unterlassen, als dass wir auf etwas verzichten würden, dass uns zusteht. Die Befriedigung der Bedürfnisse jedes Menschen kostet ein gewisses Maß an Ressourcen und Energie und verursacht ein gewisses Maß an Abfall und Emissionen. Die Frage ist nur: wie groß ist dieses Maß. Geht das, was wir beanspruchen, weit über das hinaus, was wir zum Leben brauchen? Wenn wir diesen Fragen weiter nachgehen, zeigt sich: Es ist schlichtweg kein vernünftiges ethisches System denkbar, das es reicheren Menschen erlauben würde, einen extrem überproportionalen Anteil an Ressourcen zu verbrauchen und einen ebenfalls überproportional Lebensgrundlagen anderer Menschen und Lebewesen in Gegenwart und Zukunft zu leben. Und weil wir darauf keinen Anspruch haben, ist auch der Begriff Verzicht falsch. Auch der Weltklimarat sieht es so: Wohlhabende verursachen überproportional viele Emissionen – und können sie stark senken, ohne auf ein gutes Leben verzichten zu müssen. (Quelle)
Ein gutes Leben braucht weniger, als wir denken
Auch der Weltklimarat spricht nicht von Verzicht, sondern davon, was Menschen wirklich brauchen: Wohnen, Mobilität, Ernährung – nicht möglichst viel Energie und Material.
- Wenn wir anders wohnen, uns anders fortbewegen und anders essen, lassen sich die Emissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent senken. (IPCC AR6 WGIII, Kapitel 5)
- Ein menschenwürdiges Leben für alle ist dabei möglich. (IPCC AR6 WGIII, Kapitel 5)
- Wohlhabende verursachen überproportional viele Emissionen und können sie stark senken, ohne ihr gutes Leben aufzugeben. (IPCC AR6 WGIII, Kapitel 5)
- Mehr Besitz macht nicht glücklicher: In 258 Stichproben gingen materialistische Werte mit etwas weniger Wohlbefinden einher. Der Zusammenhang ist nicht groß, aber sehr stabil. (Kasser)