Unser Handeln wird VOR ALLEM durch die kurzfristigen Konsequenzen für unser Wohlbefinden gesteuert
Unser Verhalten wird vor allem davon gesteuert, womit wir uns unmittelbar wohler fühlen. Das bedeutet: nur die kurzfristigen Konsequenzen für unser Wohlbefinden (psychologisch „Belohnung“ und „Vermeidung von Bestrafung“) steuern uns. Deshalb fällt es uns so schwer, unser Handeln danach auszurichten, welche langfristigen Folgen dieses haben wird. Das funktioniert nur, wenn wir uns die langfristigen Folgen unseres Verhaltens so deutlich klarmachen und diese so verinnerlichen, dass wir uns schon JETZT WOHLER FÜHLEN, wenn wir diese beachten. Bewusstheit für Konsequenzen, die nicht unmittelbar erfahrbar sind, ist also der Dreh- und Angelpunkt für die Veränderung von Verhalten. Die Forschung bestätigt das: Verinnerlichte Werte wirken zu einem großen Teil über die Gefühle, die wir im Moment erwarten, über Stolz, wenn wir ihnen folgen, und Schuld, wenn nicht. Bei Gruppen ist es ähnlich, sobald wir ihre Normen zu unseren eigenen gemacht haben. „Wohler“ heißt dabei oft nicht „angenehmer“, sondern: Es fühlt sich richtig und sinnvoll an. (Quelle)
Wenn man einmal soweit ist, dass man sich die langfristigen Konsequenzen so deutlich klar gemacht hat, dass ein innerer Entschluss in Bezug auf das Verhalten getroffen ist, dann hilft diese Entschlossenheit weiter. Denn wir fühlen uns wohler, wenn wir unseren inneren Entschlüssen treu bleiben.
Genau das ist der Sinn dieses Web-Portals: Uns dabei zu helfen, eine innere Entschlossenheit für nachhaltiges (persönliches und politisches) Handeln zu entwickeln, auch wenn dies zunächst einmal mit dem einen oder anderen Verzicht und mit Aufwand verbunden sein mag.
Warum unser Gehirn auf kurzfristiges Wohlbefinden programmiert ist – und wie wir darüber hinaus gelangen können
Die Grafik ist hier nicht mehr abgebildet (Bildrechte), sie steht bei der Quelle. Quelle für die folgenden Zitate: „Bewusster leben“ – ein Beitrag von Sébastien Bohler in Spektrum der Wissenschaft vom 29.07.2019.
„Das Gehirn des Menschen ist darauf programmiert, einige grundlegende Ziele zu verfolgen, die seinem Überleben dienen: essen, sich fortpflanzen, Macht gewinnen, dabei möglichst wenig Energie aufwenden und so viele Informationen wie möglich über die Umwelt sammeln. Diese fünf Ziele bildeten das Leitmotiv jener Gehirne, die dem unseren bei der Evolution der Arten vorangegangen sind.“ … „Im so genannten Striatum, einer Struktur im Großhirn unterhalb der Rinde, liegen Neurone, die bei jedem überlebensförderlichen Verhalten Dopamin ausschütten und somit Lust erzeugen.“ … „Dank hoch entwickelter Technologien, sei es für die Ernährung, den Informationsaustausch oder die Herstellung von Gütern, ist dieser Kortex heute in der Lage, dem Striatum fast alles zu bieten, was es will, manchmal ohne Aufwand. Und das Striatum zögert nicht lange; es kann sich selbst keine Grenzen setzen. Das ist in seinem Bauplan nicht angelegt.“
Genau dadurch entsteht die Tendenz, sich ausschließlich durch kurzfristige Verhaltensfolgen ständig positive Verstärkungen (Dopaminausschüttung im Striatum) zuzuführen. Die Hirnforschung sieht das heute etwas genauer: Dopamin erzeugt nicht direkt Lust. Es treibt vor allem das „Wollen“ an – den Drang, etwas zu bekommen –, weniger das „Mögen“, also den Genuss selbst. Deshalb können wir etwas heftig wollen, das uns kaum Freude macht. Das Bild vom gierigen Striatum ist eine starke Vereinfachung. (Quelle)
„Deshalb fällt es uns schwer, uns selbst zu zügeln, wenn sich immer mehr Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung bieten: mit Lebensmitteln oder mit Konsumgütern, die sozialen Status vermitteln, mit Pornografie im Internet oder mit dem Strom immer neuer Nachrichten. Unser Verhalten ist zudem Treibstoff für die Wirtschaft, die es daher nutzt und fördert.“ … „…heute (sterben) mehr Menschen auf der Erde an Über- als an Unterernährung.“ … »Du und ich, wir kümmern uns nicht so sehr darum, was in 20 oder 30 Jahren passieren wird. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Wir müssen uns nicht einschränken, sind frei, mit dem Flugzeug die Welt zu bereisen, neue Autos, Telefone und Computer zu kaufen, … Und wir wollen all das aufgeben? Wofür? Nur der Zukunft zuliebe?« … „Je weiter in der Ferne ein möglicher Nutzen liegt, desto weniger Wert misst das Gehirn ihm bei. Steht eine Belohnung in Aussicht, werden die Neurone im Striatum aktiv – … Studien (Wolfram Schultz et al.) zeigten, … dass die Stärke der Dopaminausschüttung davon abhängt, wie viel Zeit noch bis zur Belohnung verstreichen wird: je länger die Verzögerung, desto schwächer die Reaktion. Deswegen interessieren wir uns weniger für etwas, was in ferner Zukunft bevorsteht.“ … “ Seit Millionen von Jahren überleben vor allem jene Tiere, deren Striatum so konfiguriert ist, dass es eine sofortige Belohnung einer späteren vorzieht. Die riesige Großhirnrinde des Homo sapiens, die ihm immer mehr Möglichkeiten verschaffte, hat sich in den Dienst eines Zwerges (striatum) gestellt, der sich an Macht, Sex, Essen, Faulheit und seinem Ego berauscht.“
Dopamin: Wollen ist nicht Mögen
Das Bild vom gierigen Striatum ist eingängig, aber stark vereinfacht. Die Neurowissenschaftler Kent Berridge und Morten Kringelbach unterscheiden zwei Systeme: das „Wollen“ (den Antrieb, etwas zu bekommen) und das „Mögen“ (den Genuss selbst). Das Wollen wird von einem großen, verteilten Netz im Gehirn erzeugt, an dem Dopamin stark beteiligt ist. Das Mögen entsteht in wenigen kleinen „Genuss-Inseln“. Das Dopaminsystem gilt danach nicht mehr als Lustzentrum.
Das passt zu einer Alltagserfahrung: Wir können etwas heftig wollen, das uns kaum Freude macht – das nächste Video, das nächste Paket. Achtsamkeit setzt genau hier an: Sie hilft, das Wollen zu bemerken, ohne ihm sofort zu folgen, und den Genuss bewusster zu erleben.
Quellen: Berridge & Kringelbach
Lässt sich etwas an der egoistischen Steuerung durch unmittelbare Belohnung ändern?
Auch hierfür hat Bohler Antworten gefunden:
„Anfang 2017 unternahmen zwei Forscher der Universität Zürich (folgendes) Experiment: Sie luden Freiwillige in ihr Labor ein und gaben ihnen Geld, das sie entweder für sich behalten oder mit einer unbekannten Person im Nachbarraum teilen konnten. Während die Versuchspersonen eine Entscheidung trafen, erfasste ein Magnetresonanztomograf ihre Hirnaktivität.“ … „Die erste bedeutsame Erkenntnis war, dass Frauen häufiger als Männer das Geld mit Fremden teilten. … im Gehirn der weiblichen Versuchspersonen (wurde das Striatum aktiviert). Der großzügige Akt aktivierte bei ihnen also jene Netzwerke, die Belohnung und Freude vermitteln – was üblicherweise den wichtigsten primären Verstärkern vorbehalten ist. So war es bei den Männern: Ihr Striatum wurde aktiv, wenn sie das Geld für sich behielten.“ … „Den Autoren zufolge verhalten sich Frauen wahrscheinlich deshalb in solchen Situationen großzügiger als Männer, weil ihr Gehirn seit der Kindheit entsprechend geformt wurde. Gemäß dieser Hypothese lernen Mädchen und Frauen, sich entgegenkommend und großzügig zu zeigen. Kleine Jungen hingegen werden eher zu einer selbstbewussten, unabhängigen und konkurrenzbewussten Haltung erzogen.“ … „Weibliche Großzügigkeit ist lediglich ein Beispiel dafür, dass das Striatum lernen kann, andere Dinge zu lieben, und dass sich unsere Ziele durch soziale Normen umdefinieren lassen. Eltern, Schule, Medien und Politik können Altruismus, Mäßigung und Respekt vor der Umwelt vermitteln, indem sie diese schätzen und belohnen und das Striatum so auf neue Gleise setzen.“
Das bedeutet wiederum: je mehr wir Werte verinnerlichen und den Wert von Werten auch wirklich ERFAHREN, desto mehr wirkt ein wertgemäßes Verhalten verstärkend (Dopaminausschüttung im Striatum, ihr wisst schon…).
„Um bewusster mit Essen umzugehen, empfiehlt der französische Psychiater und Wissenschaftsautor Christophe André Achtsamkeitstechniken. Eine davon ist die »Rosinenübung«.“ … Indem wir den Resonanzraum unserer Sinne erweitern, bereiten wir dem Striatum mehr Freude, obwohl die Menge an Nahrung kleiner ist. Ein Bewusstsein für das zu entwickeln, was uns umgibt, ist kein realitätsfernes oder unrealistisches Ziel. Es gibt Meditationstechniken, die sich bewährt haben. Die Achtsamkeitsmeditation etwa zielt darauf ab, die eigene Aufmerksamkeit sanft zu lenken und bewusst dem zuzuwenden, was in uns und um uns herum geschieht. Sich kurzfristigen Impulsen und dem Lockruf der schnellen Belohnung zu widersetzen. Sich frei zu entscheiden, langfristig zu denken und die Zukunft selbst zu bestimmen.“
Und darin liegt nun die Bedeutung der spirituellen Erfahrung für das ganze Thema Nachhaltigkeit: Wenn ich ERFAHRE, dass ich zutiefst mit allen Wesen verbunden bin, dann werde ich auch zu Mitgefühl und Mitfreude fähig. Und wenn wir Mitgefühl und Mitfreude üben (bevor wir alle erleuchtet sind), dann könnte es sein, dass wir ein wenig in diese Erfahrung der Verbundenheit hineinwachsen. Teilen also nicht als Askese, sondern als Erfüllung dessen, was wir zutiefst sind.
Quelle: „Bewusster leben“ – ein Beitrag von Sébastien Bohler in Spektrum der Wissenschaft vom 29.07.2019.
Werte, Gruppen, Gewohnheiten: Wie das Gefühl im Hier und Jetzt mitsteuert
Die Umweltpsychologie bestätigt den Kern: Das Bedürfnis, sich jetzt gut zu fühlen, gilt als der stärkste Antrieb. In der Theorie der Zielrahmen von Siegwart Lindenberg und Linda Steg ist dieses „hedonische“ Ziel von vornherein das stärkste. Normen dagegen brauchen viel Rückhalt, damit sie nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Dieser Rückhalt kann von außen kommen, aus Regeln und Institutionen, oder von innen, wenn eine Norm mit Gefühlen verbunden ist.
Wie Werte wirken, zeigen Studien zu Stolz und Schuld. Persönliche Normen („Ich finde, ich sollte …“) wirken zu einem großen Teil über die Gefühle, die wir erwarten: Stolz, wenn wir uns daran halten, Schuld, wenn nicht. Wer umweltfreundlich handelt, fühlt sich danach nachweislich wärmer ums Herz, in einem Versuch nahmen die Teilnehmer/innen den Raum sogar als wärmer wahr. Verinnerlichte Werte wirken also tatsächlich über ein Gefühl im Hier und Jetzt.
„Besser fühlen“ heißt dabei oft nicht „angenehmer“. Umweltfreundliches Handeln kostet manchmal Bequemlichkeit und macht trotzdem zufrieden, weil es sich sinnvoll anfühlt. Das gelingt vor allem, wenn wir es selbst für richtig halten und aus freien Stücken tun. Unter Druck übernommene Regeln wirken schwächer und brechen schneller weg.
Auch Gruppen wirken auf diesem Weg. Wer sich einer Gruppe zugehörig fühlt, übernimmt ihre Normen und Ziele als eigene. Wer dann gegen sie handelt, spürt das meist unmittelbar. Das Gefühl „Zusammen schaffen wir das“ macht Mut zum Handeln.
Zwei Ausnahmen gibt es. Gewohnheiten laufen ab, ohne dass wir in diesem Moment etwas abwägen oder fühlen. Sie reagieren auf vertraute Situationen und laufen sogar weiter, wenn ihre Belohnung längst nicht mehr lockt. Entstanden sind sie allerdings einmal durch Belohnung. Und der Einfluss anderer Menschen wirkt oft, ohne dass wir ihn bemerken: Hinweise wie „Die meisten Deiner Nachbarn sparen Energie“ veränderten das Verhalten am stärksten, obwohl die Befragten sie für den schwächsten Grund hielten.
Philosophisch bleibt eine offene Frage: Tun wir das Richtige nur, um uns gut zu fühlen, oder fühlen wir uns gut, weil uns das Richtige wichtig ist? Versuche des Psychologen Daniel Batson sprechen dafür, dass echtes Mitgefühl auch dann zum Helfen führt, wenn Schuld und Belohnung keine Rolle spielen. Diese Deutung ist allerdings umstritten. Für die Praxis ändert das wenig: Wer nachhaltiges Handeln fördern will, sollte dafür sorgen, dass es sich jetzt richtig und gut anfühlt, allein und gemeinsam mit anderen.
Quellen: Lindenberg & Steg · Onwezen, Antonides & Bartels · Taufik, Bolderdijk & Steg · Venhoeven, Bolderdijk & Steg · Fritsche u. a. · Wood & Rünger · Nolan u. a. · Batson