Phasen der Veränderung: Sterben und Neubeginn
In Situationen, die unerträglich und nicht bewältigbar erscheinen tendieren Menschen dazu, Fakten zu verdrängen und zu verleugnen.
Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hat diese Muster des Umgangs mit dem (zunächst) scheinbar Unerträglichen erforscht. Sie hat viele Gespräche mit Sterbenden geführt und dabei festgestellt, dass diese oft durch verschiedene Phasen gehen: Phasen des Verhandelns, der Verleugnung, der Wut, bis hin zu einer Phase der tiefen Annahme und des Friedens .
- Unsicherheit
- Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
- Angst
- Zorn
- Verhandeln
- Depression
- Zustimmung
Der Vergleich unseres Umgangs mit dem Klimawandel mit den Sterbephasen mag zunächst nicht ganz passend erscheinen: Wir können ja etwas gegen den Klimawandel tun. Warum also der Vergleich mit den Sterbephasen? Weil wir tatsächlich etwas aufgeben müssen, was uns sehr lieb ist: unseren bisherigen Lebensstil, zumindest was eine nicht-nachhaltige Art des Konsumierens, der Ernährung und der Mobilität angeht. Aber dieser Lebensstil ist eng mit unserer Identität verknüpft. Die ganze Werbung arbeitet so: Wenn Du dies oder jenes hast oder machst, bist Du wer – und bist glücklicher als vorher. Wenn Du diese Marke kaufst, dann strahlt etwas von deren Glanz auf Dich ab. So hat sich das Konsumieren in unsere Identität eingeschlichen. Solange wir nicht verinnerlicht haben, dass unsere Identität viel viel mehr ist, als unser konsumierender Lebenstil, werden wir massive Widerstände gegen jede Veränderung aufbauen müssen.
Wenn wir uns die Debatte über den Klimawandel und die Notwendigkeit einer grundlegenden Änderung unserer Lebensweise anschauen, können wir diese Phasen wiedererkennen:
Erst einmal die Verleugnung – schau Dir einfach die Webseiten der „Klimaleugner“ oder die Argumentation der AfD an. Hier wird ganz massiv verleugnet, was eigentlich sonnenklar ist. Es ist so wie bei einem Krebspatienten, der seine Diagnose zunächst einmal nicht wahrhaben möchte. Diese Verleugnung lässt sich übrigens auch in fortgeschrittenen Erkrankungsstadien immer wieder beobachten…
Verleugnung kann übrigens in vielerlei Gestalten auftreten. Auch die Verschwörungstheorien im Zuge der Corona-Krise speisen sich z.T. aus der Verleugnungstendenz.
Auch die Phase des Verhandelns können wir deutlich erkennen: da versucht eine Bundesregierung, mit Kleinstschritten und z.T. widersinnigen Maßnahmen, um grundlegende Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise herumzukommen. Und auch wir selbst verhandeln: Na ja, diese Flugreise, die anderen Leute reisen ja auch, dann kompensier ich das halt und so weiter .
Und dann gibt es auch Wut. Wut gegen diese ganzen Moralisten, die uns auch noch vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben. Eigentlich ist es aber die Wut dagegen, dass ich nicht mehr so weiterleben kann und darf wie ich es eigentlich möchte, wie es mir bequem ist und womit ich gelernt habe, umzugehen.
Viele von uns kennen diese Gefühle. Eine feste Abfolge, die alle durchlaufen müssen, ist es aber nicht – die Trauerforschung hat die Phasen nicht bestätigt, und viele Menschen kommen erstaunlich schnell wieder ins Handeln. (Quelle) Ein Stück weit erleben wir alle etwas davon, nicht linear, eine Phase nach der anderen, sondern in wiederkehrenden Kreisen: mal ist die Wut da, dann wieder die Verleugnung, dann wieder ein Stück Annahme .
Wenn es gut geht, werden wir es aber schaffen, uns auf eine neue Lebensweise einzustellen und wir werden feststellen, dass diese Lebensweise in vieler Hinsicht viel angenehmer ist, als unsere bisherige. Dazu werden wir allerdings nur dann kommen, wenn wir nicht so lange mit den notwendigen Veränderungen warten, bis wir gezwungen sind, schlecht vorbereitet drastische Einschnitte vorzunehmen. Je eher wir die Phase des Annehmens erreichen, desto besser sind wir in der Lage, ins Gestalten zu kommen und uns nicht mehr mit einem unsinnigen sich-wehren gegen das Unabänderliche aufzuhalten.
Deshalb ist es auch so wichtig, nicht nur zu zeigen, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern, indem wir einfach so weitermachen, sondern auch: wenn wir jetzt anfangen, endlich zu handeln, dann haben wir die Chance, eine Kehrtwende zu schaffen und wir können ein gutes Leben für alle Menschen erreichen. Dieser Planet hat alle Ressourcen, die wir brauchen, wenn wir aufhören, das Ökosystem und seine Gesetzmäßigkeiten einfach zu ignorieren.
Klimagefühle ernst nehmen: Angst, Trauer und Wut
Wer sich der Lage stellt, empfindet Angst, Trauer oder Wut. Das betrifft besonders junge Menschen. Diese Gefühle zeigen, dass uns etwas wichtig ist – und sie können zur Kraftquelle werden, wenn wir sie teilen und ins Handeln kommen.
- In einer Befragung von 10.000 jungen Menschen (16 bis 25 Jahre) in zehn Ländern waren 59 Prozent sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel, 84 Prozent mindestens mäßig. (Hickman u. a.)
- Mehr als 45 Prozent sagten, dass diese Gefühle ihren Alltag beeinträchtigen. Die Angst hing eng damit zusammen, dass sich die jungen Menschen von ihren Regierungen im Stich gelassen fühlten. (Hickman u. a.)
- Feste Phasen, die man der Reihe nach durchläuft, gibt es bei Trauer nicht. Trauerforscher/innen warnen sogar: Wer erwartet, solche Stufen durchlaufen zu müssen, kann sich falsch fühlen, wenn es bei ihm anders ist. (Stroebe, Schut, Boerner)
- Die Psychologists for Future bieten Unterstützung für Menschen, die sich wegen der Klimakrise hilflos und überfordert fühlen – und für Engagierte, die nicht ausbrennen wollen. (Psychologists/Psychotherapists for Future)
Trauerphasen: ein Modell mit wenig Beleg
Elisabeth Kübler-Ross beschrieb 1969 fünf Phasen: Nicht-wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und Zustimmung. Unsicherheit und Angst gehören nicht zu ihren ursprünglichen fünf Phasen. Die Trauerforscher/innen Margaret Stroebe, Henk Schut und Kathrin Boerner kommen 2017 zu dem Schluss, dass es für die Phasen keine gesicherte empirische Grundlage gibt. Die meisten Menschen trauern nicht in Stufen.
Der Psychologe George Bonanno hat gezeigt, dass viele Menschen nach schweren Verlusten erstaunlich widerstandsfähig sind: Sie bleiben weitgehend stabil, statt eine lange Krise zu durchlaufen. Für unseren Umgang mit der Klimakrise heißt das: Verleugnung, Wut, Verhandeln und Annahme sind bekannte Reaktionen – aber kein Fahrplan, den alle abarbeiten müssen. Viele können direkt ins Handeln kommen.
Quellen: Stroebe, Schut, Boerner · Bonanno