Irrationalität ist keine Weisheit
Bei unserer Auseinandersetzung mit den Themen dieser Webseite begegnen wir immer wieder Aussagen, deren Rationalität wir nicht mehr erkennen können. Gerade im Zusammenhang mit Covid-19 gediehen Verschwörungstheorien aller Arten. Aber auch die schlichte Weigerung, die wissenschaftlichen Hauptfakten zum Klimawandel anzuerkennen, lässt schon einiges an Rationalität vermissen.
Irrationalität, die auf unvollständigen oder schwer fehlerhaften Modellen der Wirklichkeit beruht; Irrationalität, die Schlüsse zieht, ohne ein Mindestmaß an Evidenz als Grundlage zu haben; Irrationalität, die elementare Logik außer Acht lässt: Eine solche Irrationalität darf sich nicht einfach darauf berufen, dass Rationalität an sich begrenzt ist, weil sie immer nur Modelle der Wirklichkeit hervorbringen kann, die nie die Wirklichkeit selbst sind.
Irrationalität beruft sich oft auf so etwas wie Bauchgefühl, manchmal ein trotziges Bauchgefühl: ich will das nicht anerkennen, weil ich halt nicht will. Dadurch dass Rationalität begrenzt ist, wird Irrationalität nicht besser. Ich kann sagen: „diese und jene Schlüsse, die durch sorgfältiges Denken gewonnen werden können, widerstreben mir“. Aber solange ich selbst keine bessere Schlussfolgerung ziehen kann, die auf zusätzlichen Fakten beruhen, oder einem noch gründlicheren Nachdenken, solange werde ich wohl gezwungen sein, die Schlussfolgerungen vernünftigen Denkens anzuerkennen – immer vorausgesetzt dass ich mich selbst als vernünftig bezeichnen möchte.
Was aber durchaus einen Platz hat, ist die Intuition. Durch sie wird vorbewusstes Wissen verknüpft und verfügbar. Wir intuieren, ohne für das, was uns die Intuition sagt, bereits „vernünftige“ oder logische Belege bringen zu können. Eine solche Intuition ist eine Einladung, weiterzuforschen, weitere Fakten zu suchen und zu fragen, welches Modell der Wirklichkeit am angemessensten ist.
Irrationalität darf sich auch nicht auf das Transrationale berufen. Es gibt das Unaussprechliche, das Mystische (Wittgenstein). Es gibt eine Wirklichkeit, die jenseits von Worten ist. Doch das Transrationale wird in tiefen spirituellen Erfahrungen erkannt. Es zeigt sich nicht in erfundenen Gedanken, sondern als Erfahrung, die so klar sein kann, wie die Hand vor Augen. Nur, dass der/die Erfahrende diese Erfahrung kaum benennen kann, weil sie sich nicht als Modell vermitteln lässt (man muss den Tee trinken, um zu wissen, wie er schmeckt). Diese transrationale spirituelle Erfahrung ist alles andere, als irrationale, pseudo-kognitive Fantasterei. Sie ist gerade nicht spekulativ, sondern lässt alles, was wir wissen können, in einem neuen Licht erscheinen.
Ein tieferer Blick auf WAHR oder FALSCH: Grundlagen der LOGIK
Mir begegnen immer wieder Menschen, die einer faktenbasierten Argumentation misstrauen. Sie sagen etwa: auch wenn Du geschickt argumentieren kannst – mein Bauchgefühl sagt mir etwas anderes.
Und tatsächlich sind alle begrifflichen Beschreibungen immer nur Bezeichnungen für Modelle der Wirklichkeit, nie die Realität selbst. (Mehr zum Thema der subjektiven Konstruktion der Wirklichkeit findest Du hier).
Aber auch, wenn wir uns streng an Fakten halten, brauchen wir eine Methode, um aus diesen Schlüsse zu ziehen: Die Logik.
Die meisten Menschen würden immer noch der aristotelischen Logik zustimmen, die sagt: jeder Aussagesatz ist entweder wahr oder falsch (Satz vom ausgeschlossenen Dritten). Wenn ein Aussagesatz wahr ist, dann kann seine Negation nicht ebenfalls wahr sein (Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch).
Auch wenn sich das so einfach und klar anhört – bei manchen Menschen bleibt da ein schales Empfinden, dass da was nicht stimmt. Und tatsächlich hat sich die Logik weiterentwickelt:
Die sogenannte Relevanzlogik (Alan Anderson, Nuel Belnap) und die mit ihr verwandte vierwertige Logik FDE (Nuel Belnap, J. Michael Dunn) besagen: (Quelle)
Wenn ein Bedingungssatz (…wenn A, dann B,…) wahr ist, dann muss es einen Zusammenhang zwischen A und B geben.
Ein Satz kann entweder
- wahr (w)
- falsch (f)
- weder wahr, noch falsch (n – hier gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten nicht)
- wahr und falsch zugleich (b = beides – hier gilt der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch nicht)
sein. Die sogenannte FDE-Logik ist natürlich etwas für spezialisierte Philosophen (links dazu hier). Dargestellt wird diese Logik als sog. Diamant-Verband.
Was dabei besonders spannend ist, ist die Tatsache, dass es diese Logik schon seit mindestens 2500 Jahren gibt: Es ist die im alten Indien verbreitete Lehre von Catuskoti, den 4 Punkten. Und dementsprechend steht in der Mitte der rechten Diamant-Grafik ein L. Dieses L steht für Leere. Diese „Leere“ sollte aber nicht in der europäischen Form als Nichts (nix) verstanden werden, sondern eher in der spirituellen Form, als Leerheit, Sunyata.
Gemeint ist mit diesem L also das Unsagbare. Das Sprechen über das Unsagbare ist in der aristotelischen Logik unmöglich – nicht jedoch in der 4wertigen Logik, da diese ja die Möglichkeit anerkennt, dass etwas sowohl wahr als auch falsch oder weder wahr noch falsch ist; Graham Priest ergänzt für das Unsagbare sogar eine fünfte Möglichkeit. (Quelle)
Die Grafik ist hier nicht mehr abgebildet (Bildrechte), sie steht bei der Quelle. Quelle: Dieser kurze Ausflug in die Logik ist meine Kurzfassung eines Artikels des Philosophen Graham Priest, „Gibt es mehr als nur wahr oder falsch?“ in ZEIT ONLINE, 13.6.2020
Bedeutet das nun Beliebigkeit der Argumentation? Ich meine nicht. Wer z.B. sagt, dass etwas weder wahr, noch falsch ist, sollte dafür eine gute Begründung anführen. Als Begründung könnte man z.B. subjektive, persönliche Erfahrungen gelten lassen, nicht aber einfache Behauptungen.
Bauchgefühl: Wann es klug ist – und wann nicht
Die Psychologie streitet seit Jahrzehnten über die Intuition. Inzwischen gibt es eine recht klare Antwort, wann die Intuition taugt.
- Daniel Kahneman (Denkfehler) und Gary Klein (Expertenintuition) haben gemeinsam Regeln formuliert: Intuition ist dann gut, wenn die Umwelt regelmäßig genug ist und die Person die Chance hatte, diese Regeln durch Übung und Rückmeldung zu lernen. (Kahneman & Klein)
- Ein sicheres Gefühl ist kein Beleg: Wie überzeugt wir uns fühlen, sagt wenig darüber, ob wir richtig liegen. (Kahneman & Klein)
- Gerd Gigerenzer hält dagegen: Einfache Faustregeln (Heuristiken) sind oft keine Denkfehler, sondern klug – besonders bei Unsicherheit. Ob eine Faustregel taugt, hängt von der Umwelt ab („ökologische Rationalität“). (Gigerenzer & Gaissmaier)
Kahneman gegen Gigerenzer: der Streit um die Intuition
Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman unterschied zwei Denkweisen: ein schnelles, intuitives „System 1“ und ein langsames, prüfendes „System 2“. Seine Forschung zeigte viele typische Denkfehler des schnellen Denkens. Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer widerspricht: Einfache Faustregeln sind oft klug, gerade wenn Informationen fehlen. Manchmal treffen sie sogar bessere Vorhersagen als komplizierte Berechnungen.
Beide Seiten haben recht – unter verschiedenen Bedingungen. Kahneman und der Intuitionsforscher Gary Klein fanden 2009 gemeinsame Regeln: Intuition verdient Vertrauen, wenn die Umgebung regelmäßig ist und die Person viel Übung mit schneller Rückmeldung hatte. Beim Klima trifft beides nicht zu: Es ändert sich langsam, weltweit und für die Einzelne/den Einzelnen kaum spürbar. Hier ist das Bauchgefühl ein schlechter Ratgeber, und sorgfältig geprüftes Wissen ist nötig.
Quellen: Kahneman & Klein · Gigerenzer & Gaissmaier
Vier Ecken – und eine fünfte: Graham Priest und die Logik des Unsagbaren
Der Philosoph Graham Priest erklärt die alte indische Lehre der Catuskoti („vier Ecken“): Eine Aussage kann wahr sein, falsch, beides oder keines von beiden. Eine moderne Logik mit genau diesen vier Werten heißt FDE („First Degree Entailment“). Der US-Logiker Nuel Belnap hielt sie für sinnvoll, etwa für Datenbanken, die widersprüchliche oder lückenhafte Angaben enthalten.
Für das Unsagbare geht Priest noch einen Schritt weiter. Die buddhistische Letzte Wirklichkeit lässt sich nach Nagarjuna mit keiner der vier Möglichkeiten beschreiben – sie ist unsagbar. Priest ergänzt dafür eine fünfte Möglichkeit. Das „L“ für Leere in der Mitte der Grafik entspricht dieser fünften Ecke. Wichtig: Diese Logiken erlauben Widersprüche nur in genau begrenzten Fällen. Beliebig wird das Denken dadurch nicht.