Was ist dieses Ich?
Das bewusste Ich kann als der Schnittpunkt unserer Sozialisation, unserer Lernerfahrungen und Konditionierungen, unserer genetischen Ausstattung, unserer Gedanken, Emotionen, Überzeugungen usw. verstanden werden.
Ausgehend von den Bedingungen unseres Lebens (von der Zeugung und der genetischen Ausstattung, über alle Erfahrungen dieses Organismus, der wir sind – bis jetzt), erzeugt unser neuronales System einen Bewusstseins-Film.
Das Ich ist die Hauptperson um die sich in diesem Film buchstäblich alles dreht, denn wir erleben uns ja als Mittelpunkt unserer Welt (wie alle anderen rund 8,2 (Quelle) Milliarden Menschen auch). Der Film aber ist eine Konstruktion, ein Modell der Wirklichkeit, das von unserem neuronalen System erzeugt wird. Dieses Film-Konstrukt korreliert mit der Wirklichkeit, aber die Wirklichkeit selbst, die Realität „an sich“ können wir mit dem Alltagsbewusstsein nicht erkennen.
Das Ich („I“) ist verbunden mit dem „Me“, dem sozialen Ich, das uns von anderen gespiegelt wird. Im Schnittpunkt all dessen identifizieren wir uns als der oder diejenige, die wir sind. Dieses Ich ist dann aber auch das Ich, die Person. Dahinter steht nicht noch mal ein anderes, wahres Ich, sondern nur Vor- und Unbewusstes, die Vorläufer-Prozesse des Bewussten. Was wir sind, ist eher als Prozess zu beschreiben, denn als etwas Feststehendes. Wir sind der Prozess, in dem sich grundlegende Gesetzmäßigkeiten des Lebens vollziehen und dabei sich wandelnde personale Strukturen hervorbringt.
Alles, was wir sind, entsteht aus Bedingungen, die diesen Prozess hervorbringen. Das, was wir als Ich erfahren, ist etwas abhängiges. Dieses abhängige Ich steht in einem Wechselspiel mit seiner Umwelt, die durch die Einwirkung des Ich (der Person) verändert wird – und als veränderte Umwelt wieder auf die Ich-Person einwirkt – ein Wechselwirkungs-Kreislauf entsteht, der sich unser ganzes individuelles Leben hindurch entfaltet.
Der Begriff des Selbst hingegen meint – in einem spirituellen Sinn – noch etwas anderes: unsere wahre Natur, die grundlegende Natur unseres Seins, die erfahrbar wird, wenn wir alle Identifikationen weglassen. Man könnte sagen: es gibt kein „wahres Ich“, aber es gibt ein „wahres Selbst“. Dieses Selbst aber ist transpersonaler Natur.
Menschen, die eine tiefe spirituelle Erfahrung machen, drücken diese oft als „Leerheit“ aus. Im Sanskrit wird es als Sunyata ausgedrückt.
Aber auch dieses Wort ist irreführend, wie alle Begriffe nicht zur Beschreibung der fundamentalen Wirklichkeit taugen, weil ein Begriff nie die Wirklichkeit selbst ist, auf die er zeigt.
Auch wenn uns eine solche tiefe Erfahrung noch nicht zuteilgeworden sein mag, so können wir doch eine große Freude empfinden, wenn wir unser Bild von der Wirklichkeit erweitern, indem wir anerkennen, dass wir mit allen Wesen zutiefst verwandt sind. Den es ist das EINE LEBEN, das sich in allem vollzieht. Die Lebendigkeit in uns ist die gleiche Lebendigkeit, wie die aller Lebewesen. Diese Sicht ermöglicht uns mehr Mitgefühl – und Mitgefühl ist eine Erfahrung der Verbundenheit.
Wenn nun dieses Ich vollständig von Bedingungen abhängt, die nicht Ich sind, können wir dann auf irgendetwas stolz sein, etwas als Eigentum haben, ja gar etwas ausbeuten zu unserem individuellen Nutzen? Es gehört zu den Eigenheiten unseres Ich-Films, dass wir den Eindruck haben, auf etwas stolz sein zu können, etwa auf Eigenschaften wie Schönheit, Kraft oder Intelligenz – obwohl uns ja alles geschenkt ist, was es dazu braucht. Dieses „stolz-sein“ ist nichts anderes als ein Belohnungsmechanismus, der sich in unserer evolutionären Steinzeit als Überlebensvorteil erwiesen hat. Aber das bedeutet nicht, dass das Ich der Urheber unserer Schönheit, Kraft, Intelligenz wären (und umgekehrt auch nicht der Schuldige für alles, was wir vermissen), das ist eine Illusion. Natürlich muss sich jeder Organismus als Träger des Lebens darum kümmern, dass seine organismischen Bedürfnisse erfüllt werden. Dabei wird er das Leben anderer Wesen beeinflussen, ja er muss sich sogar von ihnen ernähren (auch Pflanzen sind ja Lebewesen). Aber wenn eine Spezies anfängt, dabei ihre Lebensgrundlagen zu zerstören, weil Teile der Population über das, was sie benötigen, weit hinausgehen und die Ressourcen aller anderen Organismen so beschneiden, dass diese nicht mehr überleben können – dann wird diese Spezies nicht überleben können. Genau dies droht derzeit das Schicksal der Menschheit zu werden.
Der im Westen hoch gehandelte Begriff des Individuums zeigt nur eine Seite unserer Wirklichkeit, nämlich die des Person-Seins. Aber dieses Personsein ist eingebunden und in einem umfassenden Sinn abhängig von anderen Einflüssen und Gegebenheiten. Der Aspekt des eingebunden- und eingewoben-seins geht in dem Begriff Individuum verloren. Deshalb ist der Individualismus eine zu einseitige Beschreibung der Wirklichkeit unseres menschlichen Daseins.
Der westliche Ego-Individualismus nach dem Motto: „Jeder macht, was er will. Koste es, was es wolle“ – diese Form des Individualismus ist ein Irrweg. Es ist ein grandioses Missverständnis dessen, was wir sind, was wir brauchen und was unsere Mitwelt von uns braucht.
Leider arbeitet sich auch die westliche Psychotherapie überwiegend an der Optimierung des Ich ab und findet nicht den Weg zum Selbst. Natürlich brauchen wir ein gesundes Ich. Aber wirklich gesund ist dieses Ich dann, wenn es sich als (mit seinen Mitwesen und allem Seienden) verbundenes Ich erkennen kann und nicht nur als isoliertes IndiEgoUm.
All dies ist natürlich wiederum nur eine abstrakte, begriffliche Konstruktion der Wirklichkeit. Lasst uns daher der Spur folgen, die uns der alte Zenmeister Dajo Kokushi gezeigt hat:
Daio Kokushi: Über Zen
Es gibt eine Wirklichkeit, die vor Himmel und Erde steht.
Sie hat keine Form, geschweige denn einen Namen.
Augen können sie nicht sehen.
Lautlos ist sie, nicht wahrnehmbar für Ohren.
Sie Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur,
wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann.
Nicht Geist, noch Buddha ist sie;
Vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise.
Nur dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar.
Das Dharma ist sie und wirklich jenseits von Form und Klang.
Das Tao ist sie und Worte haben nichts mit ihr zu tun.
In der Absicht, Blinde anzuziehen,
ließ Buddha seinem goldenen Munde
spielerische Worte entspringen;
seitdem sind Himmel und Erde überwuchert
mit dichtem Dornengebüsch.
O meine lieben und ehrenwerten Freunde,
die ihr hier versammelt seid:
Wenn ihr euch danach sehnt,
die donnernde Stimme des Dharma zu hören,
gebt eure Worte auf,
entleert eure Gedanken,
dann kommt ihr soweit,
das eine Sein zu erkennen.
(Daio Kokushi, um 1300 n. Chr.)
Das Selbstmodell: Metzinger und die Bewusstseinskultur
Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger vertritt seit Langem eine ähnliche Sicht: Es gibt kein festes Selbst als Ding. Das Gehirn erzeugt ein „Selbstmodell“, das wir nicht als Modell erkennen – deshalb erleben wir es als unser Ich. Diese Position ist in der Philosophie stark beachtet, aber nicht unumstritten.
In seinem Buch „Bewusstseinskultur“ (2023) verbindet Metzinger diese Sicht mit der Klimakrise. Er fordert intellektuelle Redlichkeit (sich nicht selbst belügen), Mitgefühl und eine säkulare Spiritualität ohne Gurus und Dogmen. Meditation sieht er als Übung in innerer Wahrhaftigkeit. Das Wachstumsmodell, angetrieben von Gier, Neid und Dominanzstreben, führe in die Katastrophe. Wir bräuchten ein neues kulturelles Leitbild.
Quellen: Perlentaucher