Sally Kohn: Was wir gegen die Kultur des Hasses tun können.
Sally Kohn macht uns in Ihrem Vortrag deutlich, wie sehr Hass in uns und in unserer Kultur verwurzelt ist. Sie tut dies an einem sehr persönlichen Beispiel (das mich auf erschreckende Weise an eine ganz ähnliche Situation in meinem eigenen Leben erinnert). Die meisten von uns unterschätzen, wie sehr Hass in der Welt und in uns selbst verbreitet ist.
Aber Kohn zeigt auch – am Beispiel eines ehemaligen Terroristen – dass es möglich ist, den Hass umzuwandeln. Was können wir dafür tun?
- Der erste Weg ist: Integration verschiedener Kulturen, Schichten, am Besten schon im Kindergarten. Wir müssen für Begegnungen sorgen. Wenn wir einander als individuelle Personen begegnen, wird es unwahrscheinlicher, dass wir einander nur als Gruppen sehen, als „die anderen“, die man für weniger wertvoll halten und abwerten kann.
- Der zweite Weg, ist die Art, wie wir miteinander sprechen. Ich glaube, die Gewaltfreie Kommunikation ist ein sehr guter Ansatz dafür.
Wie ich selbst soziale Verzweiflung in Hass verwandelt habe …
Was Sally Cohn hier berichtet, kann ich aus meiner eigenen Erfahrung leider nur bestätigen. Ich selbst (GM) war als Schüler, mit vielleicht 10 Jahren, einer der unbeliebtesten in der Klasse. Ich verstand es nicht, wie ich sozial an meine gleichaltrigen Mitschülerinnen und Mitschüler andocken konnte. Die Meinungsführer in der Klasse hänselten mich ständig. Es gab aber einen Jungen , der ebenfalls weit abgeschlagen stand und auf dem jeder rumtrampelte. Und auf disen Jungen projizierte ich damals meine gesamte Wut und Verzweiflung. Wie mit einem Laserstrahl richtete ich alle Verzweiflung, in Wut verwandelt, auf diesen Jungen. Ich war mir der Dynamik dieses Geschehens natürlich überhaupt nicht bewusst, erst viele Jahre später verstand ich, was da passiert war . Es tut mir heute leid, dass ich damals so gehandelt habe und ich hoffe in meinem Herzen seither sehr, dass das Leben von diesem Jungen sich trotz der damaligen, sehr negativen Erfahrungen positiv weiterentwickelt hat.
Ich erzähle das, weil ich glaube, dass der Hass der heute den verschiedensten Randgruppen gegenüber gebracht wird, aus sozialer Deklassierung motiviert ist: aus Frustration über eine randständige soziale Stellung, aus Ärger über erfahrene Abwertung, aus Verzweiflung über mangelnde Handlungsmöglichkeiten, um das eigene Leben positiv weiterzuentwickeln. Diese negativen Erfahrungen und Gefühle treffen meist diejenigen, die sich am wenigsten wehren können. Paradoxerweise werden diejenigen, die viel eher ursächlich sind für die erlebten Missstände, viel weniger angegriffen. Denn mit deren Status will man sich ja identifizieren, da will man ja hin. Auch ich konnte damals meinen Hass nicht auf die richten, die mich tatsächlich verletzten. Letztendlich geschieht hier eine Identifikation mit dem Aggressor, gerichtet gegen fast beliebig austauschbare Schwache. Es ist nicht angenehm, sich das klar zu machen.
Wenn ich mir heute AfD-Reden anhöre und überhaupt die Art, wie über bedürftige Menschen und vor allem Geflüchtete und Migranten gesprochen wird, dann erkenne ich genau diese Mechanismen. Vielleicht hilft es, wenn wir ein Bewusstsein dafür schaffen, was unsere Bedürfnisse sind und was uns wirklich daran hindert, diese zu befriedigen.
Campact hat im Juli 2019 eine Kampagne gegen Hate Speech im Internet durchgeführt. Unter diesem Link findest Du weitere Informationen zum Ausmaß des Problems und was man dagegen tun kann.
Übrigens: Auch diese Webseite ist ja nicht unproblematisch, was den Blick auf und die Einstellung zu „den anderen“ angeht. Die anderen, das sind in unserem Fall
- Politiker, die schlechte oder keine Entscheidungen treffen,
- Reiche, die alles tun, um den Status quo zu erhalten,
- AfD-Anhänger, die den Klimawandel leugnen usw. usw.
Umgekehrt werden möglicherweise viele, die sich mit diese Seite beschäftigen und ganz andere Auffassungen vertreten, Ärger und Ablehnung spüren.
Als Autor dieser Texte ist es für mich eine große Herausforderung, nicht auf die Schiene von Abgrenzung und Abwertung zu geraten, sondern eine einladende Haltung zu entwickeln, die offen ist für Dialog. Und wie Du vielleicht merkst, wenn Du die Texte liest – es ist mir noch nicht so richtig gelungen.

