Ursachen für Flucht und situativ erzwungene Auswanderung

Ursachen für Flucht und situativ erzwungene Auswanderung

Wie die Auslagerung der EU-Außengrenzen Niger politisch und sozial destabilisiert

Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Seit dem Militärputsch 2023 haben sich Gewalt, Hunger und Vertreibung verschärft – und Niger ist wieder ein offenes Transitland nach Libyen und Algerien.

  • Im Juli 2023 hat das Militär die Macht übernommen. Seitdem hat sich die Lage der Menschenrechte stark verschlechtert. Der gewählte Präsident Mohamed Bazoum und seine Frau sind weiter willkürlich in Haft. Medien werden eingeschränkt, Journalisten/innen bedroht und festgenommen. (Human Rights Watch: World Report 2026 – Niger (Ereignisse 2025))
  • Bewaffnete Gruppen greifen besonders in der Region Tillabéri Dörfer und Moscheen an. Bei einem Angriff des „Islamischen Staats Sahel“ auf eine Moschee in Fambita starben im März 2025 mindestens 46 Menschen beim Gebet. (Human Rights Watch: World Report 2026 – Niger)
  • Ende September 2026 lebten in Niger rund 548.000 Binnenvertriebene und gut 500.000 Flüchtlinge und Asylsuchende. (UNHCR Operational Data Portal: Niger (Stand 30.09.2026))
  • Etwa 2,4 Millionen Menschen in Niger haben nicht sicher genug zu essen. Rund 1,2 Millionen Kinder sind mangelernährt. Jedes Jahr gehen fast 100.000 Hektar fruchtbares Land verloren. Ab Mai 2025 hat das Welternährungsprogramm die Hilfe für über 600.000 Menschen eingestellt. (WFP: Niger (Länderseite))
  • Ende 2023 hat die Militärregierung das Gesetz 2015-36 gegen Schleusung aufgehoben. Die EU hatte das Gesetz mit viel Geld gefördert. Es hatte die Migration nicht gestoppt, sondern auf gefährlichere Wüstenwege umgelenkt. Seit der Aufhebung ist das Fahren von Migranten/innen durch Agadez wieder legal und für viele ein Einkommen. (Al Jazeera: Agadez – Nigers Tor zur Sahara (12.04.2024))
  • Die Route führt auch zurück: Algerien schiebt Menschen in großer Zahl nach Niger ab, oft mitten in die Wüste. Die Hilfsorganisation Alarme Phone Sahara zählte 2025 mindestens 34.236 Abgeschobene. Viele kommen verletzt an, darunter Frauen und Kinder. (Alarme Phone Sahara / civilmrcc: Bericht zu Abschiebungen aus Algerien 2025)

Landwirtschaft im Senegal: Ein Kampf gegen Wüste und ausländische Investoren

Vor Senegals Küste werden die Fischbestände knapp, und der Staat steckt in einer Schuldenkrise. Viele Menschen wagen die gefährliche Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln.

Warum flüchten Menschen aus Nigeria?

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Im Norden überlagern sich islamistischer Terror, Banditen, Konflikte um Land und eine Rekord-Hungerkrise.

Äthiopien – Dürre, Hunger, Ernteausfälle

Der Krieg in Tigray endete 2022 mit einem Waffenstillstand, doch in Amhara und Oromia wird weiter gekämpft. Dürren und Überschwemmungen zerstören Ernten. Gleichzeitig nimmt Äthiopien selbst über eine Million Flüchtlinge auf.

  • In der Region Amhara kämpft die Armee gegen die Fano-Miliz. Beide Seiten begehen laut Human Rights Watch Kriegsverbrechen. Bei einem Drohnenangriff in Ost-Gojjam starben im Februar 2025 16 Menschen, darunter Kinder. (Human Rights Watch: World Report 2026 – Ethiopia (Ereignisse 2025))
  • Trotz des Waffenstillstands von 2022 werden Menschen aus Tigray weiter aus West-Tigray vertrieben. In Oromia kämpfen Regierungstruppen gegen die Oromo-Befreiungsarmee; auch dort sterben Zivilisten/innen. (Human Rights Watch: World Report 2026 – Ethiopia)
  • Im Dezember 2025 waren 4,7 Millionen Menschen innerhalb Äthiopiens auf der Flucht. 20 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. (UNO-Flüchtlingshilfe: Äthiopien (Stand Juli 2026))
  • Wiederkehrende Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse zerstören Ernten. Nahrungsmangel führt zu großen Fluchtbewegungen. (UNO-Flüchtlingshilfe: Äthiopien)
  • Äthiopien ist auch ein großes Aufnahmeland: Mehr als eine Million Flüchtlinge und Asylsuchende leben dort, über 70.000 davon in der Hauptstadt Addis Abeba. (UNO-Flüchtlingshilfe: Äthiopien)
  • Viele Äthiopier/innen versuchen, auf der „Ostroute“ übers Meer in den Jemen zu gelangen. Im August 2025 kenterte vor dem Jemen ein Boot: 56 Tote, 132 Vermisste, die meisten aus Äthiopien. 2025 zählte die IOM bis dahin schon über 350 Tote und Vermisste auf dieser Route. (UN News: Migrant boat tragedy off Yemen (August 2025))
  • Äthiopien hat den Hunger trotzdem stark verringert: Sein Wert im Welthunger-Index sank von 53,0 (2000) auf 24,1 (2026). (Welthunger-Index 2026)
Äthiopien: schnelles Wachstum, aber zu wenige Jobs

Äthiopien gehört zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Afrikas (9,2 Prozent im Haushaltsjahr 2024/25). Trotzdem ist es eines der ärmsten Länder: Die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt bei 979 US-Dollar. Die Weltbank erklärt, warum: Das staatlich gelenkte Modell brachte Straßen, Wasser und Strom, aber es schuf zu wenige produktive Arbeitsplätze für die 1,8 Millionen jungen Menschen, die jedes Jahr Arbeit suchen. 70 Prozent der Erwerbstätigen hängen von der Landwirtschaft ab.

Krieg in Tigray, Dürren und hohe Schulden führten 2023 zur Zahlungsunfähigkeit. Der Tigray-Konflikt vertrieb 3 Millionen Menschen. Das zeigt: Wachstum allein reicht nicht – Frieden, Arbeit und Schutz vor Klimaschocks gehören dazu.

Quellen: Weltbank · Weltbank

Nahrungsmittelspenden oder Bargeld? Was die Forschung zeigt

Nahrungsmittelspenden von außen können die Preise für einheimische Lebensmittel drücken. Eine Alternative ist Bargeld: Menschen kaufen damit auf lokalen Märkten ein, und das Geld bleibt in der Region. Eine große Studie in Kenia (Econometrica, 2022) hat das genau untersucht. Ergebnis: Die Empfänger/innen konsumierten mehr und bauten Vermögen auf. Auch Nachbarn/innen ohne Geldhilfe und lokale Betriebe profitierten. Jeder Dollar steigerte die Wirtschaftsleistung vor Ort um etwa 2,5 Dollar, und die Preise stiegen kaum.

Einordnung: In echten Hungersnöten, wo es keine Lebensmittel zu kaufen gibt, bleibt Nahrungshilfe nötig. Auch in Nigeria setzt der Staat inzwischen auf digitale Geldtransfers für über 42 Millionen Menschen.

Quellen: Egger u. a. · Weltbank

Warum flüchten Menschen aus Somalia?

In Somalia treffen Dürre, Hunger und der Krieg gegen die Miliz al-Shabab zusammen. Gleichzeitig wird die Hilfe immer knapper.

Fluchtursachen in weiteren Ländern

Afghanistan: Taliban-Herrschaft und Massenrückkehr

Seit 2021 regieren die Taliban. Frauen und Mädchen verlieren immer mehr Rechte, und Millionen Menschen werden aus Iran und Pakistan in ein Land zurückgedrängt, das sie kaum versorgen kann.

DR Kongo: Krieg im Osten

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo wird seit Jahren gekämpft. 2025 hat die Miliz M23 große Städte erobert, und Millionen Menschen sind auf der Flucht.

  • Ende Januar 2025 eroberte die M23-Miliz Goma, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, und rückte danach auf Bukavu vor. Ein Friedensabkommen zwischen der DR Kongo und Ruanda vom 27. Juni 2025 brachte keine Ruhe: Im Dezember 2025 flohen allein in einem Monat mindestens 500.000 Menschen. (UNO-Flüchtlingshilfe: DR Kongo (Stand Juli 2026))
  • Ende 2025 waren rund 6,5 Millionen Kongolesen/innen auf der Flucht, davon 5,3 Millionen im eigenen Land. Mehr als 1,2 Millionen haben in Nachbarländern Schutz gesucht, fast die Hälfte in Uganda. (UNO-Flüchtlingshilfe: DR Kongo)
Eritrea: Flucht vor dem endlosen Nationaldienst

Eritrea ist seit der Unabhängigkeit 1993 eine Diktatur ohne Wahlen. Viele Menschen fliehen vor dem unbefristeten Militär- und Arbeitsdienst und vor willkürlicher Haft.

Irak: Die Folgen des Kriegs und der Wassermangel

Viele Vertriebene im Irak können bis heute nicht in ihre Heimatorte zurück. Dazu kommt ein wachsender Wassermangel.

Jemen: Zehn Jahre Krieg und Hunger

Seit zehn Jahren zählt der Jemen zu den schwersten humanitären Krisen der Welt. Trotzdem suchen dort auch Menschen vom Horn von Afrika Schutz.

Libyen: Gespaltener Staat und Falle für Migranten/innen

Seit dem Sturz Gaddafis 2011 ist Libyen gespalten. Für viele Menschen aus Afrika ist es Transitland Richtung Europa – und ein Ort schwerer Misshandlungen.

Mali: Junta, Dschihadisten und belagerte Hauptstadt

Mali ist das Zentrum der Krise in der Sahelzone. Seit dem Putsch 2021 regiert das Militär, und dschihadistische Gruppen setzen das Land immer stärker unter Druck.

Sudan: Die größte Vertreibungskrise der Welt

Seit April 2023 kämpfen die Armee (SAF) und die Miliz RSF um die Macht. Kein anderes Land hat derzeit so viele Vertriebene und so viele Hungernde.

Syrien: Nach Assad – Rückkehr in ein zerstörtes Land

Nach 14 Jahren Krieg wurde Präsident Assad im Dezember 2024 gestürzt. Seitdem kehren viele Menschen zurück, doch das Land ist zerstört und die Gewalt nicht vorbei.

Weitere Informationen über Fluchtursachen findest Du u.a. auf der Webseite der UNO-Flüchtlingshilfe

Gaza: Waffenruhe vor allem auf dem Papier

Neben dem Sudan und Afghanistan prägt der Gaza-Krieg das Fluchtgeschehen im Nahen Osten.

  • Gaza: Seit dem 10. Oktober 2025 gilt eine Waffenruhe. Sie besteht aber vor allem auf dem Papier: Israel greift weiter an, die Hamas ist nicht entwaffnet. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 mit rund 1.200 Toten wurden laut dpa mehr als 74.000 Palästinenser/innen getötet. (dpa / inFranken)
  • In Gaza ist keines der 36 Krankenhäuser voll funktionsfähig. Viele Menschen leben weiter in Zelten oder zerstörten Häusern. (dpa / inFranken)

Was heißt das für uns? Hinter jeder dieser Zahlen stehen Menschen, deren Zuhause zerstört ist. Humanitäre Hilfe vor Ort ist dringend – und stark unterfinanziert.

Hunger und Krieg: ein Teufelskreis

Der Welthunger-Index 2026 trägt den Titel „Keine Sicherheit ohne Ernährungssicherheit“. Er zeigt: Lang andauernde, heftige Konflikte werfen den Kampf gegen Hunger um Jahrzehnte zurück. Umgekehrt kann Hunger Konflikte verschärfen, weil Menschen um knappe Ressourcen konkurrieren. Auch Kriege weit weg wirken: Der Krieg in der Ukraine hat Lebensmittel und Dünger weltweit verteuert.

Die Vereinten Nationen bestätigen das: In 12 von 13 Hunger-Brennpunkten sind bewaffnete Konflikte die Hauptursache. Am schlimmsten sind 2026 Sudan, Südsudan, Jemen und Palästina. Der Index fordert, Ernährungssicherheit fest in die Sicherheitspolitik einzubauen – nicht nur militärische Bedrohungen zu sehen.

Quellen: Welthunger-Index 2026 · WFP/FAO

Klima als Fluchtursache – und warum es rechtlich keine „Klimaflüchtlinge“ gibt

Viele Beispiele (Senegal, Äthiopien, Somalia) zeigen: Dürren und Wetterextreme verstärken Armut und Konflikte. Laut UNO-Flüchtlingshilfe führten wetterbedingte Katastrophen im letzten Jahrzehnt zu 250 Millionen Binnenvertreibungen. Rund 75 Prozent aller Geflüchteten – etwa 86 Millionen Menschen – leben in Brennpunkten der Klimakrise.

Rechtlich ist das kompliziert: Die Genfer Flüchtlingskonvention schützt nur Menschen, die verfolgt werden – etwa wegen Religion oder politischer Überzeugung. Wer vor Dürre oder Überschwemmung flieht, gilt nicht als Flüchtling. Anders kann es sein, wenn Klimafolgen mit Krieg und Gewalt zusammenwirken. Einige regionale Abkommen in Afrika und Lateinamerika fassen den Begriff weiter.

Quellen: UNO-Flüchtlingshilfe

Abschiebungen nach Afghanistan – und was Rückkehrer/innen dort erwartet

Deutschland schiebt wieder Menschen nach Afghanistan ab – seit Februar 2026 mit Charterflügen direkt nach Kabul, auf Grundlage einer Vereinbarung mit den Taliban. Am 28. Oktober 2026 wurden 40 afghanische Männer nach Kabul geflogen; seit Beginn der Legislaturperiode waren es 303 Männer. Am Wochenende davor demonstrierten Hunderte Menschen an mehreren Flughäfen gegen Abschiebungen.

Viel größer ist die Rückkehr aus den Nachbarländern: Rund 6,04 Millionen Menschen kamen seit 2023 aus Iran und Pakistan zurück. Laut einer IOM-Befragung kann über die Hälfte (54 Prozent) mit ihrem Einkommen die Grundbedürfnisse nicht decken. Frauen und Mädchen sind unter den Taliban von den meisten Grundrechten ausgeschlossen.

Quellen: dpa / inFranken · KabulNow