Humangenetik ermöglicht eine neue Dimension der Ungleichheit

Humangenetik ermöglicht eine neue Dimension der Ungleichheit

Spätestens seit CRISPR haben wir die Möglichkeit, direkt Eingriffe in das menschliche Genom vorzunehmen und die menschliche Keimbahn zu beeinflussen. Es gibt heute die Möglichkeit, Embryonen gezielt genetisch zu verändern. Ein erster Versuch wurde im November 2018 in China bekannt: Der Forscher He Jiankui hatte das Erbgut von Zwillingsmädchen verändert. (Quelle) Berichte dazu findest Du hier:

Bei der Behandlung von Körperzellen ist die Technik schon in der Klinik angekommen: Seit 2024 ist in der EU mit Casgevy die erste Therapie mit der Genschere CRISPR zugelassen. Eingriffe in die Keimbahn gelten international weiterhin als unzulässig. Doch (Quelle) es ist absehbar, dass sie in wenigen Jahren genauso verfügbar sein wird, wie heute Smartphones selbstverständlich sind. Der Versuch, Experimente in diesem Bereich einzuschränken, dürfte zum Scheitern verurteilt sein, weil Wissenschaftler in aller Welt sich um Einschränkungen nicht scheren und sogar mögliche Sanktionen in Kauf nehmen. He Jiankui wurde zwar zu drei Jahren Haft verurteilt – doch inzwischen sammeln US-Start-ups Millionen für die Forschung an vererbbaren Eingriffen ins Erbgut. (Quelle) Außerdem haben Konzerne und Staaten ein Interesse daran, die ersten zu sein, die die entsprechenden Technologien zur Reife gebracht haben .

Was sind die Konsequenzen? Was uns versprochen wird, ist natürlich die Ausrottung von Erbkrankheiten, eine längere Lebensspanne, eine insgesamt größere Resilienz, höhere Intelligenz, Schönheit, Kraft und Ausdauer und so weiter und so fort – die Optimierung des Menschen an sich. Diese Versprechen sind tatsächlich gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen. Bei einzelnen Erbkrankheiten stimmt das schon heute. Bei Eigenschaften wie Intelligenz sagen genetische Tests nach heutigem Wissen dagegen wenig voraus – Firmen werben trotzdem damit. (Quelle)

Das Problem besteht eher darin, dass es nur ein kleiner Teil der Menschheit sein wird, der sich diese neuen Möglichkeiten leisten kann. So, wie die Segnungen moderner Medizin heute nur einem kleinen Teil der Menschheit zugute kommen, so wird es auch mit den genetischen „Optimierungsmöglichkeiten“ sein. Nur ein kleiner Teil der Menschheit wird in der Lage sein, sich das zu leisten.

Dies bedeutet jedoch auf lange Sicht, dass sich die Menschheit teilt, denn die neuen genetischen Eigenschaften werden an die Nachkommen weitervererbt. Wir stehen damit vor einer Zweiteilung der Menschheit in verschiedene Rassen, wobei die Überlegenheit der neuen Rassen gegenüber dem evolutionär-natürlichen Menschen immer weiter zunehmen wird. Homo sapiens und Neandertaler 2.0.

Nun – ist das schlimm? Wenn wir uns ansehen, wie wir heute mit allen Lebewesen umgehen, die weniger Macht und Möglichkeiten haben, als wir – sei es in der industriellen Tierhaltung oder sei es in Bezug auf die Menschen, die in ärmeren Ländern leben – dann können wir nur sagen: Gott steh uns bei. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es eine friedliche und gleichwürdige Koexistenz zwischen neuen und alten Menschenrassen geben wird. Außer, es wird noch ein Gen gefunden, das ethische Verantwortung und Mitgefühl zur Entfaltung bringt, denn auch das ist im Menschen angelegt.

Dies ist nur der erste Auftakt zu einem Kapitel dieses Webportals, das noch in der Tiefe ausgearbeitet, mit Fakten Analysen und Lösungsansätzen ergänzt werden muss. Wir möchten jedoch schon jetzt Eure Aufmerksamkeit darauf lenken, dass dieses Thema für die Zukunft der Menschheit entscheidend sein wird.

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Jennifer Doudna: How CRISPR lets us edit our DNA

TED · Jennifer Doudna · 2015 · 16 Min.

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Paul Knoepfler: The ethical dilemma of designer babies

TED · Paul Knoepfler · 2017 · 18 Min.

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Ellen Jorgensen: What you need to know about CRISPR

TED · Ellen Jorgensen · 2016 · 10 Min.

Vorschaubild zum Video „Juan Enriquez: The age of genetic wonder“

Juan Enriquez: The age of genetic wonder

TED · Juan Enriquez · 2019 · 18 Min.

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Andrea M. Henle: How CRISPR lets you edit DNA

TED · Andrea M. Henle · 2019 · 5 Min.

Vorschaubild zum Video „Paul Root Wolpe: It's time to question bio-engineering“

Paul Root Wolpe: It’s time to question bio-engineering

TED · Paul Root Wolpe · 2011 · 19 Min.

Schau Dir zu diesem Thema auch das folgende Kapitel an: Künstliche Intelligenz und Robotik – eine neue Dimension von (wirtschaftlicher) Macht.

Die Genschere in der Medizin

Die erste CRISPR-Therapie ist zugelassen und wird auch in Deutschland eingesetzt. Sie verändert aber nur Körperzellen – die Änderung wird nicht an Kinder vererbt.

  • Am 9. Februar 2024 hat die EU Casgevy bedingt zugelassen – das erste Medikament auf Basis der Genschere CRISPR. (EMA)
  • Es hilft Menschen ab 12 Jahren mit schwerer Sichelzellkrankheit oder transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie. (EMA)
  • In Deutschland nannte der Hersteller Vertex Kosten von rund 2,2 Millionen Euro pro Patient/in. Der mit den Krankenkassen vereinbarte Preis bleibt geheim. (Deutsches Ärzteblatt)
  • Von 13.653 Menschen mit Beta-Thalassämie in Deutschland kommen nach den Kriterien nur 21 bis 88 für die Therapie in Frage. (Deutsches Ärzteblatt)
  • Im Mai 2026 hat die Berliner Charité den ersten Patienten in Deutschland regulär mit der Genschere behandelt: einen 19-Jährigen mit Beta-Thalassämie. Er braucht keine Bluttransfusionen mehr. (Volksstimme)

Embryonen nach Gen-Werten auswählen: ein neues Geschäft

Schon heute muss niemand Gene verändern, um „optimierte“ Kinder zu versprechen. Firmen untersuchen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung mehrere Embryonen und vergeben Risiko- oder Eigenschafts-Werte. Das kostet viel Geld – und die Wissenschaft dahinter ist umstritten.

  • Die US-Firma Orchid wirbt damit, Embryonen auf über 1.700 Krankheiten zu untersuchen. Dazu gehören auch „genetische Risikowerte“ für Krankheiten wie Alzheimer, Brustkrebs, Schizophrenie und Typ-2-Diabetes. (Orchid)
  • Die US-Firma Heliospect verlangte laut einer Recherche des Guardian bis zu 50.000 Dollar, um 100 Embryonen zu testen – auch auf einen vorhergesagten IQ. (Center for Genetics and Society)
  • Die Firma versprach, durch Auswahl des „klügsten“ Embryos ließe sich der IQ um mehr als sechs Punkte steigern. (Center for Genetics and Society)
  • Die US-Fachgesellschaft für medizinische Genetik (ACMG) empfiehlt solche Polygen-Tests an Embryonen derzeit nicht für die klinische Anwendung. (ACMG)
  • Fachleute kritisieren: Die Risikowerte sagen wenig voraus und funktionieren schlechter für Menschen, die nicht europäischer Herkunft sind. Zusammen mit den Kosten einer künstlichen Befruchtung bleibt der Zugang ungleich. (Scientific American)

Wer zieht die Grenzen? Gesetze und Empfehlungen

Tatsächlich gibt es klare Regeln und Empfehlungen – aber auch Firmen, die sie herausfordern.

  • In Deutschland ist es verboten, die Erbinformation von Keimbahnzellen künstlich zu verändern. Es drohen bis zu fünf Jahre Haft. (§ 5 Embryonenschutzgesetz)
  • Der Deutsche Ethikrat forderte 2019 ein internationales Moratorium. Die Keimbahn hält er aber nicht für grundsätzlich „unantastbar“. (Deutscher Ethikrat)
  • Der Dritte Internationale Gipfel zur Genom-Editierung (London, März 2023) erklärte: Vererbbare Eingriffe sind derzeit nicht akzeptabel. (Royal Society)
  • Die WHO warnt, die Technik dürfe die gesundheitliche Ungleichheit zwischen und innerhalb von Ländern nicht vergrößern. (WHO)
  • Trotzdem planen US-Start-ups Forschung an vererbbarer Genom-Editierung. Die Firma Preventive hat dafür rund 30 Millionen Dollar eingesammelt. Der Genforscher Fjodor Urnov nennt das „gefährlich“ und „fehlgeleitet“. (MIT Technology Review)
Körperzellen oder Keimbahn: der entscheidende Unterschied

Bei der Genom-Editierung gibt es zwei Wege. Bei der somatischen Therapie werden Zellen eines kranken Menschen verändert, etwa Blutstammzellen. Die Änderung wird nicht an Kinder weitergegeben. So funktioniert Casgevy, das seit Februar 2024 in der EU zugelassen ist.

Bei Eingriffen in die Keimbahn werden Embryonen, Ei- oder Samenzellen verändert. Die Änderung wird vererbt. Der internationale Gipfel 2023 hält solche Eingriffe derzeit für nicht akzeptabel. Grundlagenforschung an Embryonen, die nicht zur Fortpflanzung genutzt werden, darf aber weitergehen.

Der Gipfel nennt zugleich die „extrem hohen Kosten“ heutiger Gentherapien „nicht tragbar“ und fordert einen weltweit gerechten Zugang.

Quellen: Royal Society · EMA

Millionen für eine Behandlung: Wer bekommt Gentherapie?

Schon heute sind die neuen Gentherapien extrem teuer. In Deutschland gab der Hersteller im Nutzendossier Kosten von rund 2,2 Millionen Euro pro Patient/in an. Den Preis, den er mit den gesetzlichen Krankenkassen vereinbart hat, hält er geheim.

In Deutschland übernehmen die Krankenkassen die Kosten. Weltweit leben die meisten Menschen mit Sichelzellkrankheit aber in Ländern, deren Gesundheitssysteme solche Preise nicht zahlen können. Darauf zielt die Forderung des Gipfels 2023 nach gerechtem Zugang. Auch die WHO warnt, die Technik dürfe die Ungleichheit zwischen Ländern nicht verschärfen.

Quellen: Deutsches Ärzteblatt · WHO

Polygen-Scores: Was sie können und was nicht

Ein Polygen-Score fasst viele kleine genetische Varianten zu einem Wert zusammen, etwa für das Risiko einer Krankheit. Für einzelne Menschen sagt so ein Wert aber wenig voraus. Außerdem stammen die Daten überwiegend von Menschen europäischer Herkunft; bei anderen funktionieren die Werte schlechter.

Die US-Fachgesellschaft ACMG kam 2024 zu dem Schluss, dass die Auswahl von Embryonen nach solchen Scores (PGT-P) derzeit nicht für die klinische Anwendung empfohlen wird. Trotzdem werben Firmen damit. Heliospect versprach laut Guardian, durch Auswahl unter zehn Embryonen den IQ um mehr als sechs Punkte zu erhöhen – für bis zu 50.000 Dollar.

Das Versprechen „höherer Intelligenz“ ist also nach heutigem Wissen kaum gedeckt. Die Gefahr für mehr Ungleichheit liegt weniger in echten „Super-Menschen“ als darin, dass reiche Eltern teure, unsichere Tests kaufen – und Ungleichheit als „biologisch“ erscheint.

Quellen: ACMG · Scientific American · Center for Genetics and Society

Silicon Valley und das Gen-Baby

Seit 2025 gibt es in den USA mehrere Start-ups, die vererbbare Genom-Editierung erforschen wollen. Die Firma Preventive (Gründer Lucas Harrington) hat rund 30 Millionen Dollar von privaten Geldgebern. Sie will nach eigenen Angaben „gründlich erforschen“, ob solche Eingriffe sicher möglich sind. Weitere Firmen sind Manhattan Genomics (Mitgründerin Cathy Tie) und Bootstrap Bio.

Der Eingriff ist in vielen Ländern verboten, auch in den USA. Der Genforscher Fjodor Urnov (UC Berkeley) warnt: Die Firmen würden „null Gutes und gewaltigen Schaden“ anrichten. Ein Investor nennt die Technik dagegen eine „gesellschaftliche Pflicht“, falls sie sicher sei. Das zeigt: Die Debatte wird heute stark von Kapital getrieben.

Quellen: MIT Technology Review · Deutsches Ärzteblatt

Was aus He Jiankui wurde

Der chinesische Forscher He Jiankui gab im November 2018 bekannt, dass er bei Zwillingsmädchen das Erbgut im Embryo verändert hatte. Die Fachwelt reagierte entsetzt. Er verlor seine Stelle, und ein chinesisches Gericht verurteilte ihn zu drei Jahren Gefängnis.

Der Fall zeigt: Grenzüberschreitungen sind möglich – sie haben aber auch Folgen. Laut Ärzteblatt hatte die Mitgründerin von Manhattan Genomics im Frühjahr 2025 kurz Kontakt zu He; an der Firma ist er nach eigenen Angaben nicht beteiligt.

Quellen: Der Spiegel · Deutsches Ärzteblatt

Videos zum Thema

Vorschaubild zum Video „Heilung oder Horror? Wie die Gen-Schere CRISPR Leben auf unserem Planeten verändert | Doku“

Heilung oder Horror? Wie die Gen-Schere CRISPR Leben auf unserem Planeten verändert | Doku

YouTube · NZZ Format · 2026 · 29 Min.

Die NZZ-Doku zeigt, wie die Genschere CRISPR schon heute Krebstherapien, Schweineorgane für Transplantationen und neue Wege in der Tierzucht möglich macht. Sie fragt: wissenschaftlicher Durchbruch oder gefährliches „Gottspielen“?

Vorschaubild zum Video „Kann man schlechte Gene einfach aussortieren? | Wer nicht fragt, stirbt dumm Reupload | ARTE“

Kann man schlechte Gene einfach aussortieren? | Wer nicht fragt, stirbt dumm Reupload | ARTE

YouTube · ARTEde · 2025 · 3 Min.

Kurzes ARTE-„Schulfernsehen für Erwachsene“: Mit CRISPR/Cas lässt sich menschliche DNA zerschneiden und verändern – mit teils seltsamen Nebenwirkungen.

Vorschaubild zum Video „The ethics of genetic screening and ‘designer babies’ | Studio 2 from WHYY | 4/15/25“

The ethics of genetic screening and ‘designer babies’ | Studio 2 from WHYY | 4/15/25

YouTube · WHYY · 55 Min.

Englischsprachige Gesprächssendung des öffentlichen US-Senders WHYY: Private Firmen bieten Polygen-Tests an Embryonen an und vergeben Risikowerte etwa für Herzkrankheiten oder Schizophrenie. Diskutiert wird die Ethik dahinter.