Achtsamkeit
Die 5 Silas aus dem Buddhismus – in die Neuzeit übertragen von Thich Nhat Hanh
„The Five Mindfulness Trainings represent the Buddhist vision for a global spirituality and ethic.“
Der Zen-Meister Thich Nhat Hanh (1926–2022) (Quelle) hat die 5 Silas – grundlegende ethische Regeln im Buddhismus – in eine Form gebracht, die dem modernen Menschen zugänglich ist und die tatsächlich das Potential hat, für alle Menschen, unabhängig von ihrer (nicht-)konfessionellen Ausrichtung, eine ethische Orientierung zu sein.
Die erste Achtsamkeitsübung: Ehrfurcht vor dem Leben (nicht töten)
Im Bewusstsein des Leidens, das durch die Zerstörung von Leben entsteht, bin ich entschlossen, Mitgefühl und Einsicht in das „Intersein“ zu entwickeln und Wege zu erlernen, das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen und unserer Erde zu schützen. Ich bin entschlossen, nicht zu töten, es nicht zuzulassen, dass andere töten, und keine Form des Tötens zu unterstützen, weder in der Welt noch in meinem Denken oder in meiner Lebensweise. Im Wissen, dass schädliche Handlungen aus Ärger, Angst, Gier und Intoleranz entstehen, die ihrerseits dualistischem und
diskriminierendem Denken entspringen, werde ich mich in Unvoreingenommenheit und Nicht-Festhalten an Ansichten üben, um Gewalt, Fanatismus und Dogmatismus in mir selbst und in der Welt zu transformieren.
Die zweite Achtsamkeitsübung: Wahres Glück (nicht gegebenes nicht nehmen)
Im Bewusstsein des Leidens, das durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Diebstahl und Unterdrückung entsteht, bin ich entschlossen, Großzügigkeit in meinem Denken, Reden und Handeln zu praktizieren. Ich bin entschlossen, nicht zu stehlen und nichts zu besitzen,
was anderen zusteht. Ich werde meine Zeit, Energie und materiellen Mittel mit denen teilen, die sie brauchen. Ich werde mich in tiefem Schauen üben, um zu erkennen, dass das Glück und das Leiden anderer nicht getrennt sind von meinem Glück und meinem Leiden, dass wahres
Glück nur möglich ist mit Verstehen und Mitgefühl und dass es viel Leiden und Verzweiflung bringen kann, hinter Reichtum, Ruhm, Macht und sinnlichem Vergnügen herzujagen. Ich bin mir bewusst, dass Glücklichsein von meiner geistigen Haltung und nicht von äußeren Umständen abhängig ist und dass ich glücklich im gegenwärtigen Augenblick leben kann, indem ich mich daran erinnere, dass ich bereits mehr als genug Bedingungen habe, um glücklich zu sein. Ich bin entschlossen, „Rechten Lebenserwerb“ zu praktizieren, um so dazu beizutragen, das Leiden der Lebewesen auf dieser Erde zu verringern und den Prozess der globalen Erwärmung umzukehren.
Die dritte Achtsamkeitsübung: Wahre Liebe
Im Bewusstsein des Leidens, das durch sexuelles Fehlverhalten entsteht, bin ich ent-schlossen, Verantwortungsgefühl zu entwickeln und Wege zu erlernen, die Sicherheit und Integrität von Individuen, Paaren, Familien und der Gesellschaft zu schützen. Im Wissen, dass sexuelles Verlangen nicht Liebe ist und dass sexuelles Handeln, das durch Begierde motiviert ist, immer sowohl mir als auch anderen schadet, bin ich entschlossen, keine sexuelle Beziehung einzugehen ohne gegenseitiges Einverständnis, wahre Liebe und die Bereitschaft zu einer tiefen, langfristigen und verantwortungsvollen Bindung. (Quelle) Ich werde alles tun, was in
meiner Macht steht, um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen und um zu verhindern, dass Paare oder Familien durch sexuelles Fehlverhalten auseinanderbrechen. In dem Bewusstsein, dass Körper und Geist eins sind, bin ich entschlossen, geeignete Wege zu erlernen, um gut mit meiner sexuellen Energie umzugehen und die vier grundlegenden Elemente wahrer Liebe – liebevolle Güte, Mitgefühl, Freude und Unvoreingenommenheit – zu entwickeln, sodass mein eigenes Glück und das Glück von anderen wachsen kann. Ich erkenne die Vielfalt menschlicher Erfahrungen an und verpflichte mich, keine der verschiedenen Formen von Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung zu diskriminieren. (Quelle) Indem wir wahre Liebe üben, werden wir auf sehr schöne Weise in die Zukunft fortbestehen.
Die vierte Achtsamkeitsübung: Liebevolles Sprechen und tiefes Zuhören
Im Bewusstsein des Leidens, das durch unachtsame Rede und aus der Unfähigkeit, anderen zuzuhören, entsteht, bin ich entschlossen, liebevolles Sprechen und mitfühlendes Zuhören zu üben, um Leiden zu lindern und Versöhnung und Frieden in mir und zwischen anderen Menschen, ethnischen und religiösen Gruppen und Nationen zu fördern. Im Wissen,
dass Worte sowohl Glück als auch Leiden hervorrufen können, bin ich entschlossen, wahrhaftig zu sprechen und Worte zu gebrauchen, die Vertrauen, Freude und Hoffnung wecken. Wenn Ärger in mir aufsteigt, bin ich entschlossen, nicht zu sprechen. Ich werde achtsames Atmen und Gehen praktizieren, um meinen Ärger zu erkennen und tief in seine Wurzeln zu schauen, besonders in meine falschen Wahrnehmungen und mein fehlendes Verständnis für mein eigenes Leiden und das der anderen Person. Ich werde in einer Weise sprechen und zuhören, die mir und dem anderen helfen kann, Leiden zu transformieren und einen Weg aus schwierigen Situationen zu finden. Ich bin entschlossen, keine Nachrichten zu verbreiten, wenn ich nicht sicher bin, dass sie der Wahrheit entsprechen, und Äußerungen zu unterlassen, die Trennung oder Uneinigkeit verursachen können. Ich werde „Rechtes Bemühen“ praktizieren, um meine Fähigkeit zu Liebe, Verstehen, Freude und Unvoreingenommenheit zu nähren und um allmählich Ärger, Gewalt und
Angst, die tief in meinem Bewusstsein liegen, zu verwandeln.
Die fünfte Achtsamkeitsübung: Nahrung und Heilung
Im Bewusstsein des Leidens, das durch unachtsamen Konsum entsteht, bin ich entschlossen, auf körperliche und geistige Gesundheit für mich selbst, meine Familie und meine Gesellschaft zu achten, indem ich achtsames Essen, Trinken und Konsumieren praktiziere. Ich werde mich
darin üben, tief zu schauen, um meinen Konsum und meinen Umgang mit den vier Arten von Nahrung – Essbarem, Sinneseindrücken, Willenskraft und Bewusstsein – zu erkennen. Ich bin entschlossen, weder Alkohol noch Drogen oder andere Dinge zu benutzen, die Gifte enthalten, wie z.B. bestimmte Internetseiten, Glücksspiele, elektronische Spiele, Fernsehsendungen, Filme, Zeitschriften, Bücher oder Gespräche. Ich werde mich darin üben, zum gegenwärtigen Augenblick zurückzukommen, um mit den erfrischenden, heilenden und nährenden Elementen in mir und um mich herum in Berührung zu sein. So lasse ich mich weder von Bedauern und Kummer in die Vergangenheit ziehen noch von Sorgen, Angst oder Begierden aus dem gegenwärtigen Augenblick bringen. Ich bin entschlossen, nicht zu versuchen, Einsamkeit, Angst oder anderes Leiden zu überdecken, indem ich mich im Konsum verliere. Ich werde das
„Intersein“ tief betrachten und auf eine Weise konsumieren, die Frieden, Freude und Wohlergehen sowohl in meinem Körper und Bewusstsein als auch im kollektiven Körper und Bewusstsein meiner Familie, meiner Gesellschaft und unserer Erde bewahrt.
Quelle: Europäisches Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB), Fünf Achtsamkeitsübungen (heutige Fassung).
Auf der Psychologie-Seite findest Du Videos mit geführten Meditationen: Meditation und Achtsamkeit – Freude am Sein. Meditation ist ein Weg, um Achtsamkeit zu kultivieren.
Achtsamkeit: was belegt ist – und was nicht
Achtsamkeitsprogramme wirken. Eine große Metaanalyse von 2018 (142 Stichproben, über 12.000 Teilnehmende) fand, dass sie bei Depression, Schmerzen, Rauchen und Sucht ähnlich gut helfen wie bewährte Therapien.
Für umweltfreundliches Verhalten ist die Lage dünner. Achtsamere Menschen konsumieren im Schnitt etwas nachhaltiger, aber das sind meist Korrelationen. In einem kontrollierten Versuch der Leuphana Universität stieg zwar die Achtsamkeit, der Konsum änderte sich aber nicht. Materialistische Werte nahmen jedoch ab. Der Kritiker Ronald Purser warnt vor „McMindfulness“: Achtsamkeit als Stressbewältigung für den Einzelnen, die von den Ursachen in Wirtschaft und Politik ablenkt. Die Fünf Achtsamkeitsübungen von Thich Nhat Hanh sind dagegen ausdrücklich ethisch und gesellschaftlich gemeint.
Quellen: Mind & Life Institute · Geiger u. a. · Canadian Dimension