Der Klimawandel als narzisstische Kränkung und der Kampf um die „Freiheit“
Der Teufel trägt Öko. „Wenn die Klimawende alternativlos ist, was bleibt uns dann? Kommt die Freiheit an ihr Ende?“ Zeit Online, 4.9.19 von Thomas Assheuer. Konservative befürchten, dass eine ökologische Wende auch mit einer sozialen Wende einhergehen wird: Sozialismus-Alarm! „Wenn die Klimakrise so gewaltig ist, wie die erdrückende Mehrheit der Klimaforscher behauptet, dann hat die Freiheit definitiv keine Wahl mehr, sie muss umsteuern oder, wie einige fordern: Sie muss die Laufrichtung ändern. Freiheit schlägt um in Unfreiheit, denn unter den Bedingungen von Erderwärmung und Artensterben stünde das Ziel allen politischen Handelns immer schon fest, absolut, unverrückbar und für lange Zeit. Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit und reduziert sich darauf, die Folgen früherer Freiheitsentscheidungen zu bekämpfen: Eine Zukunft gibt es nur, wenn es in der Gegenwart gelingt, die Fehler der Vergangenheit zu minimieren. Ist es dann noch Freiheit? Und ist eine alternativlose Politik – noch Politik?“ Aus lauter Angst um den persönlichen Freiheitsbegriff schlägt Assheuer in Anlehnung an den Philosoph Tilo Wesche vor, die Natur mit Eigentumsrechten auszustatten: “ Wenn der Natur ihre Ressourcen gehören, dann folgen daraus Pflichten der Nachhaltigkeit. Jedes fremde Eigentum verpflichtet dazu, dass man es nicht beschädigt oder zerstört. Und da natürliche Ressourcen fremdes Eigentum sind, das ja der Natur gehört, sind Menschen zur nachhaltigen Nutzung verpflichtet.“ Der Trick ist: „Wir wenden den liberalen Fetisch, den Besitzindividualismus, auf die Natur an, um sie genau vor diesem Fetisch zu retten. „Eigentum verpflichtet“ – es verpflichtet dazu, das Eigenrecht der Natur zu achten.„
Mein Kommentar (GM): Der westliche Eigentumsbegriff ist nichts anderes als eine Idee. (Wobei Eigentum etwas anders meint als den unmittelbar genutzten Besitz.) Wir haben uns so sehr an diese Idee des Eigentums gewöhnt, dass wir sie als Naturkonstante betrachten. Aber sie ist nur das: eine Idee, eine Übereinkunft – von der wir uns verabschieden könnten, wenn wir einen höheren Reifegrad in der sozialen, moralischen und spirituellen Entwicklung hätten. Aber den haben wir nicht und deshalb ist die Idee des Eigentums ebenso wie die Idee der individuellen Wahlfreiheit eine feste Ausstattung unserer individualisierten Ego-Konstruktion. Jede Einschränkung erscheint als narzisstische Kränkung.
Auf „Globe and Psyche“ wird das Problem noch umfassender gesehen: Der Klimawandel führt uns in eine Identitätskrise, deren Ursachen in einer verlorenen Verbindung mit unseren eigentlichen Lebensgrundlagen liegen.
Wenn die Freiheit bedroht scheint: Trotz, Abwehr und Identität
Der Begriff „narzisstische Kränkung“ stammt von Sigmund Freud. Die heutige Psychologie beschreibt ähnliche Vorgänge mit Begriffen, die sich besser untersuchen lassen: Reaktanz, Abwehr und Bedrohung der Identität.
- Freud sprach 1917 von drei großen „Kränkungen der Menschheit“: Kopernikus (die Erde ist nicht der Mittelpunkt), Darwin (der Mensch stammt aus der Tierreihe) und die Psychoanalyse (das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus). Die Klimakrise wird heute oft als weitere solche Kränkung gedeutet – als Bild, nicht als Diagnose. (Wikipedia)
- Gut erforscht ist die Reaktanz: Wenn wir unsere Wahlfreiheit bedroht sehen, entsteht ein unangenehmer innerer Druck. Wir wehren uns dann gegen die Botschaft – oft gerade gegen das, was uns nahegelegt wird. Befehlston, Druck und moralische Überlegenheit verstärken diese Reaktion. (Steindl u. a.)
- Die britische Psychoanalytikerin Sally Weintrobe beschreibt eine „Kultur der Gleichgültigkeit“ (culture of uncare): Eine Haltung, die sich zum größten Stück berechtigt fühlt und die Wirklichkeit durch Wunschdenken zurechtbiegt. Sie sieht diese Haltung durch Werbung, Medien und die neoliberale Wirtschaftsordnung gefördert. (Weintrobe)
- Wer sich mit dem bestehenden System stark identifiziert, leugnet Umweltprobleme eher. Diese Abwehr wurde in Experimenten schwächer, wenn Umweltschutz als patriotisch und als Teil des eigenen Systems dargestellt wurde – also als „vom System getragener Wandel“. (Feygina, Jost, Goldsmith)
Abwehr heute: Was aus Freuds Begriffen geworden ist
Freud hat 1917 von den „Kränkungen der Menschheit“ gesprochen: Erst zeigte Kopernikus, dass die Erde nicht im Mittelpunkt steht, dann Darwin, dass der Mensch aus der Tierreihe stammt, schließlich die Psychoanalyse, dass das bewusste Ich nicht alles steuert. „Narzisstische Kränkung“ ist bis heute ein treffendes Bild. Eine Diagnose oder ein messbarer Begriff der Forschung ist es nicht.
Die Klimapsychologie greift die alten Ideen heute auf zwei Wegen auf. Psychoanalytiker/innen wie Sally Weintrobe beschreiben, wie Konsumkultur und Politik uns helfen, unangenehme Wahrheiten abzuspalten („culture of uncare“). Die Soziologin Kari Norgaard zeigt, dass Verdrängung im Alltag gemeinsam organisiert wird: Man redet nicht darüber, um sich und den anderen schlechte Gefühle zu ersparen. Die experimentelle Forschung spricht von Reaktanz (Trotz bei bedrohter Freiheit) und von Systemrechtfertigung: Wer sein Gesellschaftssystem verteidigen will, leugnet eher dessen Schäden. Die gute Nachricht: Wird Klimaschutz als Teil des eigenen Systems und als patriotisch gerahmt, nimmt diese Abwehr ab.
Quellen: Wikipedia · Nature Climate Change · Feygina, Jost, Goldsmith