Stephan Lewandowsky: Die Psychologie zum Klimawandel
Wer ist Stephan Lewandowsky? Er forscht darüber, wie es dazu kommt, dass es eine größere Gruppe von Menschen gibt, die gegen eine überwältigende Faktenlage und gegen einen außergewöhnlich breiten Konsens der Wissenschaft behaupten: den Klimawandel gibt es nicht und wenn, ist er nicht von Menschen herbeigeführt. Hier zunächst einmal der Wikipedia-Artikel zu dem australischen Psychologen, der gegenwärtig an der University of Bristol, UK, einen Lehrstuhl für Kognitionspsychologie innehat. Hier der link zur Homepage von Stephan Lewandowsky.
Hier ein paar zentrale Aussagen von Lewandowsky: Misleading contrarian interpretations (also Stellungnahmen entgegen den Forschungsergebnissen zum Klimawandel, GM) reduce people´s acceptance of climate science (Ranney & Clark, 2016, McCright et al., 2016). Diese Falschaussagen werden überproportional häufig (im Verhältnis zu ihrem Erscheinen in der Wissenschaft) von Medien zititiert (in Deutschland allerdings am wenigsten). Und was kommt dabei raus? In den USA, wo Falschaussagen häufig zitiert werden, sagen 55% der Leute: Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel – was natürlich überhaupt nicht stimmt. Daran hat sich wenig geändert: 2024 wusste nur etwa jede/r fünfte Amerikaner/in (21 Prozent), dass sich fast alle Klimaforscher/innen (über 90 Prozent) einig sind. (Quelle) Mehr als 99 Prozent der Fachartikel zum Klima bestätigen den menschengemachten Klimawandel – so eine Auswertung von über 88.000 Studien aus dem Jahr 2021. Die oft zitierten 97 Prozent stammen aus einer älteren Auswertung von 2013. (Quelle) Und dieses Wissen über den wissenschaftlichen Konsens ist ein „gateway belief“ – entscheidend dafür, dass Menschen sich entscheiden, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Was bedeutet das für die Kommunikation zum Klimawandel? Eine Strategie lautet: Eine Korrektur wissenschaftlicher Falschaussagen ist dann wirksam, wenn man die Leute vorwarnt – „jetzt kommt Misinformation“. Noch besser wirkt es, vorzubeugen, bevor die Falschinformation überhaupt ankommt. Forscher/innen nennen das „Prebunking“ oder „psychologische Impfung“: Kurze Videos, die typische Tricks zeigen – Angstmache, falsche Entweder-oder-Fragen, Sündenböcke, persönliche Angriffe –, machten in Studien mit fast 30.000 Menschen und in einem Feldversuch auf YouTube die Zuschauer/innen messbar besser darin, Manipulation zu erkennen. (Quelle) Hier Lewandowskys Präsentation als PowerPoint.
Gerüchte auszuräumen und falsche Informationen zu korrigieren ist kompliziert. Ein unvorsichtiger Versuch, eine falsche Information zu widerlegen, kann aus Versehen dazu führen, genau das Gerücht zu verstärken, das man eigentlich ausräumen möchte. So stand es im Handbuch von 2011. In der überarbeiteten Fassung von 2020 („Widerlegen, aber richtig 2020“) kommen Lewandowsky und seine Mitautor/innen zu einem beruhigenderen Ergebnis: Solche Bumerang-Effekte sind viel seltener als gedacht. Aus Angst davor sollte niemand auf eine Richtigstellung verzichten. (Quelle) Lewandowsky hat daher ein „DEBUNKING – HANDBOOK“ herausgegeben, das uns dabei hilft: „Widerlegen-aber richtig“ das Du hier über die Links downloaden kannst.
Hier die wichtigsten Strategien: „Um zu vermeiden, dass der Schuss nach hinten losgeht, muss gekonntes Widerlegen drei wesentliche Anforderungen erfüllen. Als Erstes muss sich die Erwiderung auf die wesentlichen Fakten anstatt auf das Gerücht konzentrieren, um zu verhindern, dass sich die Falschinformation verfestigt. Zweitens sollte jeder Erwähnung des Gerüchts eine eindeutige Warnung vorangestellt werden, damit der Leser weiss, dass die nachfolgende Information falsch ist. Zu guter Letzt sollte die Widerlegung eine alternative Erklärung beinhalten, die wesentliche Bestandteile der ursprünglichen Falschinformation aufgreift.“
Wenn man alle verschiedenen Methoden zusammenbringt, erfordert eine wirkungsvolle Widerlegung folgendes:
- Zentrale Fakten – eine Widerlegung muss die Fakten betonen, nicht die Falschinformation. Beschränken Sie sich auf die wichtigsten Fakten, um den BumerangEffekt der Informationsüberladung zu verhindern;
- Eindeutige Warnungen – bevor ein Gerücht überhaupt erwähnt wird, sollte durch Text oder visuelle Hinweise davor gewarnt werden, dass die nachfolgende Information falsch ist;
- Alternative Erklärung – wenn die Widerlegung Lücken hinterläasst, müssen diese wieder gefüllt werden. Dies kann dadurch erreicht werden, dass eine alternative ursächliche Erklärung dafür geliefert wird, warum das Gerücht falsch ist und – wenn gewünscht – warum das Gerücht überhaupt verbreitet wurde;
- Grafiken – wann immer möglich, sollten die Kernaussagen grafisch dargestellt werden.
Der Bumerang-Effekt des Vertrauten – am besten ist es, sich auf die Fakten zu konzentrieren, die man vermitteln möchte
Um ein Gerücht auszuräumen, muss es in vielen Fällen erwähnt werden – wie sollen die Zuhörer oder Leser ansonsten wissen, um was es geht? Dies macht das Gerücht für die Menschen jedoch vertrauter und sie neigen deshalb eher dazu, es für wahr zu halten. … Wie vermeidet man diesen Bumerang-Effekt des Vertrauten? Früher hieß es, man solle das Gerücht beim Widerlegen am besten gar nicht erwähnen. Heute weiß man: Es einmal zu nennen, ist in vielen Fällen unbedenklich. Am besten wirkt diese Reihenfolge: zuerst der Fakt, dann eine Warnung und der Mythos, dann die Erklärung, warum der Mythos falsch ist, und zum Schluss noch einmal der Fakt. (Quelle) Wenn man Fehlinformationen richtigstellen möchte, ist die beste Herangehensweise, sich auf die zu vermittelnden Fakten zu konzentrieren. … Wenn es nicht möglich ist, das Gerücht nicht zu erwähnen … sollte sich die Widerlegung auf die Fakten konzentrieren.
Der Bumerang-Effekt der “Informationsüberladung”: Ein einfaches Gerücht ist kognitiv attraktiver als eine verkomplizierte Korrektur. Am besten ist es, sich auf die Fakten zu konzentrieren, die man vermitteln möchte
Ein Prinzip, das von wissenschaftlichen Autoren oft ignoriert wird, ist ihre Inhalte verständlich zu vermitteln. Dies bedeutet, dass sie einfach zu lesen, einfach zu verstehen und knapp gehalten sein müssen. Leicht zu verarbeitende Informationen werden eher als korrekt akzeptiert. Den Farbkontrast einer gedruckten Schrift zu erhöhen, damit der Text leichter zu lesen ist, kann zum
Beispiel schon dazu führen, dass die Leser die Aussage eher als wahr akzeptieren.
Allgemein wird angenommen, dass man um so erfolgreicher ist, ein Gerücht zu widerlegen, je mehr Gegenargumente man liefert. Es stellt sich aber heraus, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Um Falschinformationen auszuräumen, kann weniger mehr sein. Um den Einfluss von Falschinformationen zu verringern, kann es z. B. erfolgversprechender sein, drei anstatt zwölf Argumente anzuführen. Einen echten Bumerang-Effekt durch zu viele Argumente konnte die Forschung inzwischen allerdings nicht nachweisen – die einzige Studie, die ihn direkt geprüft hat, fand ihn nicht. Kurz und klar zu schreiben, bleibt trotzdem richtig, weil es verständlicher ist. (Quelle) Letzteres kann dazu führen, die ursprüngliche Falschinformation zu
verstärken. Der Bumerang-Effekt der Informationsüberladung tritt auf, weil es anstrengender ist, viele Argumente zu verarbeiten als sich nur mit einigen wenigen zu beschäftigen. Ein einfaches Gerücht ist kognitiv attraktiver als eine verkomplizierte Korrektur.
Die Lösung besteht darin, Inhalte kurz, prägnant und leicht lesbar zu präsentieren. Inhalte
leicht verständlich zu gestalten, bedeutet, jedes zur Verfügung stehende Werkzeug einzusetzen. Verwenden Sie eine einfache Sprache, kurze Sätze, Überschriften und Absätze.
Vermeiden Sie dramatische Sprache und herabwürdigende Kommentare, die Menschen vor den Kopf stoßen. Halten Sie sich an die Fakten. Enden Sie mit einer starken aber leicht verdaulichen
Information, die sich die Leute merken und per Twitter an ihre Freunde weiterschicken. Wissenschaftler haben sich lange an die Prinzipien des Informationsdefizit-Modells gehalten, das darauf aufbaut, dass Menschen fehlerhaften Ansichten anhängen, weil sie nicht alle Informationen haben. Zuviel Information kann jedoch dazu führen, dass der Schuss nach hinten losgeht. Halten Sie sich statt dessen an das “KISS”-Prinzip: “In der Kürze liegt die Würze” [vom Englischen: “keep it simple, stupid”]
Der Weltanschauungs-Bumerang-Effekt: Bei denjenigen, die sehr in ihren Ansichten verfestigt sind, kann das Treffen auf Gegenargumente dazu führen, dass sie ihre Ansichten noch verstärken
Wenn Personen, deren Ansichten sehr fest verwurzelt sind, mit Gegenargumenten konfrontiert werden, kann dies zu einer Verstärkung von diesen Ansichten führen. Das kommt allerdings viel seltener vor als lange angenommen. In fünf Experimenten mit über 10.100 Menschen und 52 politisch umstrittenen Themen fand sich kein einziger solcher Bumerang-Effekt: Die meisten Menschen nahmen Korrekturen an, auch wenn sie ihrer Überzeugung widersprachen. (Quelle) Ein Denkprozess, der zu diesem Effekt beiträgt, ist unsere Tendenz, Informationen auszuwählen, die unsere bereits bestehenden Ansichten untermauern. Der Begriff dafür lautet Bestätigungstendenz. Wenn Fakten eine Person nicht von vorgefertigten Meinungen abbringen können – wenn sie sogar manchmal alles noch schlimmer machen – wie können wir dann überhaupt den Effekt von Falschinformation verringern?
Es gibt zwei Hoffnungsschimmer.
Zum einen ist der Bumerang-Effekt der Weltanschauung bei den Personen am stärksten, die bereits sehr verfestigte Ansichten haben. Deshalb hat man bei denjenigen, die noch keine ganz eindeutige Meinung zu kontrovers diskutierten Themen haben, eine größere Chance, Falschinformationen zu korrigieren. Dies legt den Schluss nahe, dass es mehr bringt, sich
mit Öffentlichkeitsarbeit an die noch unentschlossene Mehrheit zu wenden, anstatt an die nicht
erreichbare Minderheit. Zum anderen können die Informationen so präsentiert werden,
dass die üblichen psychologischen Widerstände verringert werden. Wenn zum Beispiel Informationen, die eine Weltanschauung bedrohen, mit sogenannter Selbstbestätigung
kombiniert werden, sind Menschen eher in der Lage, Pro und Kontra einer Information abzuwägen. Selbstbestätigung kann dadurch erreicht werden, dass man Menschen bittet, ein paar Sätze über einen Zeitpunkt aufzuschreiben, als sie sich gut fühlten, weil sie nach Werten, die ihnen wichtig waren, handelten. Diese Personen waren danach empfänglicher für Informationen,
die ansonsten ihre Weltanschauung gefährden könnten, als Personen, die keine Selbstbestätigung erfahren hatten. Interessanterweise ist dieser Effekt der Selbstbestätigung
bei denen am ausgeprägtesten, bei denen ihre Ideologie zentral für ihr Selbstwertgefühl ist.
Eine andere Möglichkeit, Informationen akzeptierbarer zu machen, ist sie so “einzurahmen”, dass sie weniger bedrohlich für die Weltanschauung der Person sind. Republikaner akzeptieren viel eher ansonsten gleichwertige Kosten, wenn sie als “CO2 Abgabe” anstatt als Steuer bezeichnet werden. Bei Demokraten und Unabhängigen hat die Wortwahl kaum einen Effekt – weil ihre Werte nicht durch das Wort “Steuer” herausgefordert werden.
Eine Lücke mit einer alternativen Erklärung füllen: Wenn man ein Gerücht ausräumt, entsteht bei der Person eine gedankliche Lücke. Um erfolgreich zu sein, muss Ihre Widerlegung diese Lücke füllen
Die Herausforderung liegt darin, dass es sehr schwierig ist, eine bereits im Kopf festgesetzte falsche Information zu entfernen. Dies ist sogar auch dann der Fall, wenn sich die Personen die Korrektur merken und sie akzeptieren. … Wenn wir eine Falschinformation
hören, erstellen wir ein mentales Bild, in dem das Gerücht eine Erklärung liefert. Wenn das Gerücht widerlegt wird, entsteht eine Lücke in unserem mentalen Bild. Um mit diesem Dilemma zurechtzukommen, bevorzugen viele Menschen ein falsches Bild gegenüber einem unvollständigen Bild. Wenn es keine bessere Erklärung gibt, entscheiden sie sich für eine falsche Erklärung. …Der effektivste Weg, den Einfluss von Falschinformationen zu minimieren, ist
eine alternative Erklärung für die Ereignisse zu liefern, die von der Falschinformation abgedeckt wurden. … Damit die Alternative akzeptiert wird, muss sie plausibel sein und alle beobachteten Details des Ereignisses müssen erklärt werden.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die rhetorischen Techniken aufzuzeigen, die für das falsche Informieren eingesetzt wurden. Auch Zweifel an der Zuverlässigkeit der Falschinformations-Quelle können helfen, Gerüchte zu verdrängen. Grafiken sind für das Widerlegen von Falschinformationen effektiver als Text.
Quelle: „Widerlegen-aber richtig“ von Stefan Lewandowsky
Der springende Punkt ist (leider): Was Lewandowski sagt, gilt natürlich auch für uns selbst. Diese Webseite ist der beste Beweis dafür. Wenn mir jemand erzählen will, dass es den Klimawandel gar nicht gibt, dann hole ich alle Fakten hervor, die das Gegenteil beweisen. Und wenn mir jemand sagt, dass die Ungleichheit auf der Welt gerechtfertigt ist, weil XY…, dann tue ich das gleiche. Ich bin überzeugt davon, hier auf der richtigen Spur zu sein und würde diese Meinung auch verteidigen. Es ist also ganz schwer, eigene Meinungen zu überprüfen.
Wir tun dies hier, indem wir immer wieder versuchen, einerseits eine wissenschaftliche Brille aufzusetzen, indem wir und Themen breit recherchieren und – so weit wie möglich – auch auf echte Datenquellen zugreifen. Und wir tun es, indem wir Dich und alle Nutzer dieser Webseite bitten, uns Erkenntnisse mitzuteilen, die unseren Überzeugungen widersprechen, diese korrigieren oder ergänzen.
Und dennoch würde es auch uns extrem schwer fallen, widersprechende Informationen anzunehmen, zu integrieren und möglicherweise sogar unsere Einstellungen zu ändern, wenn Fakten dies nahelegen. Dies ist ein Dilemma, das den Dialog zwischen Menschen sehr stark einschränkt.
Ein Ausweg könnte es sein, den Weg der Gewaltfreien Kommunikation zu gehen, bei dem Empathie eine ganz große Rolle spielt und wir nicht nur auf unsere eigenen Überzeugungen achten, sondern darauf, was die eigentlichen Beweggründe für uns und den/die Dialogpartner*in sind, warum wir dieses oder jenes glauben, oder eben nicht glauben, wollen.
Für den zweiten Punkt – den Bumerang-Effekt der Informationsüberladung“ – ist ausgerechnet unsere Webseite leider ein Paradebeispiel. Bei allem Bemühen, Informationen leicht auffindbar und gut lesbar zu gestalten – gelungen ist das noch nicht. Und die Menge der Information kann überfordernd wirken. Wir werden bei der Weiterentwicklung der Webseite versuchen, verschiedene Ebenen anzubieten – von einfachen, klaren Aussagen über vertiefende Texte bis hin zu komplexen Erklärungen.
Es spielt nicht nur eine Rolle, was Menschen denken, sondern auch, wie sie denken.
Eine häufige Fehleinschätzung über Gerüchte ist die Vermutung, dass man ihren Einfluss eliminieren kann, in dem man den Leuten einfach mehr Informationen an den Kopf wirft. Bei dieser Herangehensweise wird davon ausgegangen, dass falsche Wahrnehmungen in der Bevölkerung durch fehlendes Wissen entstehen und die Lösung deshalb in zusätzlicher Information besteht – in wissenschaftlichen Erörterungen wird dies als “Modell des Informationsdefizits” bezeichnet. Dieses Modell ist jedoch falsch: Menschen verarbeiten Informationen nicht so einfach wie eine Festplatte, auf die Daten heruntergeladen werden.
Um falsche Informationen zu widerlegen, muss man sich mit komplexen Denkprozessen
beschäftigen. Um erfolgreich Wissen zu vermitteln, müssen Redner verstehen, wie Menschen Informationen verarbeiten, wie sie ihr bestehendes Wissen aktualisieren und wie ihre
Weltanschauung ihre Fähigkeit beeinflusst, rational zu denken. Es spielt nicht nur eine Rolle, was Menschen denken, sondern auch, wie sie denken.
Ergänzende Strategien zum Umgang mit der Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse findest Du in „Denialism: what is it and how should scientists respond?“
Weitere Erklärungen zu dem Phänomen, dass – unabhängig vom Bildungsstand – Menschen Fakten je nach politischer Einstellung anders und ggf. falsch deuten. findest Du hier: Die große Verschwörung: Warum verweigern sich Menschen wissenschaftlichen Erkenntnissen?
Es wird aber noch ein bisschen schwieriger:
Was ist mit den Unsicheren – die noch Informationen brauchen und suchen?
Lewandowski hat vor allem untersucht, wie wir uns verhalten, wenn wir uns bereits auf einer Meinung festgelegt haben und mit einer Gegenmeinung konfrontiert sind. Es gibt aber Situationen, in denen wir selbst nach Informationen suchen, weil wir uns unsicher geworden sind, ob unsere Meinung eigentlich standhält und passt. Wir haben nämlich nicht nur das Motiv, unser Weltbild konstant zu halten, sondern auch ein Weltbild zu entwickeln, das effektiv ist und uns nicht in die Irre leitet. Wobei wir natürlich hoffen, dass neue Informationen unser bisheriges Weltbild nicht allzu sehr ins Wanken bringen, sondern nur ergänzen und verlässlicher machen. Etwas oberflächlicher ausgedrückt: wer möchte eigentlich von sich sagen, dass er oder sie schlecht informiert, oder nicht in der Lage ist, Fakten richtig zu deuten? Schließlich gibt es auch ein Gefühl von Sicherheit, wenn wir unsere Meinungen tiefer gegründet haben, als nur auf der Basis von oberflächlichen Gerüchten. Und nicht zuletzt wollen Menschen (das kann man zumindest im Anschluss an die Psychologie von Alfred Adler sagen) in gewisser Weise positiv wirken und in der Gesellschaft nützlich und etwas wert sein. Das bedeutet: wenn Menschen von sich aus anfangen, ein wenig zu suchen und dabei nicht gleich damit konfrontiert sind, dass man ihnen ihre Meinung buchstäblich ausreden will, sondern sie selbst die Gelegenheit haben, sich zu orientieren, dann ist information – wenn sie gut aufbereitet ist – durchaus hilfreich.
Nicht alle Themen sind so „einfach“, wie die Feststellung des anthropogenen Klimawandels
So einfach, wie bei der schlichten Feststellung der Tatsache des von Menschen verursachten Klimawandels, ist es bei fast keinem anderen Thema. Beim Klimawandel sind sich nahezu alle, die sich ernsthaft mit dem Thema befasst haben, einig: der Mensch verursacht einen globalen Temperaturanstieg, der für die Ökosysteme zu schnell voranschreitet, als dass diese sich anpassen könnten. Dies stellt Tierwelt und alle Lebewesen ein ganz großes Problem dar. Darüber hinaus werden bei zunehmendem Temperaturanstieg Kipppunkte erreicht, die ein Aufschaukeln des Erwärmungsprozesses bewirken, das von Menschen mit heutigen Technologien nicht gestoppt werden kann. Das ist so klar, dass es kaum erforderlich ist, hierzu noch mehr zu sagen. Man kann noch über das Ziel 1,5 Grad oder 2 Grad streiten – aber dann geht es erst richtig los: die Frage ist nämlich, wie kann man dieses Ziel erreichen? Und da sind wir dann auf einmal mitten in den Themen Wirtschaftssystem, Ungleichheit und so weiter. Und spätestens hier wird es schwierig. Will man einen sozialverträglichen Klimawandel, oder möchte man in Kauf nehmen, dass die bestehende Ungleichheit noch weiter verschärft wird? Und wenn man über das Thema Ungleichheit spricht, ist man immer auch beim Thema Werte. Man kann manche Themen gar nicht diskutieren, ohne sich und den anderen zu fragen: welche Werte sind wichtig und gültig? Auch bei diesen Aspekten ist natürlich nicht die Informationsflut das Mittel der Wahl, sondern der Dialog. Aber ganz ohne Informationen geht es einfach nicht. Wenn man sich ansieht, in welch absurder Weise Informationen verdreht werden, um bestimmte politische Ziele zu erreichen – ja, dann ist man doch wieder bei Lewandowski.
Zum Thema Fake News gibt es noch einen eigenen Abschnitt in der Rubrik „Fakten – gibt es gesicherte Erkenntnisse“ (link)
Auf unserer Seite zum Klimawandel bieten wir gezielt Informationen und Hinweise zum Thema „Leugnung des Klimawandels“.
Uns was soll bzw. darf man jetzt als Wissenschaftler*in sagen?
In der Zeit Online vom 3.6.2020 meldet sich Thea Dorn zu Wort (Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Moderatorin des „Literarischen Quartetts“) und fordert: Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen! Da wird Wissenschaftler*innen Rechthaberei und Ideologie vorgeworfen, die Wisssenschaft als Religion(sersatz) gegeißelt, bei dem sich Wissenschaftler zu Hohepriestern wandelten. Ein wichtiger Punkt in ihrer Kritik: Ein allzu simpler Wissenschaftsglaube, der die Möglichkeit von Irrtum, Ungenauigkeit verkennt und das Prinzip verlässt, dass Erkenntnisse immer in Frage gestellt und durch neuere, realistischere Theorien ersetzt werden müssen.
Es lohnt sich, die Antwort von Stefan Rahmstorf zu lesen. Er meint, Wissenschaftler müssen „Sagen, was wir kommen sehen“ (Zeit Online, 24.6.2020) – und das auch dürfen. Und er macht deutlich, dass es im Falle des Klimawandels eine so eindeutige Evidenz für den anthropogenen Faktor gibt, dass man tatsächlich von Ursache und (katastrophaler) Wirkung sprechen kann und muss.
Widerlegen, aber richtig – die Fassung von 2020
Die bekannten Ratschläge zum Widerlegen stammen aus dem Debunking Handbook von 2011. 2020 ist eine überarbeitete Fassung erschienen, die Lewandowsky mit vielen weiteren Fachleuten geschrieben hat. Die wichtigste Änderung: Die gefürchteten Bumerang-Effekte sind viel seltener als damals angenommen. Ein Gerücht beim Widerlegen einmal zu nennen, ist in vielen Fällen unbedenklich. Für den Bumerang-Effekt durch zu viele Argumente fand die einzige direkte Studie keinen Beleg. Und der Bumerang-Effekt der Weltanschauung ist kein verbreitetes, stabiles Phänomen. Große Experimente wie das von Wood und Porter (2019) mit über 10.100 Teilnehmer/innen fanden ihn praktisch nicht.
Das Handbuch 2020 empfiehlt einen einfachen Aufbau: zuerst der Fakt, dann eine Warnung und der Mythos (nur einmal), dann die Erklärung, warum der Mythos falsch ist, und zum Schluss noch einmal der Fakt. Noch besser ist es, vorzubeugen: Wer typische Tricks der Desinformation kennt, fällt seltener darauf herein. Dieses „Prebunking“ hat sich in großen Studien bewährt, auch auf YouTube.
Quellen: The Debunking Handbook 2020 · Widerlegen, aber richtig 2020 · Roozenbeek u. a.
Der Konsens als Türöffner – und seine Grenzen
Das „Gateway Belief Model“ von Sander van der Linden und Kollegen besagt: Wer erfährt, dass sich fast alle Klimaforscher/innen einig sind, ändert auch andere Überzeugungen. Er hält den Klimawandel eher für real und menschengemacht, sorgt sich mehr und unterstützt eher politische Maßnahmen. Viele Experimente haben das bestätigt.
Die Grenzen zeigt die weltweite Vergleichsstudie von 2024: Die Konsens-Botschaft steigerte die Zustimmung zur Klimapolitik in Rumänien um 9 Prozent, in Kanada senkte sie sie um 5 Prozent. Wie eine Botschaft wirkt, hängt also von Land, Kultur und Vertrauen in die Wissenschaft ab. Zugleich bleibt der Konsens wenig bekannt: 2024 wusste nur etwa jede/r fünfte Amerikaner/in, dass sich über 90 Prozent der Klimaforscher/innen einig sind.
Quellen: van der Linden u. a. · Vlasceanu u. a. · Yale Program on Climate Change Communication